Der «helvetische Goebbels»

Franz Burri (r.) verlässt im April 1948 das Gericht in Zürich. Foto: Keystone/Photopress-Archiv

Der Krankenwagen trägt ein improvisiertes rotes Kreuz. Darin sitzen zwei Polizisten und Franz Burri-Scherrer, einer der übelsten Schweizer Nazis. Es ist Freitag, der 31. Mai 1946, der Krieg ist vorbei, das Krankenauto fährt durch das kriegszerstörte Deutschland über München, Kempten, Lindau nach St. Margrethen an die Schweizer Grenze. Dort warten Inspektoren der Bundespolizei und nehmen Burri in Empfang – und in Haft.

Damit schnappen die Schweizer Behörden endlich einen der meistgesuchten Schweizer Nazis: Burri war Führer des «nationalsozialistischen Schweizerbundes» und der illegalen «nationalsozialistischen Bewegung in der Schweiz». Er wollte den Anschluss der Schweiz an Grossdeutschland und nannte General Henri Guisan einen «Landesverräter» sowie «Juden- und Lügensöldling».

Berufswunsch Landammann

Zwei Jahre lang dauern daraufhin die Untersuchungshaft und die Ermittlungen gegen Burri und 40 seiner Mitstreiter. Schliesslich kommt es 1948 vor dem Bundesstrafgericht, das in Zürich tagt, zum grossen «Landesverräterprozess», der schweizweit grosses Aufsehen erregt. Zeugen sagen aus, dass Burri auf den Posten eines Schweizer Gauleiters aspiriert habe, als «Landammann der Schweiz» – einer Schweiz notabene, die Nazideutschland einverleibt worden wäre. Die Tribünen des Gerichts sind übervoll, die Zeitungen berichten minutiös über die Verhandlungen. «Helvetischen Goebbels» nennen sie den Hauptangeklagten Franz Burri und «Totengräber der Heimat»; er würde, mutmasst «Die Tat», das «Landesverräterexamen mit dem Prädikat magna cum laude» bestehen.

Keine Reue: Burri vor dem Gericht. Foto: Schweizerisches Landesmuseum

Dabei war die Karriere Burris als Rechtsextremer keineswegs vorgezeichnet. 1901 in Cham geboren, wird er zwar mit 14 Jahren Vollwaise und kommt in die «Verpflegungs- und Erziehungsanstalt für arme Kinder» im Luzerner Rathausen. Doch der Kontakt mit der geistlichen Leitung führt dazu, dass er selbst Geistlicher werden wird. Er tritt einem Laienorden in der Nähe von Wien bei.

Aber nach drei Jahren ist die Zeit im Orden vorüber; bald schwärmt er – quasi auch mit heiligem Eifer – für den Nationalsozialismus. Burri arbeitet als Buchhalter und als Journalist. Auch dank einer Empfehlung des Schweizer Botschafters in Wien wird er Wiener Korrespondent der «Neuen Berner Zeitung». Burri schreibt «germanisch», propagiert die «Volksgemeinschaft», eine «deutsche Kampfgemeinschaft» und fordert «deutsches Nationalbewusstsein», sodass sich seine journalistische Tätigkeit mehr und mehr in eine nachrichtendienstliche verwandelt.

Abgehörtes Telefon

Burri fällt auf, unter anderem den Polizeibehörden. Österreich weist den Schweizer Franz Burri «wegen nationalsozialistischer Umtriebe» aus. Er zieht in die Schweiz und sucht eine Arbeit als Journalist und Redaktor. Doch sein Ruf ist ihm vorausgeeilt, sodass er keine Arbeit findet. Stattdessen gründet Burri in Luzern und mit deutscher Finanzhilfe die «Internationale Presseagentur» (IPA). Er beliefert die deutsche Presse und betreibt Nazipropaganda, unter anderem gegen Österreich, pflegt die Kontakte mit Schweizer Frontistenführern, ist aber selbst in keiner Front aktiv.

Burris Umtriebigkeit erregt jetzt in der Schweiz Aufsehen; die Bundespolizei nimmt ihn ins Visier, hört sein Telefon ab und liest seine Briefpost, die er schon zu diesem Zeitpunkt stets mit «Heil Hitler!» unterschreibt. Er hetzt auch gegen die Juden, welche die «germanische Rasse» bedrohten. Das Honorar für den Betrieb seiner Presseagentur bezieht er direkt vom Propagandaministerium in Berlin. Er erhält zwei Verwarnungen, weil er die völkerrechtlichen Beziehungen der Schweiz gefährde, zuerst von der Bundesanwaltschaft, dann vom Bundesrat, allerdings ohne erkennbare Wirkung.

