Was die Banken mit dem Populismus zu tun haben

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Ohne ihn kein Trump? Richard Fuld, Chef der Konkursbank Lehman Brothers, im Oktober 2008. Foto: Shawn Thew (Keystone)

Man nannte es Erdölkrise. Mitte der Siebzigerjahre gerieten Amerika und Europa in eine Rezession, wie man sie seit dem Weltkrieg nicht mehr erlebt hatte – auch die Schweiz. Die Arbeitslosigkeit erreichte Rekordwerte, Arbeitskämpfe brachen aus. Und was passierte in der Politik? Wenig. Die parlamentarische Landschaft blieb stabil, die Gewichtsverhältnisse unverändert.

Es gibt ja die Faustregel, dass wirtschaftliche Krisen starke politische Folgen haben. Aber hier traf sie nicht zu. Und das galt für fast alle Industriestaaten, die von dieser Erdölkrise getroffen wurden.

Man nannte es Subprime-Krise. Nach der Finanz- und Bankenkrise von 2008 gerieten die Haushalte vieler Staaten ins Schlingern, in Südeuropa drohte der totale Zusammenbruch, und auch die Schweiz erlebte eine Rezession: 2009 schrumpfte ihre Wirtschaft so stark wie seit der Erdölkrise nicht mehr.

Und was geschah nun? Viel mehr. In Europa wie Amerika kamen links- und rechtspopulistische Bewegungen auf die Siegerstrasse.

Rechts profitiert, Links nicht

Wir ahnen: Krise ist nicht gleich Krise. Es gibt tiefe Schlaglöcher, über die wir einfach hinwegrollen – und es gibt andere, welche die ganze Karosserie erschüttern.

Einen verblüffenden Zusammenhang entdeckten nun drei deutsche Ökonomen. Sie nahmen alle Wirtschaftskrisen entwickelter Staaten seit 1870 und fragten: Was geschah in den Wahlen danach?*

Manuel Funke, Moritz Schularick und Christoph Trebesch verglichen Fälle aus 20 Ländern und über 800 Wahlgängen, und dabei zeigte sich: Normale Industriekrisen treffen das demokratische System kaum, vielleicht stärken sie es sogar. Aber Finanz- und Bankenkrisen haben dramatische Folgen, denn danach erleben neue, fundamental kritische Bewegungen einen Aufschwung. Es kommt zu Unruhen. Extremisten kriegen Oberwasser. Und am Ende profitiert der rechte Flügel am meisten – kaum aber die Linke.

Rund 30 Prozent mehr Stimmen

Konkret: Wenn in einer Krise das Bankensystem wankt, die Währung entwertet wird oder das Geldsystem zusammenbricht, dann legten in den Wahlen danach jene Parteien am klarsten zu, die sich gegen Ausländer und Minderheiten richteten. Im Schnitt aller untersuchten Fälle holten sie nun rund 30 Prozent mehr Stimmen als davor.

Aber nach einer normalen Rezession blieben die Anteile der Regierungsparteien kaum verändert. Es zogen auch kaum neue Parteien und Protestbewegungen in die Parlamente.

Mehr noch: Hatte man es mit schweren Wirtschaftskrisen zu tun, dann wuchs sogar die Unterstützung für die Regierenden.

Wahlsiegerin: die FDP

Ein Beispiel gefällig? In der Schweiz ging in den ersten Nationalratswahlen nach der Erdölkrise, im Herbst 1979, ausgerechnet die staatstragende FDP als Siegerin hervor. Hauptverlierer waren der Landesring der Unabhängigen und die Nationale Aktion.

Das Ökonomenteam aus Universitäten in Berlin, Bonn und München deutet die gefährliche Sonderrolle der Finanz- und Bankenkrisen noch recht vorsichtig:

  • Möglich sei, dass die Bevölkerung eine Rezession als entschuldbar empfindet – während für Finanzkrisen die Regierenden stärker verantwortlich gemacht werden.
  • Möglich auch, dass die Massnahmen zur Stützung der Banken als besonders unfair empfunden werden (die Empörungen der letzten Jahre boten ja schöne Beispiele).
  • Möglicherweise schafft die Angst um das eigene Geld, der drohende Vermögenszerfall, die neuen Verhältnisse zwischen Schuldnern und Gläubigern eine sehr tiefgründige Verunsicherung.

