Die Grande Nation der Revoluzzer

Feuer in Paris: Eine Gelbweste bei einer brennenden Barrikade in der Nähe der Champs-Elysées, 8. Dezember 2018. Foto: Kiran Ridley (Getty Images)

«Die Freiheit führt das Volk»: Das berühmteste Bild von Frankreich zeigt eine Barrikade. Eugène Delacroix erotisierte in seinem Monumentalgemälde allerdings nicht – wie viele glauben – den Sturm auf die Bastille von 1789, sondern ein Ereignis, das eine Generation später stattfand: die Julirevolution des Jahres 1830. Damals beendete ein Aufstand von Handwerkern und Studenten die Herrschaft der Bourbonen endgültig und fegte Charles X. vom Thron.

Aufstand von 1830: Eugène Delacroix, «La liberté guidant le peuple». Quelle: Wikimedia Commons

1848 stürzte der nächste Volksaufstand einen König, danach begannen die Behörden unter Präfekt Georges-Eugène Haussmann, breite Achsen durch die verwinkelte Altstadt zu schlagen: Das sollte dem Militär den Aufmarsch gegen Rebellen erleichtern. Paris verdankt seine grandiosen Boulevards auch der Aufmüpfigkeit seiner Bürger, nur änderte auch das wenig. Im Jahr 1870 wurde das Zweite Empire durch einen Sturm der Bevölkerung auf die Nationalversammlung besiegelt; dann folgte mit dem Aufstand der Pariser Kommune 1871 der nächste Streich.

Könige kann man auch köpfen

Die Gelbwesten von heute revoltieren also vor einer mächtigen Blaupause gegen Emmanuel Macron. Von den Ölgemälden des 19. Jahrhunderts bis zu den Youtube-Filmchen moderner Banlieue-Schlachten gehört die Barrikade zum Abbild des Staatswesens in Frankreich. Dass Politik auf der Strasse gemacht wird oder dass man Könige auch köpfen kann, lernt hier jedes Kind in der Schule.

Aufstand von 1848: Horace Vernet, «Combat dans la Rue Soufflot». Quelle: Wikimedia Commons

Und so wirken Demonstrationen in Frankreich nicht bloss temperamentvoller als in den Nachbarländern: Häufiger flackert hier auch der Funke des Umsturzes. In Grossbritannien, den USA, Deutschland oder der Schweiz haben selbst die allergrössten Kundgebungen ein Ziel innerhalb der gewählten Ordnung: Abrüstung, AKW, Arbeitsbedingungen, #MeToo, «I have a dream». In Frankreich jedoch drehen sie sich fast zwangsläufig auch um die Regierung – beziehungsweise um deren Sturz.

Franzosen machen vielfältig Krawall

Das zeigte der Aufstand von 1968 musterhaft: Er wurde in Paris nicht nur besonders heftig, sondern auch besonders umstürzlerisch. Für einen Tag lang verzog sich Präsident Charles de Gaulle, bang geworden, sogar zu den französischen Besatzungstruppen in Deutschland.

Ewiger Aufstand: Honoré Daumier, «L’Emeute», zwischen 1849 und 1870. Quelle: Wikimedia Commons

Die Intellektuellen deuten das Ganze dann jeweils gern als sozialen Kampf, links eingefärbt: unten gegen oben, benachteiligt gegen privilegiert. Doch die Franzosen machen vielfältiger Krawall. Schon 1968 tobten im Quartier Latin eher Kulturkämpfe innerhalb der Bourgeoisie als Klassenkämpfe. Und angesichts der «gilets jaunes» erinnert sich heute jeder geschichtsbewusste Citoyen an die Poujadisten: Das war eine Bewegung, bei der Kleinbürger und Bauern schon in den 1950ern ländliche Strassen und Plätze besetzten und dann sogar erstaunliche Wahlerfolge erzielten; mit dabei ein gewisser Jean-Marie Le Pen.

