Der erste Brexit

History Reloaded

Erst der Liebesschwur, später die Hinrichtung: König Henry VIII. mit seiner zweiten Frau, Anne Boleyn. Foto: Getty Images

Alternder Mann verguckt sich in eine Jüngere – und macht sich lächerlich. So muss man den Liebesbrief lesen, den der englische König Heinrich VIII. an die elf Jahre jüngere Hofdame Anne Boleyn 1528 geschrieben hatte: «Meine Freundin, meine Geliebte, ich lege mich und mein Herz in deine Hände …» Pech nur, dass der verknallte Heinrich damals schon fast 20 Jahre verheiratet war mit der katholischen Spanierin Katharina von Aragon. In der Folge verlangte Heinrich (1491–1547) vom Papst die Erlaubnis, sich scheiden zu lassen, um seine geliebte Anne Boleyn zu heiraten. Dieser Wunsch wurde ihm nicht gewährt, und Heinrich sagte sich von der katholischen Kirche los. So ist die Geschichte in den Schulbüchern zu lesen.

Dahinter steckt indes mehr als eine Liebesgeschichte. Denn mit dem Abschied vom Vatikan löste sich England zum ersten Mal vom Kontinent und entschied sich für einen eigenen Weg. Die Parallelen zum aktuellen Brexit sind offenkundig: Die englischen Machthaber lassen sich vom Kontinent nicht dreinreden. Was hat ein Papst in Italien über das Liebesleben des Königs im Hampton Court Palace bei London zu entscheiden?

Rom lag im 16. Jahrhundert aus englischer Sicht schier auf einem anderen Planeten. Brüssel ist zwar geografisch wesentlich näher bei London, aber bis heute wird die EU von zahlreichen Briten als ein aussenstehendes Machtzentrum gesehen, das sich – unter der Ägide der britischen Erzrivalen Frankreich und Deutschland – ungebührlich in die inneren Angelegenheiten des Vereinigten Königreichs einmischt.

Gegen die Reformation

So gesehen, liest sich die Geschichte von Heinrich VIII. anders. Ihm und den Seinen ging es beim Scheidungszwist weniger um die Liebe als um die Macht. Der politische Führer sollte zugleich das Oberhaupt der Kirche sein. Dem gläubigen König war es bei diesem Entscheid laut seinem Biografen, dem Historiker John Matusiak, keineswegs wohl. Er wollte sich nicht gegen den katholischen Glauben versündigen, dem er auch ohne Bekenntnis zu Rom noch immer anhing. Deshalb sorgte Heinrich VIII. dafür, dass sich die damals revolutionären Ideen der Reformation in Grossbritannien nicht durchsetzten. Die Lehre der anglikanischen Kirche ist bis heute vergleichbar mit der christkatholischen hierzulande und damit dem römisch-katholischen Glauben näher als dem evangelischen.

Die religiöse Rivalität spiegelte die politische und die militärische jener Zeit: Nachdem England im Hundertjährigen Krieg weite Teile Frankreichs besetzt gehalten hatte, war die heute französische Hafenstadt Calais noch immer englisch. Um bei der Brexit-Analogie zu bleiben: Der britische EU-Austritt wäre wohl einfacher, wenn Calais und Dover bis heute politisch zusammengehörten. Zumindest aus britischer Sicht, aus französischer wohl weniger.

Ein Mädchen als Thronfolgerin genügte nicht

Doch Heinrich waren die französischen Ansprüche auf Calais ohnehin egal. Der Engländer wähnte sich als französischer König und hielt die kontinentalen Nachbarn für seine Untertanen. Er scheute sich nicht, zahlreiche Feldzüge gegen sie zu führen, bis seine Staatskasse klamm war: Heinrich VIII. war ein schwacher Politiker und ein hilfloser Stratege. Aber noch weniger kannte er sich in Liebesdingen aus. Zwar konnte er nach der Trennung von seiner Frau Anne Boleyn heiraten und hatte mit ihr eine Tochter, die später als Elisabeth I. Geschichte schrieb. Ein Mädchen als eine Thronfolgerin genügte ihm nicht, und er liess Mutter Boleyn hinrichten. So steht es wiederum in den Schulbüchern.

Vielleicht steckt jedoch auch in dieser Geschichte mehr: Denn Anne Boleyn war ein politisches Talent mit aussergewöhnlichem Ehrgeiz. Heinrich VIII. erkannte, dass ihm die neue Frau an seiner Seite gefährlich werden könnte. Er tat das, was Potentaten seines Zeitalters zu tun pflegten. Er rief den Scharfrichter; im Fall von Anne Boleyn kam der Vollstrecker aus der Gegend von Calais.

5 Kommentare zu «Der erste Brexit»

  • Bebbi Fässler sagt:

    Musste sich Heinrich und England damals dem Diktat aus Rom unterwerfen?

    Wie war das mit dem Gang nach Canossa als sich der Deutsche König vor dem Papst niederwerfen musste?

  • tigercat sagt:

    Mir scheint, dass Herr Hürzeler da eine Analogie ziehen will, wo es gar keine Analogie gibt.
    Der schwanzgesteuerte Heinrich VIII wollte einfach mit Anne Boleyn ins Bett aber ohne Ehe verweigerte diese sich. Aber leider widersetzte sich der Papst seiner Scheidung.
    Dass Heinrich gleich eine eigene anglikanische Kirche gründete war eher diesem Umstand geschuldet, als Oberhaupt einer Kirche sein zu werden.
    Wenn Sie schreiben, dass Heinrich einerseits gläubiger Katholik war aber anderseits Oberhaupt einer eigenen Kirche sein wollte, ist das ein Widerspruch in sich. Ein gläubiger Katholik stellt nicht die Autorität des Papstes in Frage.
    Ganz abgesehen davon, dass dieser Brexit eine rein persönliche Angelegenheit war und nicht diejenige des Volkes.

    • Jennifer sagt:

      Zustimmung. Seh ich auch so. Hier war wohl einfach etwas zum Thema Brexit gefragt, aus aktuellem Anlass. Ein Anglist muss sich manchmal für die Zeitung wohl etwas aus den Pfoten saugen, wie man sagt.
      Berechtigt ist jedoch im Artikel der Hinweis darauf, wie weit England nicht nur geografisch, sondern auch emotional vom Kontinent entfernt ist und immer war. Das wurde vor lauter EU-Euphorie zu wenig beachtet. Das Resultat davon sieht man nun.

  • Bebbi Fässler sagt:

    Immerhin hatte der Scharfrichter von Anna B. mehr Erfahrung als der Scharfrichter der Maria S. (aus Schottland).
    .
    Die spanische Ehefrau von Heinrich kam ihrer Pflicht als Ehefrau nicht nach! Sie produzierte zu wenige Söhne und Nachfolger das alten Herrschers!
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    Pech hatte Heinrich mit der Dame aus Deutschland, das Bild war sehr, sehr hübsch, entsprach leider nicht der Realität! Nicht einmal Fototyp ähnlich war die Braut aus Deutschland, aber sie wurde relativ Alt am alten England!

  • Oliver Keller sagt:

    Prima zusamengefasst, vielen Dank, Rolf Hürzeler!

Kommentar

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