Eine Mauer als fixe Idee

Die Chinesische Mauer ist die grösste Konstruktion der Menschheitsgeschichte – der Mensch ist ihre grösste Schwachstelle. Foto: Kevin Frayer (Getty Images)

Letzte Woche hatte der chinesische Komiker Joe Wong einen schönen Auftritt im US-Fernsehen. In der «Late Show» von Stephen Colbert konnte er sich als Experte aufspielen: «Ich bin aus China. Ich weiss viel über Mauern. Sie funktionieren nicht», witzelte Wong. «Man kann sie bestenfalls einige Jahrhunderte später als Touristenattraktion verwenden.»

Prompt erntete der Gast aus Peking fröhliche Lacher beim Saalpublikum. An die Chinesische Mauer erinnert man sich ja im aktuellen Streit um Donald Trumps «Wall» gegen Mexiko ganz gern, und sei es nur, um sie als Sinnbild eines verstaubten Denkens heranzuziehen.

Aber natürlich hinken alle Vergleiche: Es beginnt damit, dass sich Chinas lange Mauer nicht gegen Zuwanderer richtete – sie war ein Militärbau. Die gewaltige Barriere sollte kleinere und grössere Reiterarmeen von den Nordgrenzen des chinesischen Reiches abhalten.

Eine Strecke von Bern bis Kabul

Und ganz grundsätzlich ist Chinas Mauer schlicht unvergleichlich. Alleine ihre Befestigungen – ohne die Naturbarrieren – sperren etwa 6600 Kilometer ab; das entspricht einer Strecke von Bern bis Kabul und macht sie zur grössten Konstruktion der Menschheitsgeschichte. Man vermutet, dass die ersten Stützpfeiler ums Jahr 700 vor Christus eingeschlagen wurden – und danach setzte das Reich den Bau über 16 verschiedene Kaiserdynastien sowie rund 2400 Jahre hinweg fort.

Zur Einschätzung kann man sich ausmalen, die Europäer hätten von der Gründung des Imperium Romanum bis fast an die Französische Revolution nimmermüde dasselbe Projekt verfolgt.

Dabei liessen sich die Nomadenvölker aus den Steppen im Norden Chinas keineswegs bremsen durch das Bollwerk. Immer wieder fielen sie ein ins Reich der Mitte, teils in kleinen und schnellen Banden, teils mit ganzen Armeen und mehreren zehntausend Mann.

Der menschliche Faktor

Denn wie stark die Mauer war, wie massiv sie wirkte, wie sehr sie abhielt und wen sie abschreckte – es hing am Ende doch vom menschlichen Faktor ab. Oft waren die Wachtürme nur von ein paar unmotivierten Soldaten besetzt, die sich kurzerhand überrumpeln liessen, wenn sie nicht gar – wie die Chronisten öfters beklagten – den Barbaren für ein paar Münzen die Tore öffneten. Die grösste Schmach folgte im Jahr 1213, als die Mongolen unter Dschingis Khan die Mauer an drei Stellen überwanden, um bald darauf Peking zu erobern und die Herrschaft in China zu übernehmen.

Aber der Schlag beseitigte die Idée fixe keineswegs, im Gegenteil: Hier zeigte sich wieder einmal, dass ein Glaube stärker sein kann als alle Lehren der Vergangenheit.

Denn nachdem es den Ming-Kaisern 1368 gelungen war, die mongolische Fremdherrschaft zu überwinden, steckten die Chinesen mehr Energie in ihre Mauer denn je. Nun erst entstanden die wuchtigen Wälle, die heute bei Badaling oder Mutianyu Abertausende Touristen anziehen und unser Bild der Grossen Mauer bestimmen.

Abgegrenztes Zentrum einer Welt

Doch selbst wenn nun an den mächtigsten Stellen fünf Pferde parallel über sie traben konnten: Die Wirkung der Wehr hing weiter ab von den Menschen, sie blieb also begrenzt. Die Mongolen schafften nochmals eine grosse Invasion, und 1644 eroberten die Mandschuren, vom Nordosten anrückend, das Reich: Ein Festungskommandant hatte ihnen bei Shanhaiguan am Pazifik die Tore geöffnet.

Und so wird der trügerische Militärbau heute stark als symbolisches Werk verstanden – als die versteinerte Idee eines Volkes, das ziemlich selbstbezogen ist; einer Kultur, die bedacht ist auf Einheit und Geschlossenheit; eines Reiches, das sich als Zentrum der Welt versteht und doch abgrenzen will von dieser Welt.

Doch solche Deutungen sind wohl ebenfalls zu simpel: Das Reich der Mitte verfolgte seine gewaltige Vision nicht bloss in Zeiten, in denen es eher die Isolation suchte. Sondern genauso in Jahrhunderten der Offenheit, als es mit Handelskarawanen und Armeen hinaus drängte.