Eventuell geht es den Wählern hinter Donald Trump oder Marine Le Pen im Herzen also weniger um konkrete Islamisten, Mexikaner oder den EU-Moloch. Sondern sie werden vom Schauder getrieben, den der drohende Zusammenbruch der Geldstrukturen ihnen über die Rücken gejagt hatte.

Die erwähnte Geschichtsstudie bietet auch Andeutungen zur weiteren Entwicklung. In den erfassten Daten ab 1870 schwächten sich die Unruhen und die rechten Bewegungen nach einer gewissen Zeit wieder ab: Rund 10 Jahre nach Ausbruch der Krisen lagen die politischen Werte meist wieder auf einem ähnlichen Stand wie davor.

Natürlich, nichts hat einen einzigen Grund. Und die Geschichte respektiert keine ehernen Gesetze. Aber zwei Ahnungen drängen sich hier doch auf. Erstens: Vielleicht müssen sich die Rechtspopulisten langsam beeilen – ihr Rückenwind bläst womöglich nicht mehr allzu lange.

Aber, zweitens: Nicht auszudenken, wenn es jetzt wieder zu einer schweren Finanzkrise käme. Die Verantwortung der Notenbanken, der Regierenden, der Player im Finanzsystem erscheint momentan unermesslich.

* Manuel Funke, Moritz Schularick, Christoph Trebesch:«Going to Extremes: Politics after Financial Crises, 1870–2014», CESifo Working Paper Nr. 10884, Oktober 2015. Oder in: «European Economic Review», 88, September 2016.

15 Kommentare zu «Was die Banken mit dem Populismus zu tun haben»

  • Leo Klaus sagt:

    So so, offenbar reicht manchen Leuten ein Zeitraum von 100 Jahren um grosse Thesen auf die Beiden zu stellen. Wobei geht hier voellig vergessen, was nach der groessten Finanz- und Bankenkrise der 1920-er und 1930-er Jahren in den USA passierte. FDR gewann die Praesidentenwahl, und krempelte das ganze Finanzsystem um, damit die Banken an die Leine genommen wurden, z.B. mit dem Glas-Steagall Act, dessen Abschaffung durch Bill Clinton erst den Anfang der zuegellosen Kreditvergaben ermoeglichte welche in die Finanzkrise 2008 muendeten.

    War FDR ein Rechtspopulist?

  • Martin Cesna sagt:

    Die Antwort von „Rechten“ ist meist einfacher und für den einfachen Geist leichter verständlich als die vn „Linken“ oder gar „Alternativen“ und „Grünen“.
    So:
    – Ausländer schuld, wenn man den Job verliert.
    – Andere schuld, statt selber schuld.
    – Das Pubsen de Kühe ist schuld am Klimawandel
    – Viele „Rechtsdenkenden“ sind empfänglich für einen Retter, Führer.
    – Wieso Klimawandel, draussen schneit es doch!

  • Monique Schweizer sagt:

    Ohne die Folgeerscheinungen des Crashes von 1929 wäre der Welt der Hitler und seine Schergen höchstwahrscheinlich erspart geblieben, denn in Folge desselben repatriierte der schwache US Präsident Hoover die US Kredite an Deutschland in die USA zurück, was 1931/32 zu Bankenzusammenbrüchen und einer historischen Massenarbeitslosigkeit von bis zu 44% führte.
    Der NSDAP-Wähleranteil stieg von 1929 von 2.5% auf 33.1% auf bei den Wahlen im November 1932 und für ein paar Jahre konnte u.a. dank windigen Finanzinstrumenten wie z.B. MEFO Wechseln und Forcierung der Infrastruktur und Rüstungsindustrie den Menschen wieder Arbeit gegeben werden, doch 1939 war das Reich praktisch pleite, da fast alles auf Sand gebaut war und musste dann auf Raubzug gehen – den Rest der Geschichte kennen wir ja.