Recht auf résistance

Dass sich jetzt also im Nu das Pflegepersonal oder die Schüler einem Aufstand wütender Autofahrer anschlossen, dass am vergangenen Wochenende Menschen mit rechten Forderungen neben Menschen mit linken Forderungen demonstrierten – dies zeigt, wie virulent der Revolutionsgeist in Frankreich ist. Er kann sich an einer Benzinsteuer entzünden und dann die Nation erfassen.

Aufstand von 1968: Studenten auf dem Boulevard Saint-Germain. Foto: Bruno Barbey, Flickr Creative Commons

Widerstand ist anerkannt, und an den Betroffenen liegt es, zu entscheiden, ab welchem Punkt er gar zur Pflicht wird: Die «résistance à l’oppression» sei ein unveräusserliches Recht der Bürger, hielten die Revolutionäre in der berühmten Erklärung der Menschenrechte von 1793 fest. «Wenn die Regierung die Rechte des Volkes verletzt, ist der Aufstand für das Volk und für jeden Teil des Volkes das heiligste aller Rechte und die unverzichtbarste aller Pflichten.»

Der hohe Thron

Dass gesellschaftliches Unbehagen rasch in zielgerichtete Wut gegen den Elysée-Palast umschlägt, ist auch dem Zentralismus des Landes geschuldet – und der aufgeblasenen Bedeutung, welche die Franzosen dem Staat zumessen. Entsprechend sind die Présidents de la République mit mehr Macht und Prunk ausgestattet als die Kanzler oder Premiers anderswo, umgeben von einem Hofstaat aus Funktionären mit exklusiven Eliteschul- und Universitätskarrieren.

Das ist bei Emmanuel Macron, dem Aussenseiter, keineswegs anders. Auch er sitzt jetzt auf einem provozierend hohen Thron.

Buchtipp: Joseph Hanimann: Allez la France! Aufbruch und Revolte – Porträt einer radikalen Nation. Orell Füssli, Zürich 2017. 224 S., 28.90 Fr. E-Book 22 Fr.

33 Kommentare zu «Die Grande Nation der Revoluzzer»

  • Reinhart W. Wettmann sagt:

    Steuer/Abgabenlast sind mit 48% hoch. Aber der Staat verteilt 58%. Differenz Schulden. Lebens- u. Wochen-Arbeiszeit rel. gering. Mindestlohn und Renten rel. hoch. Industrieanteil stark geschrumpft. Handelsdefizit F. 90 Mrd. , D Überschuss 260 Mrd. Armutsquote und Verteilung wie in D. Reformen haben in D Verteilung nicht verbessert, aber Arbeitslosigkeit und öff. Schulden reduziert. F hat Reformen endlos aufgeschoben. Macron der erste Präsident, der ein Reformkonzept hat und umsetzt. Halb F mit der soz. Situation nicht zufrieden. Will aber auch keine Reformen. Nur mehr Verteilung. Investoren werden F eher meiden. Die soz. Situation wird sich verschlechtern, wenn Macron sich nicht durchsetzt. Vielleicht bezahlt er wie Blair, Renzi u. Schröder bei den nächsten Wahlen.

  • Anh Toàn sagt:

    Die Kernforderung der Gelbwesten:

    Die Karre des Menschen ist unantastbar.

  • Marie Bornand sagt:

    Mai 68 hat nichts positives gebracht. Man lese dazu „Mai 68 l’arnaque du siècle“ von Denis Tillinac (noch nicht in deutsch erhältlich).

    • Rolf Zach sagt:

      Politisch war sie sicher nicht sehr erfolgreich, aber kulturell schon, wenn man bedenkt, wie viel „Bünzlitum“ und Engstirnigkeit beim den Leuten es damals noch gab. Was sich auch ja beim Familienrecht dementsprechend änderte, wo die Unabhängigkeit der Frau sich grundlegend verstärkte, in der Schweiz und auch in Deutschland noch stärker als in Frankreich.

