Fake Quotes: Die schönsten falschen Zitate

History Reloaded

Grossen Persönlichkeiten wie Albert Einstein (hier mit seiner Frau Elsa) werden gerne grosse Worte in den Mund gelegt. Foto: Keystone

Berühmte Menschen leisten nicht nur Grosses in Kunst, Wissenschaft oder Politik, sie geben auch noch dauernd Weisheiten von sich.

So sollte man meinen. Unser Zitatenschatz ist jedenfalls voller Einzeiler, die einst aus einem berühmten Mund purzelten, doch heute von Hinz und Kunz zitiert werden, in welcher Lebenslage auch immer. Zum Beispiel:

«Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben».
Michail Gorbatschow

Nur: Die Wirklichkeit ist oft widersprüchlicher. Manch grosser Künstler kann schlecht reden, und dem Staatsmann fällt oft nichts Gescheites ein, wenn es drauf ankommt.

Die ganz Grossen erhalten dann aber Hilfe von Bewundern, Nachkommen und eifrigen Biografen. Diese verkürzen dann ihr Gerede, sie dampfen verhaspelte Sätze ein zur kernigen Sentenz. Ein Schulbeispiel bietet – eben – Michail Gorbatschows legendärer Satz.

Gewiss, der Staatschef der Sowjetunion wollte beim Besuch in Ostberlin 1989 den greisen DDR-Funktionären in etwa mitteilen: Bewegt euch, sonst überrollt euch die Geschichte. Also sagte er sinngemäss und vor laufenden Kameras: «Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren.»

Das war alles andere als ein Satz für die Ewigkeit. Dieser wurde erst am Tag danach entwickelt, bei einem Gespräch von Russlands Regierungssprecher Gennadi Gerassimow mit deutschen Journalisten – quasi im Pingpong-Verfahren: «Was hat er da gesagt? Was hat er gemeint?» Als der Satz dann rund war, war der schlaue Gerassimow gern bereit, ihn als Zitat seines Chefs abzusegnen.

Wir sehen: Die Nachwelt biegt manchmal eine Aussage gerade – selbst wenn Tonbandaufnahmen beweisen, dass es sie in dieser Form gar nicht gab. Das zeigt auch eine berühmte Umschreibung schwerer Zeiten aus dem Jahr 1940:

«Blood, Sweat and Tears»
Winston Churchill

Der neue Premierminister versprach seinem Volk in der Tat viel Blut und viele Tränen, aber er tat es nicht im elegant springenden Dreisatz. Sondern er fügte den Körperflüssigkeiten noch die «Rackerei» hinzu («Toil»), was das Ganze nicht nur etwas diffuser machte, sondern auch holpriger.

Unterhausrede von Winston Churchill, 13. Mai 1940.

Dem Volksmund war das zu behäbig, also glättete er Sir Winstons sperrige Liste kurzerhand ein.

Solche Fälle sind noch harmlos. Öfter jedoch geht es darum, die berühmte Persönlichkeit kurzerhand zu missbrauchen – als Zeuge eigener Ansichten. Die Schweiz hat dafür ein legendäres Fallbeispiel:

«Machet den Zaun nicht zu weit!»
Niklaus von Flüe

Der Satz des Nationalheiligen wird bis heute gern als aussenpolitische Leitplanke herangezogen. Nur: Von Bruder Klaus stammt das nicht. Der Luzerner Gerichtsschreiber Hans Salat legte den Ratschlag dem Eremiten 1537 in den Mund – ein halbes Jahrhundert nach dessen Tod. Der Luzerner wollte mit seinem erfundenen Zitat auch keineswegs die Eidgenossenschaft auf einen Neutralitätskurs bringen; vielmehr ging es ihm darum, das reformierte Genf draussen zu halten.

