Der Schweizer, der Hitler töten wollte

History Reloaded

Der verhinderte Attentäter: Maurice Bavaud auf einer undatierten Aufnahme. Foto: Keystone

Vor 80 Jahren, Ende Januar 1939, hat der Schweizer Maurice Bavaud in einem Gestapo-Verhör in Augsburg gestanden, ein Attentat auf Adolf Hitler geplant zu haben. Der aus Neuenburg stammende Bavaud war zwei Monate zuvor im Schnellzug München–Paris festgenommen worden, weil er keine Fahrkarte hatte. Dafür fand die Bahnpolizei bei dem 22-Jährigen eine Pistole und 19 Patronen. Nach einem ersten Verhör durch die Geheime Staatspolizei (Gestapo) verurteilte ihn das Amtsgericht Augsburg am 6. Dezember 1938 wegen Schwarzfahrens und unbefugten Waffentragens zu 9 Wochen Gefängnis. Allerdings stiess die Gestapo bei ihren Nachforschungen auf Ungereimtheiten und unterzog den Gefangenen vom 24. bis 31. Januar einem zweiten Verhör.

Diesem war Bavaud nicht mehr gewachsen. Nach seinem Geständnis tischte er die Geschichte auf, im Auftrag einer «einflussreichen Persönlichkeit» gehandelt zu haben, die Hitlers «Friedensliebe» als Hindernis für den notwendigen Krieg betrachtete. Die Gestapo kaufte das Bavaud nicht ab, worauf er ins Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit überstellt wurde. Nach einem weiteren richterlichen Verhör verhängte der Volksgerichtshof am 18. Dezember 1939 die Todesstrafe über den Einzeltäter. Von den Schweizer Behörden in Bern und Berlin im Stich gelassen, wurde Bavaud am 14. Mai 1941 in Plötzensee hingerichtet.

Religiöses Tatmotiv

Bauvaud war kein professioneller, aber ein akribischer und beharrlicher Attentäter. Nachdem er in Basel am 20. Oktober 1938 eine Pistole und 10 Patronen schwachen Kalibers gekauft hatte, reiste er damit nach Berlin und darauf nach Berchtesgaden. Hier erfuhr er von einem Insider, dass Hitler am 9. November in München den 15. Jahrestag seines Putschversuchs in Bayern feiern würde. Dank seines Auftretens gelang es Bavaud als einzigem Ausländer, eine Ehrenkarte für die Tribüne zu ergattern, wo er in der vordersten Reihe Platz nahm. Zu seinem Pech positionierte sich dann vor ihm ein zweireihiges, mit Fahnen bewehrtes SA-Spalier, das im entscheidenden Moment dem vorbeimarschierenden Reichskanzler den Hitlergruss entbot. Damit verkleinerte sich das Schussfeld und vergrösserte sich die Distanz zum Ziel. Bavaud verzichtete deshalb, seine geladene Waffe zu zücken.

Am folgenden Tag, dem nach der Reichspogromnacht, suchte Bavaud Hitler wieder in Berchtesgaden auf. Am 12. November gelang es ihm, mit dem fingierten Empfehlungsschreiben eines französischen Rechtsextremen in München ins Haus des Führers zu gelangen. Hier wurde er an die Reichskanzlei in der Nähe von Berchtesgaden weitergewiesen. Weil diese bei seiner Ankunft bereits geschlossen war, gab Bavaud auf. Kurz darauf stieg er in den Zug, in dem er am gleichen Abend verhaftet wurde.

Der Historiker Martin Steinacher hat die Geschichte von Maurice Bavaud aufgearbeitet.

Der deutsche Historiker Martin Steinacher, von dem die jüngste Publikation über Maurice Bavaud stammt, erklärt sich den Abbruch des Planes mit der religiösen Motivation des Attentäters. Sein wiederholtes Scheitern habe er als Zeichen Gottes verstanden. Maurice war der älteste Sohn einer kinderreichen, katholischen Pöstlerfamilie im protestantischen Neuenburg. Aufgrund seines Berufswunsches, Missionar zu werden, trat Bavaud als 19-Jähriger in ein bretonisches Internat ein. Dieses wurde ihm aber zu eng und er verliess es ohne Studienabschluss im Juli 1938 wieder. Zu Hause reifte bei ihm der Entschluss, Hitler zu töten. Dabei dürfte auch eine Rolle gespielt haben, dass Papst Pius XI. zu Mussolini und Hitler seit 1937 immer mehr auf Distanz ging.

Dem Volksgerichtshof lagen zwei Gutachten vor, die Bavaud als «strenggläubigen Katholiken» einstuften. Er selber erklärte am 18. Dezember 1939, er habe Hitler töten wollen, weil er dessen Persönlichkeit für eine Gefahr für die Menschheit und nicht zuletzt auch für die Schweiz halte. Vor allem aber seien kirchliche Gründe für seine Tat bestimmend gewesen.