  • Marie Bornand sagt:

    Unzufriedenheit karakterisiert die Franzosen. Auch Arroganz. So ist es sehr schwierig Frankreichs Präsident zu sein. Rebellische Naturen. Jedoch dieses Mal haben sie recht : sie brauchen mehr Geld um ganz einfach zu leben und zu essen zu kaufen. Aber alles zu zertrümmern was Millionen von Euros kosten wird ist nicht logisch. Es ist aus mit dem starken Frankreich, Partner von Deutschland. Kommt dazu dass in Frankreich alle dort geborene Kinder automatisch Franzosen werden. Und das ist mit der immensen Immigration natürlich sehr schwierig und hätte seit langem gestoppt werden müssen.

    • Rolf Zach sagt:

      Frankreich hat nicht mehr das absolute Geburtsort-Prinzip (lus soli wie noch vor 50 Jahren). Es gibt Einschränkungen im Unterschied zu den USA, wo dieses Prinzip weiterhin vollständig gilt. Heute regiert in der östlichen Hemisphäre mit wenigen Ausnahmen das Abstammungsprinzip (Ius sanguinis). Abgesehen davon ist die Immigration nach Frankreich geringer als nach Deutschland und die Behörden dort sind brutaler in der Abwehr derselben. Was Frankreich hat, sind die Banlieus voller Franzosen mit islamischen Wurzeln, wo viele, trotzdem sie bereits in dritten oder vierten Generation in Frankreich sind und praktisch keine andere Sprache als Französisch kennen, sich in dieser Gesellschaft nicht willkommen fühlen und dies ist nicht nur wie viele Multikulti meinen, die Schuld von Frankreich.

      • Anh Toàn sagt:

        Da sind doch die Chinesen mit Ihrer Monokultur viel schlauer als dier Linken Multikulti Weichlinge: Da werden die Uiguren umerzogen in Lagern, umgesiedelt im Land, Familien auseinandergerissen, Wer abhaut und darüber berichtet aus dem Ausland, riskiert dass China seine Verwandten bestraft:

        An den Chinesen sollten wir christlich Aufgeklärten uns ein Vorbild nehmen, die Wissen, wie man Werte Tradition und nationale Identität schützt erhält und stärkt.

        Wir sollten den Islam verbieten, Korane verbrennen, Sippenhaft einführen, sonst gehen unsere aufklärerischen Werte verloren.

      • Anh Toàn sagt:

        Man sollte zuminderst verlangen, dass Muslime ein Abzeichen tragen, ich schlage einen Halbmond vor, den die sich anstecken müssen: Es kann nicht sein, dass mir auf der Strasse einer mit Bart begegnet und ich nicht wissen, ob das jetzt ein harmloser Hipster ist, oder ein Muslim,k der mich Ungläubigen nieder machen will.

        Das tut not, so ein Halbmond Abzeichen für Muslime, es ist wegen der Freiheit und den aufkläererischen christlichen Werten.

      • Anh Toàn sagt:

        Muslimische Wirtschaftsflüchtlinge sollten ein M in ihre Ausweispapiere gestempelt bekommen, damit die an wieder durchgeführten nationalen Grenzkontrollen gleich erkannt und gar nicht ins Land gelassen werden. Auch nicht, wenn die Familie im Land haben, es kann nicht sein, dass wirt Tote riskieren, wegen Gefühlsduselei.

        Wozu sind denn Muslime gut für die Gesellschaft? Die Leben in Parallelgesellschaften vom Geld, dass andere verdienen. Denken in ihrem Stamm, setzen ihre Regeln über unsere Gesetze. Muslime haben keine Daseinsberechtigung, es sind Schädlinge am nationalen Volkskörper.

        Das war Sarkasmus, man muss das kennzeichnen, da derartiges völlig ernst gemeint in Kommentarspalten publiziert wird.

      • Anh Toàn sagt:

        Ziel des Terrorismus ist unsere freiheitliche Gesellschaft. Je mehr wir aus Angst vor Terrorismus davon Abschaffen, schon nur in Frage stellen, umso mehr geben wir dem Terrorismus Nahrung, liefern den Beweis seiner Nützlichkeit.