Guter Satz, weiser Mann: Ähnlich missbräuchliche Kombinationen finden sich in den Naturwissenschaften, die ja ebenfalls viele eindrückliche Sentenzen zu bieten haben:

«Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.»
Albert Einstein

Die Behauptung taucht erstmals 1939 auf, damals noch allgemein «einem der berühmtesten Naturforscher» zugeschrieben. Dann, knapp drei Jahrzehnte später – Einstein ist inzwischen tot –, rechnet eine Bienen-Fachzeitschrift eins und eins zusammen: Wer war wohl der berühmteste Naturforscher? Kann ja nur der Einstein gewesen sein …

Und dann dauerte es noch mal etwa drei Jahrzehnte, bis sich die Bienlein-Prognose in den Neunzigerjahren verselbstständigte und zur Pop-Weisheit für allerlei Graffiti, Demos, Ansprachen und Spitzmarken wurde. Und zwar je länger, desto weniger hinterfragt mit der Signatur: Albert Einstein.

So recherchierte es der Journalist Martin Rasper, der unlängst ein wunderbares «Buch der falschen Zitate» vorgelegt hat. Bereits im Titel legt Rasper ein berühmtes Beispiel vor:

«No Sports!»
Winston Churchill

Nonsense. Der britische Premier, nach den Gründen für sein langes Leben befragt, hat nicht so geantwortet. Jedenfalls nicht vor Zeugen. Aber für unsportliche Menschen ist es halt ein schöner Trost, dass ein übergewichtiger Alkoholiker und Kettenraucher nicht nur zum Retter Europas werden kann, sondern obendrein steinalt.

Figuren der Prominenz- und Intelligenz-Liga eines Goethe oder Shakespeare, Einstein oder Churchill sind speziell beliebte Kandidaten für falsch gemünzte Zitate. Ein weiteres Beispiel, das Martin Rasper entdeckte:

«Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.»
Winston Churchill

Der Fall ist speziell bemerkenswert, weil das Zitat in England selbst völlig unbekannt ist. Oder anders: Es ist ein deutsches Zitat, das quasi zur Aufwertung über den Ärmelkanal geschmuggelt wurde. Martin Rasper vermutet in «No Sports», dass die Darstellung von Churchill als «Lügenmonster» durch die Nazi-Propaganda hier eine Rolle spielte. Und dass dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, ein beliebter Spruch dem siegreichen Premier aufgepfropft wurde.

Das Muster klappte auch bei einem – an sich – korrekten Churchill-Zitat:

«Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen, abgesehen von allen anderen.»
Winston Churchill

Zwar sagte er das nachweislich 1947 im Unterhaus, nur führte Churchill selbst an, dass es ein Zitat aus früheren Zeiten sei: «It has been said that …»

Wir lernen also: Es ist umgekehrt. Kernige Sprüche suchen sich berühmte Mütter oder Väter. Sie lassen sich adeln und weitertragen, indem sie sich einer prominenten Figur anhängen.

Die ganz starken Beispiele resümieren allerdings perfekt, was die grosse Person selbst geglaubt hat, also gesagt haben könnte:

«Der Zweck heiligt die Mittel.»
Niccolò Machiavelli

Der florentinische Diplomat hat diesen Satz nicht gesagt oder geschrieben – aber kein Zweifel: Sein «Il Principe» ist eine Abhandlung, die wieder und wieder um diese Einsicht kreist. Da wird also einem ein Fazit aufgepfropft, welches zum Gesamtwerk passt. Ähnlich war es wohl auch beim berühmtesten aller Luther-Zitate:

«Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.»
Martin Luther

Es ist, so fand Martin Rasper heraus, eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Die aber ganz gut zum bodenständigen und vorpreschenden Geist des Reformators passt.

Das Prinzip klappt auch umgekehrt: Wir können eine berühmte Persönlichkeit abwerten, indem wir ihr eine Unsäglichkeit in den Mund legen. Ein falsches Zitat ruiniert zum Beispiel den Ruf einer französischen Königin bis heute.

«Sollen sie doch Kuchen essen!»
Marie Antoinette

Damit, so dachten wir doch, reagierte die französische Königin auf die Meldung, dass das Volk hungere und nach Brot ruft. Aber Jean-Jacques Rousseau schrieb den Ausspruch bereits 1766 einer anonymen Prinzessin zu – als Marie Antoinette noch ein kleines Mädchen in Wien war. Und populär gemacht wurde die «Qu’ils mangent de la brioche!»-Anekdote erst nach ihrer Hinrichtung.

