Nackter Protest

History Reloaded

Feminismus oder Exhibitionismus? Oxana Schatschko (Mitte) protestiert im März 2012 vor dem Eiffelturm in Paris. Foto: Kenzo Tribouillard (AFP)

Die feministische Gruppierung Femen hat ihr Aushängeschild und Gründungsmitglied verloren: Oxana Schatschko ist vor rund drei Wochen tot in ihrer Wohnung in Paris aufgefunden worden. Die Behörden gehen von Suizid aus.

Die 2008 in der Ukraine gegründete, international bekannte feministische Gruppierung sorgt mit ihrer besonderen Protestform nicht nur für öffentliches Aufsehen und Ärgernis. Mit entblössten Oberkörpern, die beschriftet sind mit «naked war» oder «women spring is coming», und die Köpfe geschmückt mit Blumenkränzen, kämpfen die jungen Frauen gegen Prostitution und Sexismus und für Frauenrechte. Sie bezeichnen sich als die moderne Inkarnation der furchtlosen und freien Amazonen. Nur betreten sie das Schlachtfeld eben nicht mit dem Pfeilbogen, sondern mit ihrem Körper, der zugleich Ausdrucksform und Waffe ist. Vermag Femen in der Ukraine mit ihrer Nacktheit zu provozieren und an Geschlechterstereotypen zu rütteln, zieht die Truppe im Westen meistens nur ein müdes Lächeln oder aber voyeuristische Blicke auf sich.

Sexualisierung des weiblichen Körpers

Die Nacktheit als weibliche Protestform hat Geschichte. Während der sogenannten Brotunruhen der Frühen Neuzeit scheuten sich die Frauen der niederen Stände nicht, die aufmarschierenden Ordnungstruppen dadurch zu verhöhnen, dass sie ihre Brüste oder sogar ihre Scham entblössten. Ihr Protest entzündete sich daran, dass der Brotpreis stieg, auf den Märkten zu wenig Getreide erhältlich war oder der entstehende Staat Vorrechte lokaler Bevölkerungen missachtete.

Der Einsatz der weiblichen Geschlechtsmerkmale zielte auf die Verspottung der Obrigkeit ab und nicht, wie später, auf den Tabubruch oder auf die Einforderung weiblicher Selbstbestimmung. Mit dem Aufstieg des Bürgertums stieg das Schamgefühl schichtübergreifend. Der nackte Körper hatte sich vermehrt zu verhüllen. Das Nacktbaden, zuvor gerade für die unteren Schichten gängige Praxis, war fortan verpönt, was im 19. Jahrhundert der Bademode zum Durchbruch verhalf. Neue Protestbewegungen wie die Lebensreformer überhöhten den nackten Körper ideologisch. Gleichzeitig wurde der weibliche Körper sexualisiert und zum Lustobjekt degradiert.

Aneignung der phallischen Waffe

Dagegen kämpfte die feministische Aktionskunst mit ganzem Körpereinsatz: Valie Export etwa (mit bürgerlichem Namen Waltraud Stockinger), feministische Avantgardistin aus Österreich, sitzt 1969 in dem Werk «Aktionshose: Genitalpanik» mit wilder Mähne, schwarzer Lederjacke und Maschinenpistole auf einer Bank. Sie spreizt die Beine, die Blicke der Betrachter fallen auf den Schritt, in dem ein Loch klafft; sichtbar wird die entblösste, nackte Scham.

Valie Export kehrt die Objektivierung der Frauen auf der Leinwand um, indem sie ihre Selbstermächtigung inszeniert, die durch die Aneignung der phallischen Waffe verstärkt wird. Sie steht damit für die feministische Kunst der 1970er-Jahre, die sich nicht auf die nüchterne Kritik und Anprangerung der patriarchalen Verhältnisse beschränkt, sondern Strategien der Übertreibung, Parodie oder Zynismus einsetzt.

Mittlerweile hat die sexuelle Befreiung stattgefunden: Jede und jeder darf seine sexuellen Bedürfnisse so stillen, wie es ihr oder ihm gefällt. Gleichzeitig leben wir in einer sexualisierten Gesellschaft, in der sich das Individuum immer mehr über seinen Körper definiert und damit neuen Zwängen unterworfen ist, etwa den Schönheitsidealen. Es ist nicht einfach, sich künftige Formen nackter Proteste auszudenken. Klar ist, dass heute nicht nur die Enthüllung, sondern auch die Verschleierung Ausdruck von Protest und für den Kampf ist, selbstbestimmt über den eigenen Körper zu verfügen, ob mit oder ohne Kleidung.

11 Kommentare zu «Nackter Protest»

  • Werner sagt:

    „Klar ist, dass heute nicht nur die Enthüllung, sondern auch die Verschleierung Ausdruck von Protest und für den Kampf ist, selbstbestimmt über den eigenen Körper zu verfügen, ob mit oder ohne Kleidung.“ Soso, jetzt dient die Verschleierung also dem Kampf für die Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Und ich Narr dachte wirklich, die wunderlichen Verhüllungs-Methoden innerhalb jener totalitären, auf Unterwerfung basierenden Ideologie im Gewande einer Religion hätten mit UNTERDRÜCKUNG der Frauen zu tun. Sollte wohl weniger Bücher von Ali Hirsi Ayaan oder Sabatina James lesen. Oder hat die Autorin den Ausdruck „Verschleierung“ ganz anders gemeint, also eine etwas unglückliche Wortwahl gewählt, und ich habe hier etwas missinterpretiert?

