Wie Zürichs Demokraten die moderne Schweiz formten

History Reloaded

Der Zürcher Anwalt Friedrich Locher legte sich verbal besonders heftig mit der Wirtschaftselite an. Foto: PD

Die Zürcher Demokraten stürzten im Frühling 1869 nicht nur das System Escher. Ihnen verdanken wir auch die Einführung der direkten Demokratie auf Bundesebene. Warum die Demokratische Bewegung des Kantons Zürich schweizweit eine derart starke Wirkung entfalten konnte, erklärt am besten ein Vergleich mit den beiden vorausgegangenen Massenbewegungen im Aargau und in Baselland.

Im westlichen Nachbarkanton führte der Vorschlag der freisinnigen Regierung, den Juden in Lengnau und Endingen die Bürgerrechte zu gewähren, im Herbst 1861 zu einem pogromähnlichen Aufstand in den beiden Gemeinden. In der Folge breitete sich die antisemitische Bewegung unter Führung des auf den Papst getauften Piusvereins ins Freiamt und andere katholische Gebiete aus. Unter dem Hauptslogan «Die Schweiz ist geschichtlich ein Vaterland der Christen» forderte sie zusätzlich den Ausbau der Volksrechte, insbesondere das obligatorische Gesetzesreferendum.

Nach dem Emanzipationsbeschluss des Grossen Rates im Mai 1862 brach der sogenannte Mannlisturm los, der auch protestantische Dörfer erfasste. Er erreichte die Abberufung des Parlaments und die Abschaffung der jüdischen Gleichberechtigung. Die in den Neuwahlen bestätigte freisinnige Mehrheit führte darauf das fakultative Referendum ein. Das Bundesparlament verfügte 1863 aufgrund einer Beschwerde von Aargauer Juden deren Gleichstellung mit den Christen.

Eigenwilliger Basler Demokrat

Wie gross die Hypothek des Mannlisturms für die Ausweitung der Volksrechte auf Bundesebene war, zeigte sich 1872 in der Debatte zur Totalrevision der Bundesverfassung. Nachdem wiederholt mit dem Hinweis auf die «Judenfrage im Aargau» die Einführung des Referendums infrage gestellt worden war, konterte der Winterthurer Nationalrat Theodor Ziegler mit einer anderen Abstimmung aus dem Jahre 1861: «Aber man schweigt darüber, dass das Volk von Graubünden es war, welches den Israeliten die Rechte des Menschen und des Bürgers verschaffte.»

Im gleichen Jahr hatte das Zürcher Parlament die Gleichberechtigung der Juden beschlossen, und zwar auf Antrag von Gottlieb Ziegler-Beutler, der später ebenfalls zu einem Kopf der Winterthurer Demokraten wurde. Ist die Zürcher Bewegung, zu deren Ursprüngen die Gleichberechtigung einer diskriminierten Minderheit gehörte, nicht eine völlig andere als die Aargauische, deren Kerngehalt die Ausgrenzung der Juden war?

Die Volksbewegung in Baselland wurde ausgelöst, angeführt und zerstört durch den eigenwilligen und charismatischen Lehrer Christophe Rolle. Nachdem es ihr 1862 gelungen war, gegen die liberale Elite eine Totalrevision der Verfassung durchzusetzen, versuchte sie, den Ausbau der Volksrechte mit dem der Bürgerrechte zu verbinden. Der erste Entwurf beinhaltete zusätzlich zur direkten Demokratie die Niederlassungsfreiheit für Juden, die Einführung der Zivilehe und die Abschaffung der Todesstrafe. Aber sie scheiterte ganz knapp an einer unheiligen Allianz von liberalen Gegnern der neuen Volksrechte und klerikalen Gegnern der neuen Bürgerrechte.

Im zweiten Anlauf konzentrierte sich Rolle auf die Volksrechte und brachte so im März 1863 das erste obligatorische Gesetzesreferendum in einem Schweizer Kanton durch. Als Regierungsrat führte er dann ein derart autoritäres Parteiregiment, dass in den Worten des Verfassungshistorikers Alfred Kölz die «Strahlungswirkungen» der Baselbieter Errungenschaften auf die anderen Kantone klein blieben. Als Rolle im Mai 1865 in einem Wirtshaus einen Gegner mit zwei Messerstichen lebensgefährlich verletzte, waren seine Zeit und die der Bewegung abgelaufen.