«The Great Wall of China»: Dokumentarfilm von «National Geographic», 2015 (Englisch, Dauer: 45 Minuten).

17 Kommentare zu «Eine Mauer als fixe Idee»

  • Ed Berger sagt:

    Dort ist schon eine 700 Meilen lange mauer oder Zaun, before Trump .
    Niemand hat damals, u.a. unter demokratischen und rebublikaner.Präsidenten gebaute Mauer, dagegen protestiert. Jetzt ist Trump der Böse!

  • Fritz sagt:

    Grundpfeiler der Zivilsation ist ein ausgeprägtes Grenzbewusstsein. Dies predigte schon Kant.

  • tony.binder sagt:

    Ein Grundpfeiler jeder Nation sind sichere Grenzen. Leute die das bestreiten haben im Fach Geschichte vermutlich einen Fensterplatz gehabt und aus den Kriegen und Völkerwanderungen der letzten 7000 Jahre nichts gelernt. Migration ist kein Menschenrecht. Es destabilisiert Europa, wenn wir Wirtschaftsmigranten aus gescheiterten Staaten (naher Osten, Afrika) mit mittelalterlichen Wertesystemen (Patriarchat, Islam, Antisemitismus) aufnehmen. Es belastet unsere Sozialsysteme, etabliert Parallegesellschaften etablieren und treibt einen Keil zwischen Elite und Unterprivilegierte. Teilweise geschieht dies auch aus politischen Kalkül (Türkei). Dies ist der Nährboden, auf dem „starke Männer“ mit rechten, populistischen Ideen an die Macht gelangen. (Trump, Orban, Le pen, Bolsonaro etc.).

  • Heinz Dolder sagt:

    Die Mauer wird gebaut, weil das Magnetische Erdfeld über Südamerika seit jahren stark am zurückgehen ist und ein Polsprung vor der Türe steht.. Durch die zunehmende Belastung durch kosmische Strahlung und Zerstörung der Ozonschicht, wird nahezu das gesamte Südamerika unbewohnbar. Die Folge in den folgenden Jahrzehneten, mehrere Millionen die nach Nordamerika flüchten wollen.
    Astronauten nehmen schon jetzt 90% der gesamten Strahlenbelastung im All auf wenn sie dieses Gebiet überfliegen.
    Manchmal scheint die Wahrheit einfach wissenschaftlicher Natur zu sein. Trump will die Mauer, das die USA nicht überrannt wird, wenn es dann mal alle öffentlich erfahren, das riesige Gebiete wegen fehlenden Schutzschild über uns unbewohnbar werden.

    • tony.binder sagt:

      Aha, in welchem esoterischen Magazin haben Sie das gelesen?

    • Jessas Neiau sagt:

      Wie weit vor der Tür steht der Polsprung denn? Etwa so nahe wie die nächste Eiszeit? Meine Theorie ist noch hanebüchener: Ich glaube (heute), dass böswillige Astronauten auch 90% der Gehirnzellen bestimmter Individuen mit ins All genommen haben.

  • Maria Bertschinger sagt:

    Ein interessantes Detail zum Bau der grossen Mauer erfuhr ich mal in einer Dok-Sendung zur Geschichte dieses Bauwerks: Anscheinend versetzten die Chinesen den Mörtel mit Reisschleim, um ihn elastischer und haltbarer zu machen. Denke jeweils daran, wenn ich unseren Reiskocher reinige.

  • Paul Schmid sagt:

    Wenn Mauern sinnlos sind: Warum leben wir dann alle in unseren vier Wänden? Und lassen unsere Möbel, Wertsachen usw. nicht in einem offenen Schuppen stehen?
    .
    Zudem beging der Autor einen groben Logikfehler: Der Umstand, dass die Barbaren einige Male die Mauer überwinden konnten, bedeutet überhaupt nicht, dass die Mauer sinnlos war. Sondern nur, dass sie nicht immer genug stark und genügend gut verteidigt war. Wenn ich einen schweren Autounfall habe und trotz Anschnallens und Airbags verletzt werde, bedeutet das auch nicht, dass Gurte und Airbags nutztlos sind.

    • Michael Berger sagt:

      Mauern sind grundsätzlich weder sinnvoll noch sinnlos. Ihr Nutzen muss stets in Relation zum Aufwand gesehen werden.

      Der Sinn der Chinesischen Mauer wird daher nicht nur durch die mehrfache Überwindung in Frage gestellt. Der Nutzen, den sie in vielen kleineren Fällen gehabt haben dürfte, muss in Relation zum immensen Aufwand gestellt werden, den der Bau benötigte.
      Das Geld und die Arbeit hätte man vermutlich effizienter einsetzen können.