Der arrogante Satz diente also zur Abwertung des Adels vor der Revolution – sowie als nachträgliche Rechtfertigung dafür, dass man die Königin 1791 einen Kopf kürzer gemacht hatte.

Gerade gute Künstler sind stark darin, im Grenzbereich zwischen Plagiat und Zitat eine neue, eigene Weisheit zu finden. Denn es ist doch so:

Schlechte Künstler imitieren, grosse stehlen: Skulptur von Banksy im Museu Picasso, Barcelona (Bild: Wikimedia Commons).

Nur falls es Sie noch interessiert: Der Ursprungssatz stammt nicht von Picasso … Und wie es sich mit diesem Banksy verhält, ist ja auch eine offene Frage.

Und so sind grosse Zitate oft vor allem grosse Lügen und nur halbe Wahrheiten. Aber das erstaunt uns ja nicht, wissen wir doch:

«Die Wahrheit ist zu schlau, um gefangen zu werden.»
Shakespeare

Oder ist das nicht von Wilhelm Busch?

23 Kommentare zu «Fake Quotes: Die schönsten falschen Zitate»

  • R. Wenger sagt:

    „Ich bin ein Berliner“. Das hat Kennedy von sich nie behauptet.
    Auszug aus der Übersetzung von Kennedys Berliner Rede vor dem Rathaus Schöneberg vom 26. Juni 1963.
    Vor zweitausend Jahren war der stolzeste Satz, den ein Mensch sagen konnte, der: Ich bin ein Bürger Roms. Heute ist der stolzeste Satz, den jemand in der freien Welt sagen kann: Ich bin ein Berliner. Ich bin dem Dolmetscher dankbar, dass er mein Deutsch noch besser übersetzt hat. In seiner englischen Rede waren das die einzigen vier Worte auf deutsch.

  • Denise Gex-Collet sagt:

    „Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen, abgesehen von allen anderen“ wurde, so viel ich weiss, von Aristoteles zum ersten mal gesagt.

  • Meinrad Wiederkehr sagt:

    „Don’t believe everything you read on the internet.“
    Abraham Lincoln

  • Michael sagt:

    Egal ob diese Sprüche verifiziert von einer bekannten Persönlichkeit stammen oder nicht – sie sind einfach gut !

  • Frank Marti sagt:

    Der gute Herr scheint hier konspirativ tätig zu sein, wie man wissen sollte:

    Die Staatsmacht hilft dem Starken, den Schwachen zu unterdrücken, und die Tendenz aller Gesetze besteht darin, die Reichen gegen die Habenichtse zu begünstigen. (Rousseau)

    Aber warum?

    Die Staatsmacht hilft dem Starken, den Schwachen zu unterdrücken, und die Tendenz aller Gesetze besteht darin, die Reichen gegen die Habenichtse zu begünstigen. (Rousseau)

    Vielleicht deswegen?

    Absolute Macht vergiftet Despoten, Monarchen und Demokraten gleichermaßen (John Adams)

    Ich vermute doch aber stark:

    Die Augen gingen ihm über, so oft er trank daraus… (Goethe)

    Demnach stimmt dann auch wieder:

    Alle Menschen sind klug – die einen vorher, die anderen nachher (Voltaire)

  • lieselotte schiesser sagt:

    Eines der am häufigsten falsch zugeschriebenen Zitate dürfte der angebliche Voltaire-Ausspruch sein: „Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.“ Der Satz stammt nicht von Voltaire sondern wurde 1906 im Buch „Friends of Voltaire“ von Evelyn Beatrice Hall (Pseudonym Stephen G. Tallentyre) benutzt, um Voltaires Einstellung zu Claude Adrien Helvétius zu charakterisieren: „‚I disapprove of what you say, but I will defend to the death your right to say it,‘ was his attitude now.“ Die Behauptung, Voltaire habe in seinem Brief an M. le Riche vom 6. Februar 1770 geschrieben: „Monsieur l’abbé, je déteste ce que vous écrivez, mais je donnerai ma vie pour que vous puissiez continuer à écrire“, stimmt nicht.