Keine Unterstützung durch die Schweizer Regierung

In den folgenden 17 Monaten, in denen Bavauds Vater unter anderem beim ebenfalls katholisch-konservativen Bundesrat Motta für das Leben seines Sohnes kämpfte, war die Hauptsorge der Landesregierung und der Berliner Botschaft, Öffentlichkeit zu verhindern. Der nazifreundliche Gesandte Frölicher schrieb am 1. April 1940 von den «verabscheuungswürdigen Absichten des Verurteilten». Nach der Bekanntgabe des Todes von Maurice verzichtete der zuständige Pfarrer in Neuenburg auf den üblichen Beileidsbesuch bei den Hinterbliebenen. Der Direktor der katholischen Schule verbot dem Personal den weiteren Umgang mit der Familie Bavaud.

Im Dezember 1955 weigerte sich das zuständige Landgericht in Berlin, Bavaud zu rehabilitieren. Es sprach eine fünfjährige Zuchthausstrafe aus, weil der Versuch, Hitler zu töten, strafwürdig sei, aber nicht die Todesstrafe verdiene. Auf Druck der Schweiz hob das Berliner Kammergericht im Januar 1956 das Urteil gegen Bavaud vollständig auf. Die Erklärung lautete, für einen Versuch hätte es das Ergreifen und Anlegen der Waffe gebraucht. Am 7. November 2008 erklärte Bundespräsident Pascal Couchepin, die Schweizer Behörden hätten sich damals «zu wenig für den Verurteilten eingesetzt». Über Maurice Bavaud fügte er bei, dieser «hat wohl das Verhängnis, das Hitler über die ganze Welt brachte, vorausgeahnt, und er verdient damit unsere Erinnerung und Anerkennung.»

16 Kommentare zu «Der Schweizer, der Hitler töten wollte»

  • gabi sagt:

    Wenn´s geklappt hätte, wäre er jedenfalls noch weniger gefeiert worden als heute. (man stelle sich etwa nur mal vor, was passieren würde, wenn ein Attentat auf Putin – identisch begründbar – scheitern würde)

    All das, wofür wir diesen Plan heute als hilf- oder gar segensreich ansehen, war zum Zeitpunkt des Attentats noch nicht bekannt oder noch gar nicht durchgeführt.

    Schwierig. Moralisch äusserst schwierig.

  • Peter Müller sagt:

    Etwas schlecht recherchiert: Wenn er die Pistole mit 10 Patronen kaufte, wehalb wurde er dann mit 19 Patronen verhaftet?
    Das Attentat war recht einfältig – nur noch übertroffen von einem deutschen Adligen, den man dafür seit Jahren feiert 🙁

    • Anh Toàn sagt:

      Zumindest gemäss moderner Strafrechtslehre war dies nicht mal ein Versuch eines Attentates („letzter entscheidender Schritt von dem es kein zurück mehr gibt“, war nicht gemacht), sondern nicht mehr als Vorbereitungshandlungen.

      • Peter Müller sagt:

        In Guantanamo sind Leute seit Jahren inhaftiert, die nur in dem Verdacht stehen, ein Attentat begehen zu können.
        Die Lehre ist eben nicht die Praxus 😉

      • Anh Toàn sagt:

        Ach, da müssen Sie nicht bis nach Guantanamo das Obama bis auf 41 Gefangene gelehrt hat:

        Aus 20 Minuten:

        „In der Schweiz sind 3000 Personen polizeilich als Gefährder registriert…. Gemäss der Vorlage zu einem neuen Anti-Terror-Gesetz soll die Polizei eigenständig Massnahmen wie Hausarrest, Kontaktverbote oder den Einsatz von elektronischen Fussfesseln anordnen können, wenn ihr eine Person als gefährlich erscheint, sie aber keine Gründe für eine Strafverfolgung findet.“

  • Jürg Brechbühl sagt:

    Mich wundert viel mehr, dass kein einziger von den damals um die 30 Millionen Deutschen das Problem erledigt hat. Warum braucht es dafür einen Schweizer?

    • Anh Toàn sagt:

      Erstens hat der Schweizer das Problem nicht erledigt.
      Zweitens hat sich die Schweiz, könnte man meinen, dieses Schweizers geschämt: „Von den Schweizer Behörden in Bern und Berlin im Stich gelassen, wurde Bavaud am 14. Mai 1941 in Plötzensee hingerichtet.“ und „war die Hauptsorge der Landesregierung und der Berliner Botschaft, Öffentlichkeit zu verhindern. Der nazifreundliche Gesandte Frölicher schrieb am 1. April 1940 von den «verabscheuungswürdigen Absichten des Verurteilten». Nach der Bekanntgabe des Todes von Maurice verzichtete der zuständige Pfarrer in Neuenburg auf den üblichen Beileidsbesuch bei den Hinterbliebenen. Der Direktor der katholischen Schule verbot dem Personal den weiteren Umgang mit der Familie Bavaud.“

      Das wundert Sie nicht?