    • Thomas Hartl sagt:

      Wenn eine Schweizerin, die zum Islam übergetreten ist und sich politisch für den Islam einsetzt, verschleiert in den Tessin fährt um dort medienwirksam gebüsst zu werden, dann sehe ich darin keine Form der Unterdrückung, sondern ein politisches Statement. Das gleiche gilt auch, wenn SVP Politiker zusammen mit Nationalrat Wobmann in Burkas und mit Bombenattrappen für ein Vermummungsverbot protestieren. Sie sehen, auch Verhüllung ist politisch wirksam, zumindest seit in der Schweiz Kleidervorschriften zur Debatte stehen.

  • Lia sagt:

    mit Verlaub, aber wie kann man auch nur eine Sekunde lang denken, dass so was funktioniert? Frauen kennen die Anliegen längst und reagieren nicht auf nackte Brüste, Männer reagieren nur auf die nackten Brüste und interessieren sich null für das Anliegen.

  • Karl-Heinz sagt:

    „Jede und jeder darf seine sexuellen Bedürfnisse so stillen, wie es ihr oder ihm gefällt“. Zu viele „Männer“ sind genau diesem Irrtum verfallen.
    Jeder „“ hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer gefährdet, geschädigt oder mehr als nach den Umständen unvermeidbar behindert oder belästigt wird.

  • Anh Toàn sagt:

    „Vermag Femen in der Ukraine mit ihrer Nacktheit zu provozieren und an Geschlechterstereotypen zu rütteln, zieht die Truppe im Westen meistens nur ein müdes Lächeln oder aber voyeuristische Blicke auf sich.“

    Ihr Beitrag bei History Reloaded ein Beitrag erscheint, weil Oxana Schatschko gestorben ist, straft Sie Lügen: Kaum jemand hat in den letzten Jahren mit derart geringen Mitteln so viel mediale Aufmerksamkeit erzielt, wie Femen, auch im Westen. Und im Rest der Welt auch, bis nach Vietnam.

    Noch besser betreffend Verhältnis Aufwand zu Medienpräsenz war Bhagwan mit seinen Rolls Royce: Die kosteten unter dem Strich nichts, wurden als einer von Bhagwans knapp 100 RR mehr wert. Allenfalls einzelne Greenpeace Aktionen erhielten die Medienpräsenz, welche Femenauftritte erhalten.

  • Michael sagt:

    Jede und jeder darf seine sexuellen Bedürfnisse so stillen, wie es ihr oder ihm gefällt – ein starker Satz. Das geht bei besonderen Bedürfnissen aber nur im stillen Kämmerlein. Beispielsweise wäre es als Mann undenkbar, in High Heels auf die Strasse zu gehen.
    Eine nackte weibliche Brust – ausserhalb der Sauna und dem FKK Strand – wird immer als provokant empfunden, weil es ganz einfach gegen den Zeitgeist verstösst – weibliche Brüste haben verhüllt zu sein. Entbössen sich Demonstrantinnen, können sie sicher sein, das ihr Anliegen bemerkt wird – egal worum sie demonstrieren.

    • Jessas Neiau sagt:

      Das klingt jetzt aber nicht so gut wie das schöne Geschwafel von Frau Janett.

    • Sandra sagt:

      Dass nackte Brüste solche Tumulte auslösen, ist eigentlich traurig., da es sich bei Brüsten eben NICHT um ein Sexualmerkmal handelt, sondern um Zitzen zum Säugen des Nachwuchses. Zumal kein Mann sich dafür interessieren wird, wofür die Frauen demonstrieren – er wird die nackte Haut anschauen und das war’s dann auch.

      • Anh Toàn sagt:

        Ich habe auch als Mann meine ich, durchaus die Femen Botschaft wahrgenommen. Und auch wenn mein Blick, ich gestehe es, sogar von bekleideten Brüsten angezogen wird, können selbst nackige Brüste meine Empfindungen nicht derart bestimmen, dass ich nur noch an eins denken kann. Bei mir hatten die nackigen Brüste keine erotische Wirkung, aber geholfen, die Aufmerksamkeit auf die Botschaft zu lenken.

        „Warum machen die das?“ fragt, so behaupte ich, der gemeine Mann.

      • Martin Frey sagt:

        Die weibliche Brust zählt definitionsgemäss zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen, Sandra. Ihre Anatomie geht weit über reine Funktionalität im Sinne von Zitzen wie bei anderen Säugetieren hinaus. Weil es eben mehr als nur Zitzen sind, aus biologischer, gesellschaftlicher, sinnlicher, erotischer Perspektive.
        Meines Erachtens ist das Blankziehen umgekehrt proportional zu etwaig vermittelnden Inhalten. Nicht nur bei Femen, auch in der Kunst, und letztendlich auch in der Politik.
        Aber dabei handelt es sich nur um meine Privatmeinung, wie gesagt.

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