      Das gilt ähnlich auch für Trumps Mauer. Statt an Orten wo kaum je ein Mensch durchkommt eine riesige Mauer zu bauen, die auch noch bewacht werden muss, ist es sinnvoller, an den Hotspots mehr Personal und Überwachung einzusetzen.

      • Jessas Neiau sagt:

        „Die Mauer“ ist an vielen Stellen längst Realität. Warum haben die Demokraten denn so viele Jahre so eifrig an der Mauer gebaut, wenn das Geld auch hätte sinnvoller eingesetzt werden können? Natürlich, weil sie selber an der Regierung waren und weil die Bevölkerung die Mauer wollte. Jetzt wo Herr Trump präsidiert, jetzt ist natürlich alles Mist. Aber wenn die Demokraten jemals wieder an die Regierung kommen, so wird das Volk sie zwingen, an der Mauer weiterzubauen. Und die Demokraten werden plötzlich tausend Gründe finden, warum das eine gute Sache ist.

  • Jessas Neiau sagt:

    Was Herr Pöhner sagt ist: Eine Mauer ist unwirksam, es hängt von den Menschen ab. Die 2’400 Jahre mauerbauenden Chinesen waren also militärische Idioten. Ist das nicht rassistisch? Wenn es trotz Feuerwehr irgendwo mal brennt – ist da die Feuerwehr nicht vollkommen nutzlos? Wenn irgendwo mal Dämme brechen – sind Dämme dann sinnlos? Nein, es ist einfacher: Herrn Pöhners Behauptungen sind politisch motivierter Unsinn. Wenn es ausserdem auf die Mauer gar nicht ankommt, sondern auf die Menschen – dann könnte man ja ganz einfach steuerbegünstigt lauter bewaffnete Rechtsradikale an der Grenze ansiedeln werden, um den erwünschten Effekt zu erzielen.

    • Paul Schmid sagt:

      @Neiau
      Haha, “steuerbegünstigt lauter bewaffnete Rechtsradikale an der Grenze ansiedeln“, musste lachen.
      Ansonsten: Volle Zustimmung. Die Mauer gegen die unkontrollierte Einwanderung lässt bei den US-Demokraten und den Euro- und Einwanderungsturbos hierzulande nur darum den Puls so hochgehen, weil sie genau wissen, dass diese Mauer wirken wird.

  • Kaspar Tanner sagt:

    Wenn Mauern sinnlos sind: Wieso schliessen Leute wie Herr Pöhner die Haustür, das Fahrrad oder das Auto ab?
    Wer Pöhner & Co. bestehlen will, kommt immer ans Ziel. Tür, Schloss und Schlüssel bringen nichts…
    Ich frage mich auch, wieso Leute in meinem Umfeld, die mehr Verständnis für die Migrationspolitik fordern, sich über (hohe) Steuern aufregen.
    Hohe Steuerlast ist praktische Solidarität!
    Aber zugegeben: Gott ist tot, aber der Wunsch des Menschen zu glauben ist ungebrochen. Man kann gewisse Leute auch mit Fakten oder mit dem Verweis auf ihre Inkonsequenz nicht überzeugen.

    PS: Hätte es nicht mehr Überfälle von aussen gegeben, wenn die Chinesen auf die Mauer verzichtet hätten?

  • Gert sagt:

    Wenn sich ein Volk einig ist, funktioniert auch die Mauer.
    Der wirklich gefährliche Feind sitzt immer inmitten der Gesellschaft, die er in Mißkredit bringen und zerstören will.

  • Bernhard PIller sagt:

    Warum sind denn viele Journalisten und Politiker gegen die Mauer? Weil sie eben funktioniert. Das wird auch der Mauer von Ceuta vorgeworfen.

    • Mike Warden sagt:

      Maginot-Linie, Siegfried-Linie, Atlantikwall usw.: hat doch alles super funktioniert.

      • Jessas Neiau sagt:

        @M. Warden: Das waren keine Mauern, sondern aneinandergereihte Bunker, teilweise mit mehreren Kilometern Abstand. Aber abgesehen davon hat die Maginot-Linie dafür gesorgt, dass die Deutschen einen anderen Weg als den direkt durch die Linie gesucht und gefunden haben. Auch die reine Existenz des (gar nie fertiggwordenen) Atlantikwalls hat den zeitpunkt für die Invasion der Alliierten deutlich verzögert – und auch sie sind dort gelandet, wo der Atlantikwall schwach war. Die Siegfriedlinie war überhaupt bloss ein Schützengrabensystem und hat immerhin rund 18 Monate standgehalten. In Kriegszeiten würde man Sie als Defätisten bezeichnen.

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