        Wer Werte schützen will, muss an ihnen festhalten, auf dass sie ihren Wert beweisen können. Man kann nicht Werte beiseite legen, um sie zu schützen und wieder hervor holen, wenn eitel Sonnenschein ist. Werte sind nicht für Predigten, ob religiöse oder nationale, Werte müssen gelebt werden, sonst sind sie wertlos. Man kann auch nicht seine Werte einfach über die anderer stellen. Man muss die Werte der anderen respektieren, und seine vorleben, auf dass die Werte die Anderen überzeugen können. Anders können die den Wert unserer Werte nicht erkennen.

      • gabi sagt:

        … Und wer ernsthaft diskutieren will, sollte dies ernsthaft tun.

        Ernsthaft kann niemals heissen, selber Quatsch in die Welt zu setzen, den angeblich Andere sagten/schrieben/in Wirklichkeit meinten, um ihn dann – heldenhaft und ostentativ – zu bekämpfen. Denn das wirkt nicht einfach nur lächerlich, sondern mit zunehmender Wiederholung einfach nur debil.

        Aber das ist ja – aller-aller-allerspätestens seit der Bassam-Tibi-Satire von Ihnen – wirklich nichts Neues mehr.

        Tragisch, irgendwo.

      • Anh Toàn sagt:

        Sie haben mir noch immer nicht gesagt, zumindest nicht so dass ich es verstehen konnte, was ich falsch versatnd an Bassam Tibis:

        „Rassismus liegt vor, wenn Menschen als Kollektiv in eine niedriger gestellte Rasse eingeordnet werden und auf dieser Basis nicht nur entwürdigt, sondern auch dehumanisiert werden.“

        Das heisst, salopp gesagt, nix Entmenschlichung, nix Rassismus. Also mein Vorschlag mit dem Halbmond wäre nicht Rassismus, weil Muslime damit zwar als Kollektiv niedriger gestellt und auf dieser Basis entwürdigt, aber ja nicht dehumanisiert werden.

        Machen Sie mich schlauer, Herr Gabi, zumindest dies ist Ihnen bisher noch nicht gelungen.

      • Anh Toàn sagt:

        Ist min Vorschlag mit dem Halbmond zum anstecken für Muslime und dem M Stempel im Pass Rassismus gemäss der Definition von Bassam Tibi?

        Bei meiner Definition von Rassismus ist es das, bei den gängigen auch, wie ist das mit Ihrer Defintion, Herr gabi?

      • gabi sagt:

        Es wird zunehmend wirrer. Ev. auch einfach betrunkener… Ich weiss es nicht.

        Zu erwarten, dass nüchterne Personen eine Antwort auf Fragen finden, die wiederum nur Ihren eigenen Hirngespinsten entspringen (wie etwa Ihrer „Entdeckung“, das Bassam Tibi in Wirklichkeit Rassist sei) ist die Quadratur des Kreises.

        Wie soll ausgerechnet ich Ihnen Antworten auf Fragen der Gespenster geben, die ausschliesslich in Ihrem Kopf herum spuken?!

      • Anh Toàn sagt:

        Warum sollte jemand eine derart einschränkende Rassismusdefiniton postulieren? Doch einzig, um eine ganze Menge, das gemeinhin als Rassismus betrachtet wird, zu rechtfertigen. Wer Rassismus rechtfertigt, ist ein Rassist.

        Meine Definition von Rassismus erfüllt schon, wer Menschen auf Grund der Zuordnung zu einem Kollektiv Eigenschaften zuschreibt: Vietnamesen sind loyal, Protestanten sind fleissig und sparsam. Das ist nicht in erster Linie verwerflich, sondern vor allem dumm. Es gibt nur eine einzige menschliche Rasse, die sind alle gleich, und alle ein bisschen anders, überall. Herr Zach schreibt von „italienischer“ Identität, und bemüht doch nur Klischees. Es gibt keine italienische Mentalität.

      • Anh Toàn sagt:

        „Bei meiner Definition von Rassismus ist es das, bei den gängigen auch, wie ist das mit Ihrer Defintion, Herr gabi?“

        Wieso ausgerechnet Sie diese Frage beantworten sollen, die Sie als solche immerhin erfassen konnten, obwohl die angeblich nur in meinem Kopf von Gespenster gestellt werden, fragte ich mich auch.