  • Gregor Tabari sagt:

    Das Leben ist eine ständige Abfolge von Krisen. Mit Zwischenphasen zur Erholung, die man nutzen sollte (wie Reserven bilden). Historisch gesehen, hatten in Russland und China früher einmal die Linken profitiert (wie UdSSR und Mao-China). Gefragt wäre also eine gewisse Krisenresistenz. Krisen gehen in der Regel vorbei.

  • Jan Holler sagt:

    Und gerade hat Trump die Regeln für die Finanzwirtschaft gelockert. Wenn also rechte Populisten mit Finanzjongleuren zusammenspannen, droht uns alle Jahre eine Krise im System, was dann wieder die Macht der Rechtspopulisten sichert. Eine Win-Win-Situation für diese, da Reiche in Krisenzeiten ihr Vermögen weiter vermehren können, wie man erschüttert feststellen musste.

  • Ronnie König sagt:

    Das ist so! Und, was hier weniger beleuchtet wurde, ist, dass es zu rechtsextremen Strömungen kam in den weitgehend wohlhabenden Ländern! Und gehen wir mal in die Mutter aller Krisen, dem Finanzzusammenbruch anno 1929, da war, weil ein verlorener Krieg und unvernünftige Auflagen dann gar das NS-Regime möglich und was verlor der Jubler dieser Partei? Alles! Hingegen waren jene die eh diktierten und profitierten danach nicht gross ärmer.Die Sache it also leicht komplexer und enthält dadurch schon wieder den Kern für das nächste Desaster. Übrigens beschrieb Marx indirekt dies im Kapital. Er hatte aber keine Lösung dafür, nur Denkansätze wie man puffern könnte. Denn was auch er wusste, gegen Dummheit und Verhetzung gibt es kein wirkliches Rezept.

  • Marco Zolin sagt:

    Weshalb die Rechte immer als Populisten bezeichnet wird ist mir schleierhaft. Wenn Christian Levrat den Kapitalismus überwinden will ist das sehr linkspopulistisch und wird von der Presse als neue Idee gefeiert…
    Mehr Fakten, weniger Geplauder würde die Intelligenz der Leser weniger beleidigen.

    • Ronnie König sagt:

      Nein, das mag so aussehen, sie aber begehen schon einen weiteren populistischen Fehler, denn nicht Levrat will den Kapitalismus überwinden, das war die Parole der Juso und erzeugte zuerst Verwunderung bei den etablierten Linke! Sie sehen, wenn sie nix wissen und kapieren, denen rechts dumm nachlaufen, dann meinen sie bei den Siegern zu sein und verlieren nach einer gewissen Zeit. Warum ändern sie den nicht etwas? weil sie dann Selbstkritik üben müssten. Das ist immer unangenehmer wie andere verantwortlich machen. Am bequemsten ist es natürlich auf schwächere loszugehen, was die eigen Stärke unweigerlich in Frage stellt. Dadurch erschaffen sie sich aber mit ihrer Dialektik erst das Etikett des Rechtspopulismus, genau so ergeht es aber auch den Linkspopulisten. Beide sind beschränkte Geister

  • Max Bader sagt:

    Der Aufstieg rechter Parteien hat nur wenig mit der Finanzkrise zu tun. Die ist nämlich schon lange vorbei. In Europa gibt es noch die Eurokrise, aber die hat in Spanien, Griechenland, Portugal und auch Italien die Linken gestärkt.
    Der Aufstieg der rechtskonservativen Parteien hat mit der Identitätspolitik zu tun und der Globalisierung. Und so lange hier nicht ein Umdenken stattfindet, müssen sich die rechten Parteien keine Sorgen machen.

