Meta-Verschwörungstheorie im Weissen Haus

Steve Bannon im Gespräch mit Reince Priebus. Foto: Carlos Barria (Reuters), Montage: TA

Steve Bannon erscheint in den Medien wie eine schlecht rasierte Verschwörungstheorie auf zwei Beinen. Er hat, so liest man, radikale Ideen. Er wirft mit Kriegsvokabular um sich. Er sagt fürchterliche Erschütterungen voraus. Andererseits erfahren wir, dass er der eifrigste Einflüsterer von Donald Trump sein soll.

Dass der Mann Macht hat, lässt sich ja kaum bestreiten: Stephen K. Bannon, 63, ist Chefstratege im Weissen Haus und verfügt über einen ständigen Sitz im Nationalen Sicherheitsrat der USA. Zugleich hegt er sehr feste Vorstellungen, wohin sich die Geschichte entwickelt, da macht er gar keinen Hehl draus. In Reden, Filmen und Gesprächen hat Bannon sein Weltbild zur Genüge ausgebreitet.

Die vierte Wendezeit

Wir wissen also glaubwürdig, dass der chinesische Kriegsphilosoph Sunzi das Weltbild von Trumps Chefstrategen beeinflusst hat. Ein besonders wichtiges Leitwerk seines Denkens ist auch «The Fourth Turning». Diese Geschichtsanalyse wurde 1997 von zwei Politberatern in Washington veröffentlicht, Neil Howe und William Strauss. Sie erklärt die Geschichte Amerikas – teils auch die Weltgeschichte – als Abfolge von Krisen und Neuanfängen, von Niedergang und Wiedergeburt.

Rund 80 bis 90 Jahre dauert solch ein Zyklus, so die Theorie. Er endet jeweils in dramatischen, auch brutalen Zeiten. Der erste Kreislauf führte in den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg nach 1765. Der zweite endete im Bürgerkrieg von 1863 bis 1865. Der dritte Zyklus versackte in der Grossen Depression und dem Zweiten Weltkrieg bis 1945.

Rechnet man also von da weiter, dann landet man – im Heute. Glaubt man «The Fourth Turning», so steht Amerika an der Schwelle zu einer weiteren fundamentalen Krise. Die vierte Wendezeit.

Dan Brown für Politiker

Reizvoll erscheint die Sache, weil die 20 Jahre alte Schrift eine verbreitete Stimmung trifft. Zudem äusserten Howe und Strauss recht konkrete Vermutungen, was denn die Krise des 21. Jahrhunderts anfeuern könnte: Finanzkrisen, Terrorismus, Revolten gegen den «grossen Staat». Das, muss man sagen, hat einiges für sich.

Natürlich kann man derartige Ideen einfach als Zahlenesoterik abkanzeln – Dan-Brown-Mystizismus fürs Politpublikum. Aber die Kurven bieten doch auch Denkstoff, vielleicht sogar Orientierung im Chaos des menschlichen Fortschritts. Jedenfalls nehmen viele Wissenschaftler solche Kreislaufmodelle durchaus ernst.

Kondratjew-Zyklen, schematische Darstellung. Grafik: Wikimedia Commons

Unter Ökonomen geniesst etwa die Theorie des Russen Nikolai Kondratjew hohe Achtung. Danach gibt es in der Wirtschaft nicht nur Konjunktur und Rezession, sondern das Auf und Ab bildet selber nochmals lange Wellen. Diese dauern jeweils rund 40 bis 60 Jahre – auf etwa 25 eher gute Wirtschaftsjahre folgen etwa 25 eher harte Wirtschaftsjahre.

Nikolai Kondratjew hatte seine Theorie 1926 niedergeschrieben und dabei errechnet, dass wohl bald ein Zyklus auslaufen dürfte: Harte Zeiten stünden an. Drei Jahre später brachen die Börsen zusammen, es begann die Grosse Depression.

Was jetzt: Untergang oder Aufstieg?

Der Fall zeigt, dass es auch rationale Erklärungen für geschichtliche Wellenbewegungen geben mag. Zum Beispiel könnten technologische Entwicklungen jeweils einen Schub auslösen, der das ganze System über zwei bis drei Jahrzehnte nach vorne treibt: So die Eisenbahnen Mitte des 19. Jahrhunderts. Chemie und Elektrizität im frühen 20. Jahrhundert. Oder das Automobil nach dem Zweiten Weltkrieg.

«The Fourth Turning» und Kondratjews Zyklen verbindet, dass beide wunderbar schlüssig wirken. Zusammen zeigen sie aber etwas anderes: Dass eine schöne Kurve noch lange keine Prognose ergibt. Glaubt man – wie Steve Bannon – an Howe und Strauss, so drohen uns bis in die 2030er hinein schlimme Zeiten. Zieht man Kondratjews Wellen weiter, so dürfte sich die Weltwirtschaft in den nächsten 20 Jahren eher wieder erneuern und Schub gewinnen (aber auch darüber streiten sich die Gelehrten).

Wir sehen: Wer aus alten Kurven die Zukunft herauslesen will, schlittert am Ende doch aufs Glatteis.

Der Untergang des Abendlandes

Oswald Spengler, 1880-1936. Foto: Bundesarchiv/Wikimedia Commons

Vollends heikel wird die Sache, wenn so ein Denkmodell zur «idée fixe» wird. Und wenn dann einer meint, die Theorie müsse auch handfest umgesetzt werden.

Dies war das Pech von Oswald Spengler. Der deutsche Kulturhistoriker hatte kurz nach dem Ersten Weltkrieg ein Werk verfasst, das bis heute nachklingt: «Der Untergang des Abendlandes». Er beschrieb darin die Entwicklung von Zivilisationen als Aufstieg, Blütezeit und Niedergang; dann kam er zum Fazit, dass Europa gerade in der Schlussphase sei.

Das hat auch im langfristigen Rückblick allerlei Überzeugendes. In der Weimarer Republik wurde der Text aber nicht als Analyse gelesen, sondern als Aufruf. Als letzte Warnung. Viele glaubten, man müsse sich mit aller Macht gegen das beschriebene Szenario wehren. Oswald Spengler wurde damit zu einem Vordenker und geistigen Vater der Nazis (obwohl er sie verabscheute).

«Wir waren überrascht»

Die interessante Frage lautet also: Was ist «The Fourth Turning» für Steve Bannon? Ein Denkmodell – oder sein Hirngespinst? Meint Trumps Mann, er müsse selber das Rad des «Fourth Turning» antreiben?

Sicherheitshalber meldete sich Neil Howe, einer der beiden Autoren, letzte Woche in der «Washington Post» zu Wort, um Distanz zu markieren: «Wir haben nie versucht, ein politisches Manifest zu verfassen», schrieb er, «und wir waren überrascht über die Popularität unseres Buches bei gewissen Kreuzzüglern, unter Linken wie bei der Rechten.»