Illustration: «Nebelspalter»

Darauf verbietet der Bundesrat 1938 Burris «Internationale Presseagentur» (IPA). Deshalb orientiert sich Burri um: Weil in der Zwischenzeit Österreich Teil von Nazideutschland geworden ist, kehrt er begeistert nach Wien zurück, wo er die IPA neu belebt. Zudem wirkt er nun auch im Deutschland: 1940 gründet Burri in Stuttgart mit anderen den «Bund der Schweizer in Grossdeutschland» und wird dessen Führer.

Mitglied der NSDAP

Franz Burri agitiert auch in der Schweiz und übernimmt die Nazi-Ideologie vollständig. Er publiziert die Denkschrift «Zur Lage in der Schweiz» und überreicht diese dem SS-Führer Heinrich Himmler, mit der Bitte, selbst in die Waffen-SS aufgenommen zu werden. Mitte 1941 gelangt Burri mit der Forderung an den Bundesrat, es sei «die Hälfte der mobilisierten Schweizer Armee unter dem Oberstkorpskommandanten Ulrich Wille für den Kampf gegen Sowjetrussland bereitzustellen», er will also die Schweizer Armee auf der Seite Hitlerdeutschlands gegen Russland einsetzen.

Er agitiert mit Flugblättern gegen die Schweiz, die Helfer von ihm in die Schweiz schmuggeln und dort verteilen. Burri diffamiert Regierung, Parlament und Presse. Er übertreibt dermassen, dass die Schweiz ihn ausbürgert. Formell sind es die Flugblattkampagnen gegen die Schweiz, die für die Ausbürgerung herangezogen werden. In Abwesenheit wird er wegen «Angriffen auf die Unabhängigkeit der Schweiz» zu sechs Monaten Zuchthaus verurteilt. Deshalb wird er deutscher Staatsbürger und Mitglied der NSDAP.

Franz Burri lässt 1944 weiterhin Flugblätter von Mittelsmännern in die Schweiz schmuggeln. Er ruft zur Gründung einer «Schweizerlegion» innerhalb der Waffen-SS auf und fordert offen militärische Aktionen der Nazis gegen die Schweiz. Burri wird erneut der Prozess gemacht: Diesmal wird er in Abwesenheit zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Weil er in Wien lebt, haben die Schweizer Behörden keine Möglichkeiten für einen Zugriff. Nach Kriegsende sind es die Amerikaner, die Franz Burri am 11. Dezember verhaften. Und 1946 ihn in die Schweiz abschieben.

Der Hauptangeklagte Burri nutzt 1948 den grossen Prozess, um sich vor Gericht und vor allem vor den Medien zu rechtfertigen: «Mein Kampf war nicht Selbstzweck. Er diente einer Idee, die ich noch heute als richtig empfinde – ich habe dafür gekämpft, wie jeder andere für seine Ideen kämpft.» Schliesslich verurteilt ihn das Bundesgericht zu 20 Jahren Zuchthaus. Er selbst sagt dazu: Der Gerichtsentscheid sei ein «unblutiges Todesurteil. Das Leben verliert für mich seinen Sinn.»

Unverbesserlich bis zum Tod

Franz Burri nutzt die Zeit im Gefängnis, um Klageschriften zu verfassen. Er klagt gleich gegen fünf Bundesräte, die gegen das eidgenössische Verantwortlichkeitsgesetz verstossen haben sollen. Er kritisiert die angebliche Rechtsverweigerung. Die gleiche Behauptung hat Burri schon früher erfolglos in Form einer Beschwerde an das Bundesgericht wegen Rechtsverweigerung gerichtet, um seither unentwegt den Bundesrat mit Haftentlassungsgesuchen zu bestürmen. Vergeblich.

1959 kommt Burri in den Genuss der vorzeitigen Freilassung, er nimmt Wohnsitz im deutschen Lindau. Er bleibt ein Verfechter des Nationalsozialismus bis zu seinem Tod 1987 und publiziert weiterhin in rechtsextremistischen Organen. «Eines Tages werde auch ich von der Geschichte rehabilitiert», schrieb der unverbesserliche Nazi-Anhänger in einem Leserbrief an die Wochenzeitung «Die Nation». Zum Glück hatte er unrecht.