    • Marius Hindelbank sagt:

      Identitätsfragen stellen sich auch dann, wenn es globale Finanz- bzw. Wirtschaftskrisen gibt.

    • Ronnie König sagt:

      Ach Herr Bader, im einfachen Modus, weil die Welt halt mehr Bildung und Erfahrung für gutes Gelingen verlangt! Mich hätte hier ein selber gedachten Gedanken und nicht alte Suppen wärmen ehrlich gesagt doch sehr erstaunt. Aber sie scheitern schon an sich selber. Daher brauchen sie ja immer schwächere Opfer um den Frust abzubauen. Und helfen so die nächste Krise aufzubauen. Übrigens arbeitet Trump gerade daran. Und sie werden die zeche sogar zweimal bezahlen dieses Mal. Denken sie da mal nach. ich weiss um die ständige Nichtsicherheit, wegen Unsicherheit, daher habe ich mit Minderheiten kein Problem, aber mit Gaukler die Macht haben. Sie bewundern diese und bezahlen dafür. Ich zwar auch, bin aber schlauer und sorge anders vor, wie jene die auf ihre Kosten leben.

  • Herbert Anneler sagt:

    Sehr spannende empirische Arbeit! Mehr davon! Es fehlt der zweite, phänomenologische Teil: Wie nehmen die Menschen die hier objektiv beschriebene Lage subjektiv wahr? Hier bleibt diese Arbeit leider nur bei Vermutungen, wiewohl es für diese Fragestellung auch anerkannte Methoden gäbe. Hintergrund ist das Thomas-Theorem der Soziologie: Was Menschen für real HALTEN, ist in seinen Folgen real. Nicht die objektiven Fakten steuern unser Tun und Verhalten, sondern die Art und Weise, wie wir sie interpretieren, d.h. der Sinn, den wir in sie hineinlegen und der uns zu einem spezifischen Handeln veranlasst. Dies würde zu bestimmen Deutungsmustern in der Bevölkerung führen – und zur Frage: Was steht hinter diesen? Wer vertritt welche, welches ist ihre Genese? Es gibt noch viel zu tun.

    • Ronnie König sagt:

      Richtig! Und ich sage ihnen, was da mitspielt, das sind Emotionen und auch Erfahrungen. Dies haben übrigens solche Leute auch schon bemerkt, aber dem ist schlecht beizukommen. Auch die Börse tickt ja nicht rational. Ein Produkt der negativen Emotion, da wo praktisch alle Religionen und Philosophien korrigierend eingreifen wollen, aber dann selber wieder missbraucht werden, weil der Mensch in diesem Punkt entweder auf oder halt leider dumm ist. Warum sehen Menschen gerne Zauberer im Zirkus und am TV? Sie leiben die Illusion, auch wenn die Mehrheit weiss, dass sie hinters Licht geführt wird. Der Trick muss gut sein, man bezahlt ja schliesslich einen kleinen fixen Betrag dafür. Hingegen beim obigen Fall, da könnte man vorsorgen und erliegt der anderen Illusion, weil man das für real hält.

      • Herbert Anneler sagt:

        Danke für Ihre Anregung! Wir sind immer noch im Cartesianischen Menschenbild der Dichotomie zwischen Kognition und Emotion verhaftet, wobei die Emotionen gemäss wissenschaftlicher Erkenntnistheorien verpönt sind, während die Politik seit Jahrtausenden mit den Emotionen arbeitet: von panem & circenses bis zu den irren Thule-Mythen der Nazis. Der Absolutheitsanspruch der Kognition führt uns Menschen in Konflikt mit unseren Emotionen. Entweder versuchen wir dann, unser Denken zu rationalisieren (Bildung) oder wir geben uns den Emotionen hin (Rechtsextremismus). Wir müssten erkenntnistheoretisch den Absolutheitsanspruch der Kognition hinterfragen und auch den Emotionen ihren Raum geben, um zu einer ganzheitlichen Erkenntnistheorie zu kommen: das eine lässt sich ohne das andere nicht verstehen.

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