  • Hans Knecht sagt:

    Woher weiss Herr Pöhner was die Personen damals sagten und was nicht? Hatte er damals gelebt und mit den jeweiligen Personen gesprochen?
    Wir leben in einer Zeit wo man leider jede Quelle hinterfragen muss.

    • Gerhard Engler sagt:

      Herr Pöhner muss nicht beweisen, dass die Leute diesen Satz nicht gesagt haben, sondern es ist die Pflicht der Zitierer, das Zitat zu belegen. Und falls Sie ganz stur sind, so erlauben Sie mir folgende Frage: Woher wissen Sie, dass dieser Artikel von Hrn. Pöhner geschrieben wurde?

      • Bernhard Piller sagt:

        Und Sie Herr Engler, Wissen Sie, ob es diesen Herrn Pöhner überhaupt gibt und können Sie die Herkunft Ihrer Erkenntnis belegen?

  • Sibylle Benninger sagt:

    Es ist doch egal wer die entsprechenden Sätze gesagt hat. Leute die krampfhaft einen Verfasser hinter so einen Spruch setzten, haben begriffen dass dieser ein Troll-Beitrag ist und versuchen sich noch mit einem Fremden Namen aus der Verantwortung zu ziehen.

  • Hannes Bühler sagt:

    „Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die Dummheit der Menschen. Wobei ich mir bei ersterem nicht sicher bin.“
    (S. Hahnemann, Begründer der Homöopathie)

  • Etienne sagt:

    Apropos Bansky dieses Zitat von Platon finde ich passend zum Artikel:

    „I have a theory that you can make any sentence seem profound by writing the name of a dead philosopher at the end of it.“

  • Hotel Papa sagt:

    Besonders nett finde ich ja, dass ein „Dichter“ ein „Meisterwerk“ präsentieren kann, indem er bloss viele geflügelte Worte aneinanderreiht.
    .
    Case in Point: Goethes Faust…
    .
    😉

    • Mario Monaro sagt:

      Also äxgüsi, zu geflügelten Worten wurden die Sätze aus Faust und anderen Werken Goethes nachdem er sie niederschrieb und nicht umgekehrt. Soviel Bildung muss sein.

      • Hotel Papa sagt:

        Verstehen Sie ;-)?
        .
        Es ist eben heute so, dass man ZUERST die geflügelten Worte, und erst dann das Quellenwerk kennenlernt.

    • Hans Hegetschweiler sagt:

      Den Witz hat schon mein Vater mit Schiller und Wilhelm Tell gemacht, es ist schön, ihn nach Jahrzehnten wieder zu treffen

    • Anh Toàn sagt:

      Goethe und Schiller haben sich noch die unnötige Mühe gemacht, um die Zitate eine Geschichte zu erzählen. Dann kam Stanislaw Jercy Lec:

      „Von den meisten Büchern bleiben ohnehin nur Zitate übrig, warum nicht gleich nur Zitate schreiben?“

  • Michael Schatzmann sagt:

    Kontrovers auch immer bez. der Herkunft:
    Was schert mich mein Geschwätz von gestern? (Adenauer, Strauss…)
    Wer Visionen hat soll zum Arzt! (Schmidt, Strauss…)

  • Christoph Bögli sagt:

    Danke für den Artikel, den man zur Pflichtlektüre machen sollte. Es ist immer wieder nervig, wie viele peinliche Falschzitate mit grosser Penetranz zur Untermauerung irgendwelchen ideologischen Unfugs missbraucht werden. Gerade Einstein und Churchill sind da besonders traurige Beispiele.

  • Bernhard Piller sagt:

    „Good Artists Copy; Great Artists Steal“
    Steve Jobs? Pablo Picasso? T. S. Eliot? W. H. Davenport Adams? Lionel Trilling? Igor Stravinsky? William Faulkner? Apocryphal?
    Ich tippe auf Stravinsky oder T.S. Eliot, denn sie sind die ältesten von den Kandidaten.
    Steve Jobs hat es sicher auch gesagt, hat Apple doch viele gute Ideen gestohlen.

    • Gerhard Engler sagt:

      Apple hat gute Ideen lizenziert (z.B. Computer-Maus für $ 1000 von Xerox), aber vielleicht bezeichnen Sie das als stehlen.

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