Ein kleiner Frieden im grossen Krieg

History Reloaded

Feuerpause an Weihnachten 1914: Britische und deutsche Soldaten spielen zusammen Fussball. Foto: Universal History Archive (Getty Images)

In der Geschichte und im Geschichtsunterricht wimmelt es von Schlachten, Kriegen und Massakern, von Blut, Schweiss und Tränen, von Machtkämpfen, Ehrgeiz und Eitelkeit. Da ist es wohltuend, für einmal eine ganz andere Geschichte erzählen zu können.

Der Erste Weltkrieg ging als einer der blutigsten Kriege in die Geschichte ein. Doch auch aus diesem Krieg gibt es eine herzerwärmende Episode zu erzählen, diejenige vom «Weihnachtsfrieden» von 1914. Die Soldaten waren davon ausgegangen, dass der Krieg in wenigen Wochen zu Ende sei. Doch es kam ganz anders. Nach vier sehr blutigen und chaotischen Kriegsmonaten hatten die Soldaten zu wenig warme Kleidung, zu wenig Nahrung, zu wenig Munition, zu wenig
Brennstoffe. Die Deutschen auf der einen Seite und die Franzosen und Briten auf der anderen Seite vergruben sich in den feuchten, dreckigen und rattenverseuchten Schützengräben und kämpften einen verlustreichen Stellungskrieg.

Ein Treffen zwischen den Fronten

Nun kommt die Weihnachtsgeschichte: An der Westfront bei Ypern in Flandern lagen die verfeindeten Truppen nur noch geschätzte 25 Meter voneinander entfernt, sodass sie in Gefechtspausen die Stimmen der Feinde hören und die Feldküche der anderen riechen konnten. Am Weihnachtsabend sank die Kriegslust der Soldaten tiefer als das Thermometer. Sie
mochten nicht mehr schiessen und sich ducken und schiessen und sich ducken. Auf einmal sahen die Deutschen, dass die Briten ein Kartonschild mit der Aufschrift «Frohe Weihnachten!» in die Höhe hielten. Die Deutschen hätten das als Verhöhnung auffassen können, doch dazu waren sie zu sehr in Weihnachtsstimmung. So beschafften sich ebenfalls
Karton, schrieben «Merry Christmas!» drauf und hielten diesen aus dem Schützengraben.

Kurz darauf stellten alle Soldaten das Feuer ein. Auf beiden Seiten der Front zündeten die Krieger statt Munition kleine Kerzen an. Die Deutschen sangen Weihnachtslieder, die Feinde lauschten. Danach stiegen von der anderen Seite englische Lieder in den Nachthimmel. Die weihnachtliche Verbrüderung nahm ihren Fortgang: Am ersten Weihnachtstag trafen sich die Feinde im Niemandsland zwischen den Fronten, standen um einen Christbaum herum, sangen gemeinsam und tauschten Geschenke aus. Die Deutschen brachten Bierfässer mit, die Engländer Zigaretten, und man spielte zusammen Fussball, dort, wo zuvor so viele Soldaten im Sperrfeuer der Maschinengewehre gestorben waren – ein kleiner Frieden im grossen Krieg!

Todesstrafe verhindert Wiederholung

Der bayrische Soldat Josef Wenzl, der selbst dabei war, schrieb an seine Eltern: «Diesen Anblick werde ich mein Leben lang nicht vergessen.» Die Generäle sollen getobt haben, als sie von der weihnachtlichen Verbrüderung hörten. Sie befürchteten eine Unterminierung des Wehrwillens. Bevor der Krieg weiterging, verabredeten die temporären Freunde, am Neujahrstag
wieder einen kampffreien Tag abzuhalten – weil bis dahin die Fotos entwickelt seien. Im Jahr darauf tobte der blutige Krieg noch immer, aber leider fand keine Wiederholung des «Weihnachtsfriedens» statt. Denn in der Zwischenzeit hatten die Generäle dafür gesorgt, dass das «Singen mit dem Feind» mit der Todesstrafe geahndet werde.

Natürlich – heute sprechen kritische Militärhistoriker davon, dass wenige Quellen vorhanden seien und der «Weihnachtsfrieden» romantisiert dargestellt werde. Vielleicht ist er in dieser Form in der Tat ein Mythos, nicht viel mehr als eine gute Geschichte. Etwa so wie Wilhelm Tells Apfelschuss. Beiden Geschichten ist aber gemeinsam, dass wir den
Wahrheitsgehalt nicht genau kennen, dass sich aber die Zivilcourage der kleinen Leute gegen den Kadavergehorsam durchsetzt. Der gesunde Menschenverstand siegt für einmal über militärisches Kalkül. Es ist beim Weihnachtsmärchen von Ypern genauso wie bei Wilhelm Tell – solche Funken von Menschlichkeit mögen die Leute. Und sie passen zum Fest der Liebe.