Er fürchtete weder Tod noch Teufel

History Reloaded

Medizinstudium in Kriegsgefangenschaft: Bill «Tiger» Watson (undatierte Aufnahme). Foto: PD

Oft erscheint die scheinbar ferne Vergangenheit unvermittelt aktuell. So im letzten Monat, als der englische Arzt Bill «Tiger» Watson zu Grabe getragen wurde. Der Mann verstarb im Alter von 97 Jahren und war einer der letzten überlebenden Soldaten, die an der legendären Marineoperation «Chariot» der Briten teilgenommen hatten.

Die Royal Navy zerstörte in der Nacht auf den 28. März 1942 den von der deutschen Wehrmacht besetzten Hafen von Saint-Nazaire an der französischen Westküste. Der nunmehr verstorbene «Tiger» Watson fürchtete damals weder Tod noch Teufel, wofür ihm Jahre später ein militärischer Orden an die Brust geheftet wurde. Der Soldat überlebte die Attacke verletzt, kam in ein Krankenhaus nach Rennes und verbrachte den Rest des Kriegs als Gefangener auf Schloss Spangenberg bei Kassel.

Im Mittelpunkt der Operation «Chariot» stand der veraltete Zerstörer Campbeltown, ein Kriegsschiff, das die Amerikaner den Briten überlassen hatten. Es verliess am 26. März mit einer Flottille den englischen Hafen Falmouth und fuhr am folgenden Tag Richtung Saint-Nazaire. Die Wehrmacht hatte diesen Hafen zur zweitgrössten westlichen Basis ausgebaut, um von dort aus den Atlantikverkehr der Alliierten zu stören.

Schwere Verluste auf beiden Seiten

Die Campbeltown konnte sich in der Nacht dem Hafen weitgehend unerkannt nähern, zumal sie als deutscher Zerstörer getarnt war. Vor allem aber war sie mit Tonnen von Sprengstoff gefüllt, der im Lauf des folgenden Morgens im Hafenareal explodieren sollte. Die Operation verlief zumindest streckenweise nach Plan: Die Campbeltown ging am 28. März um 10.35 Uhr in die Luft und riss mehr als 200 Wehrmachtangehörige sowie französische Zivilisten in den Tod. Die Detonation erfolgte, obgleich deutsche Inspektoren das von den Briten verlassene Schiff zuvor auf Sprengmaterial absuchten – und nichts Verdächtiges fanden.

Doch der Erfolg kostete auch die britische Seite viel. Denn die Besatzungen der Begleitboote waren für die deutsche Verteidigung Kanonenfutter. Zahlreiche Marineleute versanken oder verbrannten. Andere vermochten jedoch die Quais zu stürmen und konnten die deutschen Verteidigungsanlagen weitgehend zerstören. Saint-Nazaire blieb bis zum Kriegsende unbrauchbar.

Etliche Briten schafften allerdings die Rückkehr auf die Beiboote nicht mehr. Sie versuchten sich durch die deutschen Linien in das Landesinnere zu schlagen und gerieten in Gefangenschaft – mit bemerkenswerten Ausnahmen. Fünf Soldaten etwa gelang die tollkühne Flucht durch Südfrankreich und Spanien nach Gibraltar.

Einsatz als Arzt in Kriegsgebieten

Bill «Tiger» Watson war nicht unter ihnen. Er führte vielmehr ein fünfköpfiges Kommando, das sich im Hafen absetzte, um die deutsche Abwehr zu verwirren und vor allem die Schleusentore zu sprengen. Kaum an Land erlitt Watson eine Beinverletzung; er übernahm dennoch die Führung einer zusätzlichen Truppe, deren Offizier gefallen war. Später brach er sich einen Arm und musste sich ergeben. Die konservative englische Tageszeitung «The Daily Telegraph» fasste in Watsons Nachruf seine militärischen Meriten zusammen: «Sein Mut und seine Führungsstärke erlaubten Teilen der Truppen, zu den Begleitschiffen zurückzukehren.» Die Zeit in der Gefangenschaft nutzte Watson für ein Medizinstudium mit Büchern, die ihm das Rote Kreuz vermittelte.

Denn der Mann war nicht das militärische Raubein, für das man ihn nach seinem tapferen Einsatz halten konnte. In der Nachkriegszeit arbeitete er in einem englischen Spital, wo er seine Frau, eine Ärztin, kennen lernte. Die beiden entschlossen sich, 1970 nach Biafra auszuwandern, in den sezessionistischen Teil von Nigeria. Dort kümmerten sie sich während des damaligen Bürgerkriegs um Verwundete. Das war der Anfang eines jahrzehntelangen medizinischen Einsatzes des Paares in Krisengebieten im Dienst von NGOs.

Bleibt die Frage, woher der Übername «Tiger» kam? Watson setzte offenbar ein derart schrulliges Lachen auf, das seine Kameraden an die damals populäre Comicfigur «Tiger Tim» im Boulevardblatt «Daily Mirror» erinnerte.

3 Kommentare zu «Er fürchtete weder Tod noch Teufel»

  • Beni Jung sagt:

    Was für eine dumme, militärisch sinnlose Aktion. Die Engländer verheizten ihre eigenen Soldaten, wohlwissend, dass die meisten keine Chance hatten zu überleben. Schlecht ausgerüstet, kaum trainiert, wurden sie als Kanonenfutter in schlecht geplante Angriffe geschickt.
    Allgemein zeichnete sich England durch einen grossen Verschleiss von Soldaten aus. Das hing u.a. damit zusammen, dass der englische Generalstab aus Adligen bestand, welcher in einfachen Soldaten aus dem Volk kein schützenswertes Leben sah.

  • Konrad Trümpler sagt:

    Was für ein mutiger Mensch.
    Das Hauptmotiv für den Angriff auf den Hafen von St.Nazaire war das riesige „Normandie“-Trockendock, welches als einzige Reparaturstätte an der Atlantikküste das 1942 verbliebene deutsche Schlachtschiff „Tirpitz“ aufnehmen konnte. Mit der Zerstörung des Docks wurde die „Tirpitz“ gezwungen, via die viel gefährlicheren Routen duch den Kanal oder die GIUK-Lücke nördlich der britischen Inseln einen deutschen Hafen anzulaufen. Sie wurde als Folge des „St.Nazaire-Raid“ 1942 ins Europäische Nordmeer verlegt und dort 1944 durch britische Klein-U-Boote und Lancaster-Bomber versenkt.
    Im Hafen von Falmouth erinnert eine Gedenktafel an den tollkühnen Angriff auf den Hafen von St.Nazaire.

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