7 Kommentare zu «Der «helvetische Goebbels»»

  • gabi sagt:

    Anstatt sich in spätem Maulheldentum gegen die Nazis zu betätigen („Je länger Hitler tot ist, desto grösser wird die Anzahl seiner entschiedenen Gegner“), wäre es vernünftiger sich aktuellen Strömungen anzunehmen, die kein Bisschen weniger bedrohlich sind.

    Karel Schwarzenberg hat, sogar kurz vor dem Anschluss der Krim, davor gewarnt, dass Putin wie Hitler 1938 sei. Was seither geschah, hat doch wirklich alle Befürchtungen (und alle Versicherungen des Gegenteils durch Putin!) bestätigt.

    Dennoch treffe ich im Jahre 2018 überall auf Menschen, welche die legitimen „Interessen Russlands“ mit den kriminellen Absichten der kleptokratischen Kreml-Clique gleichsetzen, die sich in „Whataboutism“ ergeben und wie Sprechroboter (in Russland werden sie nicht umsonst „Zombies“ genannt“)

    • gabi sagt:

      märchenhaft Erzählungen aus St. Petersburg wiederkäuen.

      Darunter finden sich keineswegs nur die Angestellten der Petersburger Troll-Fabriken, sondern durchaus auch Menschen, die ähnlichen – wenn nicht grösseren – Einfluss gerieren dürften, als ein Burri zu seiner Zeit.

      Ich darf hier nur mal etwa auf Daniele Ganser aufmerksam machen, der als launiger Unterhalter ganze Säle voller Verschwörungstrunkener im In- und Ausland füllt und ganz ungebremst Putins Ukraineerklärungen verzapft, während auf seiner Webpage KenFM oder RussiaToday als Informationskanäle von Rang angegeben werden (oder wurden, falls er´s inzwischen raus genommen hat).

      Ehe wir also einen längst überwundenen Burri bashen, wäre mir lieber, wir würden uns alle etwas aufmerksamer dem hier und jetzt widmen.

      • Laura sagt:

        Man kann ja das eine tun und muss das andere nicht lassen. Das hier ist ein History-Blog, Daniele Ganser findet sicherlich in Artikeln mit aktuellem Bezug seine Berücksichtigung. … Wobei der eine faschistische Figur war, der andere ein viel gehörter Verschwörungstheoretiker … aktuell ist letzterer gefährlicher.

  • M. Seiler sagt:

    @Knupfer. Hat natürlich schon früher angefangen. Was hätten denn auch die armen Herrensöhnchen des Zürcher Freisinns nach dem schwarzen Donnerstag 1929 machen sollen ? Papi konnte nicht mehr alles zahlen, also wurde am Liberalismus gezweifelt und nach Alternativen gesucht. Zuerst allerdings im Italienischen Faschismus, bevor dann an der Uni und an der Hochschule aus den Studentenverbänden an der Gründung der verschiedenen Grüppchen und dann später am Zusammenschluss zur Nationalen Front geholfen wurde.

  • L.S. sagt:

    Die Windfahnenpolitik u./od. Windfahnen-Meinungs-/Wendehalsmentalität der CH hatte und hat heute noch tiefe Wurzeln in der Bevölkerung.

  • Johann sagt:

    Zu den CH-Presseorganen: NZZ und Nebelspalter (Bö) waren immer klar gegen Nazideutschland. Andere machten eher auf Windfahnenpolitik. Man denke auch an diese „Eingabe der 200“. – Die wurde später etwas heruntergespielt, weil auch Intellektuelle und ‚Mehrbessere‘ darunter waren.

    • René Edward Knupfer sagt:

      @ Johann : Die sozialdemokratische schweizerische Tageszeitung „Volksrecht“ war eine stets unerschütterliche Stimme gegen Nazideutschland; die freisinnige NZZ zu Beginn der braunen Welle in Europa hingegen gar nicht: das FDP-Leibblatt hat im Frontenfrühling 1933 die Listenverbindung der Schweizer Nazis mit den Bürgerlichen für die Zürcher Gemeinderatswahlen im September 1933 frenetisch gefeiert. Als „Kampf der vaterländischen Parteien um Zürich“ hat die NZZ damals diesen Schulterschluss der Bürgerlichen mit den Fröntlern um ihren Führer Robert Tobler gepriesen und mit ihrem nazifreundlichen Redaktor Rudolf Böppli als „Gebot der Vernunft“ bezeichnet. Publizistisches Engagement gegen den braunen Totalitarismus sieht entschieden anders aus.

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