        Aber Sie konnten die Frage beantworten mit Ihrem Kommentar. Sie haben es anscheinend einfach noch nicht gemerkt: Beleidigungen sind auch eine Antwort.

      • gabi sagt:

        Ja; Anh Toàn. Jaja.

        Ich zweifle inzwischen auch nicht mehr daran, dass all das, was Sie Anderen andichten, wirklich zu lesen glauben.

        Und lassen Sie es mich klar formulieren: Ich zweifle inzwischen auch nicht mehr daran, dass es sich durchaus nicht mit mangelndem Deutschverständnis erklären lässt.

        Dass Sie unter diesen Umständen natürlich nichts zu einer ernsthaften Diskussion beitragen können, liegt dann einfach in der Natur ihres Makels.

    • Zoe Ch. sagt:

      stimmt absolut nicht, dass bei Geburt eines Kindes von Ausländern diese Franzosen werden!! Es braucht gewisse Bedingungen, wenn diese auch – wie übrigens in der CH – viel zu tolerant sind.

  • blume sagt:

    «Wenn die Regierung die Rechte des Volkes verletzt, ist der Aufstand für das Volk und für jeden Teil des Volkes das heiligste aller Rechte und die unverzichtbarste aller Pflichten.»
    .
    macron hat nur im interessen seiner wahlhelfer gehandelt
    und denen milliarden steuergeschenke gemacht
    .
    doch das volk hat ihn gewählt um wirtschaftliche und soziale verbesserungen zu erzielen.
    ….. hat ihn nicht für seinen machenschaften mit dem grosskapital gewählt
    somit werden die proteste der bevölkerung legitim

    • gabi sagt:

      „… um wirtschaftliche und soziale verbesserungen zu erzielen“

      Ist schwer defizitär nun einmal immer schwierig.

      Ist in einem Land, das es sich (seit Jahrzehnten) leistet, Probleme nur notdürftig „wegzusubventionieren“ noch schwieriger sein. Denn dazu müssen Sie irgendwo mit Cuts ansetzen. Aber sobald sie das tun, geht´s erst recht rund. Denn alle, die jahrzehntelang subventioniert worden sind, haben durchwegs das Gefühl, das ihnen das auch zusteht – Defizit hin oder her.

      Wenn diese fatale Abgabensituation sich nun noch mit der Gewalt der Banlieue vermischt (die doch seit Jahrzehnten riesige Subventions-„Programme“ verschlingt, ohne den Hauch eines Nutzens erkennen zu lassen), dann werden beide Ränder der Gelbwesten bloss noch aufgewühlter.

      Wo diese Reise wohl endet?!

      • Rolf Zach sagt:

        Die Gelbwesten sind der Steuer zahlende untere Mittelstand. Sie leben in der Provinz oder auch in den Agglomerationen der großen Städte wie Paris und Lyon, die täglich ihr Auto benützen und nicht gewillt sind auf den öffentlichen Verkehr umzusteigen, mangels Alternative oder wegen Abneigung.
        Sie sind für Mme Le Pen, aber ebenso viele nicht, wegen ihrer EU-Abneigung. Die Mehrheit der Franzosen sind sich bewusst, dass die EU für ihren Wohlstand entscheidend ist. Deswegen haben auch viele Gelbwesten Macron gewählt. Es sind Original-Franzosen und auch solche, die sich vollkommen als Franzosen fühlen. Da kommen durchaus auch Namen aus der Deutschschweiz und Polen vor, aber keine arabischen.

    • gabi sagt:

      Oh…. Der Anschlag in Strassburg.

      Ebenso schrecklich wie seit Jahren zu erwarten.

      Auch diese Gewalttat wird im Bewusstsein vieler Franzosen, und eben auch vieler Menschen in Gilets Jaunes, mit der Gewalt und der Grundatmosphäre gleichgesetzt werden, die in den Banlieues herrscht.

