Die erste Bankenkrise der Schweiz

History Reloaded

Berner Patriziat im 18. Jahrhundert: «Die Familie Stettler am Münzrain in Bern», Gemälde von Johann Ludwig Aberli (1757). Foto: Wikipedia

In den Prozessen geht es um Milliarden. Die CS hat bereits bezahlt, die UBS prozessiert noch dagegen, während Raiffeisen personell im Strudel ist. Die Schweizer Banken geben ein schlechtes Bild ab. Zudem sind die Zinsen rekordtief. Seit Jahren. Deshalb leben viele auf Pump. Und die Verschuldung nimmt zu. Und zu. Und zu. Man braucht deshalb weder Seher noch Bankenexperte zu sein, um vorherzusagen: Die nächste Bankenkrise kommt bestimmt. Das zeigt auch ein Blick in die Geschichte.

Vor der UBS-Krise von 2008 gab es zum Beispiel die Thuner Pleite von 1991, den Gamser Bankenkrach von 1936, die Weltwirtschaftskrise von 1929 und den Solothurner Bankencrash von 1887.

Die folgenschwerste Bankenkrise der Schweiz ereignete sich allerdings 1720 in Bern. Sie hat Auswirkungen bis heute.

Was vielen nicht bewusst ist: Die alte Eidgenossenschaft war bereits im 18. Jahrhundert, zur Zeit der Puderperücken und Reifröcke, also lange vor dem gewinnreichen Wirken von Bankgesellschaft, Kreditanstalt & Co. ein Bankenland, genauer: ein Privatbankenland. In Genf wirtschafteten die Privatbanken von d’Aubert, Naville oder Boissier, in St. Gallen die Högger, Schlumpf und Zollikofer, in Neuenburg die Cartier, de Pury und de Rougemont, in Zürich die Meyer, Escher und von Muralt, in Basel die Burckhardt, Merian und Sarasin, in Bern die Zeerleder, Gruner und Malacrida.

Die Südseeblase platzt

Letztgenannte ist Berns erste Bank und hat damals laut Zeitzeugen «in gantz Europa den besten Credit». Die Bank Malacrida gilt als «hiesige Oberen Banque» und sorgt für grosses Aufsehen. Handel, Soldwesen und vorindustrielle Produktion generieren viel Geld, das sich vermehren soll. Auch die Stadt und die Republik Bern sind damals so reich, dass sie die Überschüsse den Banken zur Verwaltung übergeben. Ab 1710 legen die Privatbank Malacrida & Cie. und ihre Londoner Agentur Samuel Müller & Cie. die Berner Staatsgelder an. Sie investieren in Aktien. Damals stellen Frankreich und England die Edelmetallwährung auf Papiergeld um, was die Aktienkurse hochschiessen lässt.

Bern, Malacrida und Müller profitieren und kassieren. Trunken von den unglaublich hohen Gewinnen investieren sie weiter. Trotz geringem Eigenkapital und mit gross angelegten Spekulationen auf Wechselkursen: Ein erster Crash in Paris nützt den Berner Bankern sogar, weil Fluchtkapital in die Schweiz fliesst. Dann platzt 1720 die internationale Spekulationsblase, die nach der dafür verantwortlichen Firma auch «South Sea Bubble» heisst. Auch die Berner Finanzhäuser werden «mit vollem Strohm dahingerissen», wie es Zeitgenossen festhielten.

Der Schock sitzt tief

In Bern folgt das grosse Erwachen. Die Berner Privatbank Malacrida ist sofort zahlungsunfähig. Bern und seine Patrizier, die massenhaft investiert hatten, haben aufgrund des unerwarteten Bankrotts das Nachsehen. Die Investitionsgier stürzt Bern in eine tiefe Krise. Mehr als zehn Jahre dauert die Abwicklung des Konkurses der Malacrida-Bank; private Gläubiger erhalten 55 Prozent ihrer Forderungen, die Berner Obrigkeit hingegen nur 27,5 Prozent – nur dank diesem Entgegenkommen der öffentlichen Hand geht die Bankenkrise einigermassen glimpflich über die Bühne, sodass Malacridas Schwiegersohn David Gruner die Bank retten kann.

Doch der Schock über den Crash sitzt so tief, dass man in Bern 1723 ein generelles Bankenverbot diskutiert. Dass Bern im Gegensatz zu Zürich keine Bankenstadt geworden ist, geht unter anderem auf den Bankenkrach von 1720 zurück. Hätte man sich 1720 nicht verspekuliert, wäre Bern heute eher eine Banken- statt Beamtenstadt.

Übrigens: Einer der verantwortlichen Banker bei Malacrida, der junge Berner Patrizier Friedrich von Wattenwyl (1700–1777), siedelt nach dem Bankrott nach Berthelsdorf in die Oberlausitz über. Dort wirkt er als Gutsverwalter eines Rittergutes, das Glaubensflüchtlinge aufnimmt und eine religiöse Brüdergemeinschaft beheimatet. Statt Geld sammelt er verlorene Seelen und bringt es bis zum Bischof der «Herrnhuter Brüdergemeine» – in die Eidgenossenschaft kehrt der gescheiterte Bankier nur gelegentlich als Erweckungsprediger zurück. Ob er auch verschuldete Bankenopfer bekehrte, ist nicht überliefert.

Literatur: Nikolaus Linder; Die Berner Bankenkrise und das Recht; Schulthess, Zürich 2004.