  • Dorothe Schnyder sagt:

    Ein Hinweis: Unter dem Titel „Es ist kalt in Brandenburg“ schrieb Niklaus Meienberg ein nach wie vor lesenswertes Buch über Bavaud. Es erschien 1980 im Limmat Verlag. Parallel dazu entstand ein Film (Autoren: Villi Hermann, Hans Stürm, Niklaus Meienberg). Ob das Buch noch erhältlich ist, weiss ich nicht. Wär schade, wenn nicht.

  • M. Seiler sagt:

    Alle paar Jahre wieder einen Artikel über diesen in allen Dingen doch recht beschränkten Unglücklichen. Keine Waffenausbildung; nach gewissen Quellen erst durch das äusserst harte Klosterleben und das vermutliche Scheitern, als Missionar wirken zu können, auf die Idee gebracht, doch noch etwas bewirken zu können auf dieser Welt; aufgewachsen in ultrakatholischen, erzreaktionären Kreisen, die äusserst unbeliebt in der protestantischen Umgebung waren; am Ende wohl ahnend, dass er alles verspielt hat.
    Deshalb sind nicht nur die Aussagen seiner Familie mit Vorsicht zu genieseen, sondern auch seine unschlüssigen Aussagen angesichts der Gestapo-Verhöre nicht zum Nennwert zu nehmen.
    Wäre interessant, ob das Buch neue Erkenntnisse bringt.

  • Josef Lang sagt:

    Geschätzter @Gert Bavauds Lieblings-Autoren waren Blaise Pascal und Mahatma Gandhi. Keiner der beiden war Gewalt-Fanatiker. Auch als Pazifist ist mir klar: Wäre es dem pazifistisch geprägten Bavaud gelungen, Hitler umzubringen, hätte das nicht zwingend den Kriegsausbruch verhindert, aber die deutsche Kampfbereitschaft geschwächt, den Krieg damit verkürzt und so Abermillionen von Menschen das Leben erhalten. Auch die Shoa ist ohne die Hitlersche Kombination von Apokalypse („Sollte es dem internationalen Judentum noch einmal gelingen…“) und Führer-Charisma schwer vorstellbar. A propos Weimarer Republik: Die endete 1933. Bavauds Attentatsversuch war 1938.

    • Gert sagt:

      Schön, daß Sie mit mir in einen Diskurs treten, Herr Lang.

      Auch wenn ich wenig Chancen sehe, daß wir hier zusammenkommen, möchte ich anregen, u.a. den Hintergrund des von Ihnen hier angewendeten Begriffes „Internationales Judentum“ zu recherchieren, statt ihn als sankrosanktes Schlagwort zu benutzen.
      Es gibt da ganz sicher einiges zu erfahren, wenn man sich auch anderen Versionen öffnet und anschließend(!) verifiziert oder falsifiziert.

      Auch über die Gründe und die Personen, den Angriff Deutschlands auf Polen zu einem Weltkrieg zu eskalieren, kann man anderes erfahren, als man uns Deutschen im Geschichtsunterricht beigebracht hat.
      Für Sie sind da sicher britische und russische Quellen glaubwürdiger als deutsche.

      Alles mal ganz unabhängig von der Person Bavaud.

  • Gert sagt:

    Der Widerstand gegen Hitler wächst täglich.
    Erfreulich.

    • Marek sagt:

      Es verwundert mich nicht, hat ihm damals die Schweiz nicht geholfen, man dachte wohl, es seie besser im Frieden mit AH als irgendwas gegen Ihn zu unternehmen. Das ist tipysch Schweiz, immer schön an den Gegebenheiten angepasst.

      • Gert sagt:

        Ich glaube nicht, daß man Hitler für die Verhältnisse in Europa zu Zeiten der Weimarer Republik verantwortlich machen kann.
        Er war dren Opfer….oder Nutznießer; je nach Sichtweise.

        Und ebensowenig halte ich die Tötung eines Menschen aus einer „Vorausahnung“ heraus weder für politisch oder ethisch oportun.

        Maurice Bavaud macht auf mich eher den Eindruck eines Fanatikers, der zum Töten bereit ist.
        Man sieht keinerlei politische Aktivität, die seiner Aktion vorausgegangen wäre, und deren Scheitern er als finalen Auslöser seiner Tat hätte als Entschuldigung anführen können.

        Ich halte weder seine Intuition noch die hier gelesene Berichterstattung darüber für moralisch legitimiert.

      • Thomas Hartl sagt:

        @Gert: Niemand macht Hitler für die Verhältnisse in Europa zu Zeiten der Weimarer Republik verantwortlich. Aber Hitler ist verantwortlich für die Zerstörung der Demokratie in Deutschland und für die Verfolgung und Vernichtung von unzähligen Andersdenkenden, von Juden, von Roma und von Behinderten. Zudem trägt er die Verantwortung für den Angriffskrieg gegen Polen und die UdSSR, was Maurice Bavaud aber noch nicht wissen konnte. Ob es ein grundsätzliches moralisches Recht gibt, Diktatoren zu töten, lasse ich offen, die Geschichte gibt aber dem Versuch von Bavaud, Elser, Staufenberg und anderen eine klare Legitimation. Daher darf der Mut dieser Menschen nicht in Vergessenheit geraten.

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