      Also jenen ungelösten Problemen, die seit Jahrzehnten vor sich hin gären und bloss immer weitere Subventionsmilliarden verschlingen. – Geld, das irgendwo vom Staat herein geholt werden werden muss.

      Dieser Anschlag wird den absehbaren Vorgang beschleunigen, den die Gilets Jaunes in zwei vollkommen unterschiedliche Lager zentrifugieren wird.

      • Rolf Zach sagt:

        Ich kann Ihnen nur beipflichten. Man kann es brutal auch so sagen, die „Gelbwesten“ sind diejenigen Franzosen, die als kleine Leute für die Bewohner der Banlieus Steuern zahlen und dies sind in ihrer Mehrheit arabischen und afrikanischen Ursprungs, die den Staat nur kosten. Die Reichen haben sich durch Präsident Macron aus dieser Verpflichtung für diese Leute zu zahlen heraus geschlichen und überlassen es großzügig den Gelbwesten mit ihrem Steueraufkommen für die Leute aus der Banlieus zu blechen.
        Dies kommt auch in der Sendung „28 Minuten“ von Arte zur Sprache, wenn auch mit vielen vorsichtigen Sätzen formuliert ohne den Unterschied zwischen französischer und islamischer Zivilisation namentlich zu erwähnen.

      • Rolf Zach sagt:

        Wegen dem Anschlag in Straßburg ist noch zu bemerken, dass die Administration in Paris die Ansiedlung von Franzosen nordafrikanischer Abstammung sehr förderte, um endgültig den elsässischen Dialekt und natürlich noch mehr die deutsche Schriftsprache zurückzudrängen.
        Im Elsass ist die Separierung von diesen Bevölkerungsgruppen islamischer Prägung und derjenigen der Einheimischen noch ausgeprägter als in jeder anderen Region von Frankreich. Nur darf dies aus patriotischen Gründen nicht erwähnt werden.
        Belgien dagegen ist sehr tolerant und großzügig gegenüber den Deutsch-Belgiern und hat sie nicht mit einer derartigen Einwanderung gequält.

  • Armin Biermann sagt:

    Diese Art, die franz. Geschichte seit 1789 zu erzählen, simplifiziert, verharmlost, verniedlicht, ja sie nimmt die Ereignisse & die Akteure nicht ernst, deklassiert sie zu ‚Revoluzzern‘, als wäre es je um ‚Revolten um der Revolte willen‘ gegangen. Selbststilisierungen & allegorische Überhöhungen werden mit der Wirklichkeit verwechselt, zugleich der Ernst der Lage hinter den Ereignissen verkannt. Es geht nicht ‚gesellschaftliches Unbehagen‘, sondern um soziale Missstände, um Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben. Auch der nächste kleine Sonnenkönig wird nichts für sie tun, das ist inzwischen klar. Die Solidarisierungen entspringen doch keiner Attitüde, sondern zeigen, wie breit die Missstände sind. Es kündigt sich ein Bürgerkrieg an, ein tiefgreifender Wandel.

  • gabi sagt:

    Für mich ist Macron nur ein Ausdruck der Unmöglichkeit, es den Franzosen recht zu tun.

    „Alles muss anders werden!“ und „So kann es nicht weiter gehen!“

    … Aber alle wollen MINDESTENS dasselbe vom Staat erhalten wie bisher.

    Wie kann das funktionieren in einem Staat, der Massen von Menschen seit Jahrzehnte nur über Sozialprogramme hätschelt? Der hofft, sich gewissen Problemen einfach mit ungedeckten Checks aus der Steuerkasse entledigen zu können?

    Insbesondere, wenn´s trotzdem nicht funktioniert: Ein kurzer Blick ins benachbarte Elsass zu Sylvester genügt vollauf.

    Ich halte Macron für einen lauteren Politiker, der das Unmögliche irgendwie zu bewältigen suchte… Und scheitert.