Die Zürcher waren keine Wutbürger

Kölz weist in seiner «Neueren Schweizerischen Verfassungsgeschichte» auf einen entscheidenden Unterschied zwischen den Baselbieter und den Zürcher Demokraten hin: Diese verweigerten ihrem «Hauptagitator» Friedrich Locher, der sich am heftigsten mit Escher angelegt hatte, eine führende Stellung. Die Aussage von Felix E. Müller in der jüngsten NZZ am Sonntag, Escher sei «von einem Protest, den ein Trumpscher Wutbürger anführte», weggefegt worden, ist deshalb falsch. Die Zürcher Bewegung baute auf einem dichten Vereinsnetz, das es damals im Baselbiet noch nicht gegeben hat. Zudem verfügte sie über zahlreiche hervorragende Köpfe, die ihr politisches Handwerk im linksfreisinnigen Netzwerk «Helvetia» gelernt hatten.

Die Zürcher Verfassung vom April 1869, die dank ihren Volks- und Bürgerrechten, ihren sozialen und humanen Inhalten zu den weltweit fortschrittlichsten gehörte, war nicht das Werk von Rechtspopulisten wie dem Aargauer Piusverein oder von Linkspopulisten wie dem Baselbieter Christoph Rolle. Sie war das Werk einer Bürgerbewegung, die ein paar Jahre später auch der Bundesverfassung ihren progressiven Stempel aufzudrücken vermochte.

Die einzige Forderung, die sowohl in Zürich wie in Bundesbern kein Gehör fand, war die nach der Gleichberechtigung der Frauen. Dass es für diesen Fortschritt ein ganzes Jahrhundert brauchte, ist ein anderes Kapitel, das nicht von Radikaldemokraten geschrieben wurde.

8 Kommentare zu «Wie Zürichs Demokraten die moderne Schweiz formten»

  • Otto Ganz sagt:

    „In mehreren Kantonen kämpften Aktivisten vor 150 Jahren für mehr Volksrechte. Wirklich fortschrittlich waren aber nur die Zürcher.“
    .
    Und heute kann man froh sein um die konservativen Innerschweizer und Tessiner, auf dass sie uns alle vor dem Demokratieabbau durch EU bewahren!

    • Jack Stoffel sagt:

      Ganz: Mit exakt denselben Argumenten kämpften schon damals Ihre „konservativen Innerschweizer und Tessiner“ gegen mehr Demokratie. Also damals reaktionär – heute reaktionär. Schlechte Referenz, Herr Ganz.

  • Jürg Brechbühl sagt:

    Ich finde den Artikel übersichtlich geschrieben und der Vergleich mit den anderen Bürgerbewegungen ist interessant. Mir fehlt einzig ein Blick in die Westschweiz und das Tessin.
    Diesmal schafft es Josef Lang sogar, neutral, sachlich historische Fakten aufzuschreiben, ohne linke politische Polemik. Er kann also, wenn er denn für einmal will!
    Augenscheinlich fängt die Politpropaganda der Linken und Gründen erst mit dem Landesstreik von 1918 an. Vorher waren sie noch normal.

    • Thomas Hartl sagt:

      Grüne Politik begann in den 70-er Jahren, linke Politik mit der industriellen Revolution, deutlich vor dem Landesstreik. Dass die Linke ab 1918 als Bedrohung wahrgenommen wird, liegt an der Machtübernahme von Kommunisten in Russland und von Sozialdemokraten in Deutschland und anderen europäischen Staaten. Das wiederum war eine Folge des eklatanten Versagens von Nationalismus und Bürgertum, das in den ersten Weltkrieg geführt hat. Bei der positiven Beurteilung von Herrn Langs Artikel kann ich ihnen aber uneingeschränkt beipflichten.

      • Marcus Ballmer sagt:

        Schade kann man bei den Kommentaren hier keine Empfehlungen abgeben. Der Ihrige hätte es verdient. Gute Einschätzung und Zusammenfassung.

    • Jack Stoffel sagt:

      Brechbühl: Umgekehrt wird ein Schuh draus! So gut wie jeder Ihrer Beiträge hier zeugt von einer Art einbrennlackiertem Hass gegen angebliche Linke. Aber Sie müssen das nicht rechtfertigen. Sie wurden offenbar mit einem Kommunistenfresser-Gen geboren und können nicht anders, als hinter jedem Baum, jeder Wegbiegung und und jeder Hausecke einen bösen Linken zu orten.

  • Andreas Zingg sagt:

    Literarisch wird die Entwicklung in Zürich von Gottfried Keller in seiner Novelle „Das verlorene Lachen“ behandelt. Lesenswert!

  • Seraphim Weibel sagt:

    Schwer verständlich und umständlich geschrieben, schade. Viel Glück beim nächsten Mal, denn das Thema interessiert

Kommentar

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