  • gabi sagt:

    „vielfältiger Krawall“

    Damit ist es wohl auf den Punkt gebracht. Denn die Vorstellungen und Ziele der Masse an Protestierenden sind in keiner Weise unter einen Hut zu bringen. Von jenen, für die sowieso nur plündern und kaputtmachen im Vordergrund steht, sowieso nicht; es wird sich kaum als Forderung in einem politischen Programm finden.

    Für die vielen Anderen wird der kleinste gemeinsame Nenner bloss „zu viel Abgaben“ heissen. Aber in Wahrheit geht es um die Verteilung der eingehobenen Steuern. Wie die mittlerweile sinnvoller – zwischen den Protestierenden mit völlig unterschiedlichen Hintergründen – verteilt werden könnten ist ein Rätsel, nachdem es über Jahrzehnte zur Sitte geworden ist, Probleme einfach wegzusubventionieren.

    Denn die Probleme sind immer noch da.

    • A. Frutiger sagt:

      Ich verweile halbzeitig im Süden Frankreichs. Ihre Analyse scheint grösstenteils zutreffend. Mit einem Vorbehalt: zurzeit wird zwar brachiale Gewalt auf der Strasse nur von einer radiklisierten Minderheit verübt; aber sie wird von der Mehrheit – sie gehört meistens zum „marais“ (extreme Mitte) gemäss dem franz. Revolutionsvokabular – rechtfertigt. Rasch geht deshalb heute im Bistro eine Faust los, weil kritische Stimmen nicht mehr akzeptiert werden… Mein Rat: Haben Sie Reisepläne für Weihnacht in Frankreich und sind Sie der (nur leise) ausgesprochenen Meinung, die „gilet jaunes“ seien zu nahe beim Faschismus, annulieren Sie Ihren FR-Aufenthalt! Sonst ist ein blaues Auge – jedenfalls in der Region um Montpellier – das mindeste, was Ihnen passieren kann.

      • gabi sagt:

        Danke für den Tipp. – Ich wünschte, ich hätte diese Möglichkeit überhaupt (Richtung Montpellier entschwinden zu können; und sei´s nur für ein paar Tage).

        Ich weiss nicht, ob Sie das allgemein meinten oder ob ich mich dahingehend missverständlich ausgedrückt habe: Ich bin nicht der Meinung, dass die Gilets Jaunes „zu nahe beim Faschismus“ wären:

        Ich bin der Meinung, dass sich dort schlicht alles findet… Und nicht kapiert, dass es genau deshalb der Politik schlicht nicht möglich ist, auch nur ein einziges Problem zu lösen, ohne Einschnitte vorzunehmen, welches von anderen mitprotestierenden „Gilets Jaunes“ nicht wider als Verschärfung ihres Problems betrachtet würden.

        Dass dies (und das Wort „langfristig“ lass ich hier bereits weg) radikalen „Lösungen“, bzw. Gestalten,

      • gabi sagt:

        Dass dies (und das Wort „langfristig“ lass ich hier bereits weg) radikalen „Lösungen“, bzw. Gestalten, die einfachste Rezepte anpreisen, entgegen kommt, ist allerdings unbestritten.

        … Übrigens seh ich durchaus Verwandtschaften zum Brexit-Dilemma. Drückt sich nicht auch dort aus, dass irgend etwas gewaltig schief gegangen ist, aber zugleich allzu deutlich wird, wie sehr man sich von Sachzwängen hat einspinnen lassen? Die Widersprüche lassen sich schlicht nicht auflösen: loszuwerden, was einem verhasst ist, klappt plötzlich nicht mehr, ohne anderes aufzugeben, das man auf keinen Fall vermissen möchte.

        Die Sehnsucht nach jemandem, der „endlich einmal aufräumt“ wächst.

        Ja; ich fürchte, wir leben in „spannenden Zeiten“ und haben allen Grund uns Sorgen zu machen.

  • Werner Winiger sagt:

    „Frankreichs Gelbwesten sind Ahnen einer eigenwilligen Tradition des Widerstands“ gehört wohl eher in die Rubrik History Inverted oder hat hier einfach jemand keine Ahnung.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.