Als Amerika besiegbar wurde

History Reloaded

Während der Schlacht um die Stadt Hue werden verwundete US-Marines medizinisch versorgt. Foto: John Olson (Getty)

In der Nacht des 30. Januars ging es los. Elitetruppen aus Nordvietnam attackierten zwei Armeekorps der Südvietnamesen. Routinemässig flogen amerikanische Soldaten zur Unterstützung ein. Einige Stunden lang schien es, als ob hier nur ein weiteres Scharmützel ablief in Vietnams Dauerkrieg zwischen kommunistischem Norden und amerikanisch gesteuertem Süden, mehr nicht. Und als ob die Marines das Problem wieder mal effizient ausräumen könnten.

Dann kam die Explosion. Ab dem Morgengrauen des 31. Januar 1968 preschten 85’000 Nordvietnamesen und südvietnamesische Vietcong-Guerrilleros im ganzen Land vor: Von Quant Tri im Norden bis Vinh Loi im Süden überrumpelten sie gut 100 Städte zugleich. In Saigon, der Metropole des Südens, griffen Vietcong-Kommandos ein Dutzend strategische Stellen an, unter anderem brachen sie in die amerikanische Botschaft ein. Weiter nördlich eroberten rote Einheiten die Gross- und Kaiserstadt Hue. Es folgte ein furchtbares Massaker an der Zivilbevölkerung.

CBS-Bericht über die Angriffe auf die US-Botschaft und in Saigon.

Die Tet-Offensive ist ein klassischer Wendepunkt. Bis heute wird die Geschichte des Vietnamkriegs meist geteilt: Davor glaubte «der Westen», die Lage in Südostasien zu beherrschen und die kommunistischen Kämpfer stetig wegdrängen zu können. Danach ging es nur noch darum, irgendwie herauszufinden aus diesem Sumpf. Der zweite Teil endete in der elenden Helikopterflucht der Amerikaner von 1975.

Dabei hatte sich die Tet-Offensive für die Kommunisten als Katastrophe erwiesen: Gerade dies macht den Fall so lehrreich. Er zeigt, dass sich der Erfolg einer Aktion oft stärker an den Erwartungen misst als an den Resultaten. An fast allen Schauplätzen gelang es den Amerikanern und ihren südvietnamesischen Vasallen, die Commies innert Tagen zu verjagen. Nordvietnam und der Vietcong verloren etwa 50’000 Kämpfer – mehr als die Hälfte der eingesetzten Männer wurden getötet, verletzt oder gefasst.

Das böse Erwachen

Nur: Das amerikanische Publikum erlebte eine völlig andere Geschichte. Als es am Dienstag, 30. Januar 1968 zu Bett ging, schien der miese, modernde Krieg in Südostasien bald vorbei zu sein. Als es am Mittwoch die hektischen Sondersendungen sah, wirkte das Schlamassel plötzlich unabsehbar.

Dass die Nordvietnamesen ihren Angriff über 1400 Kilometer weit ausspreizten, machte sie zwar militärisch verletzlich. Aber es signalisierte eine spektakuläre Mobilisierungskraft, und dies wurde entscheidend. Die Regierung in Washington hatte seit 1962 ihre Truppenbestände in Vietnam stetig aufgebaut – und ebenso stetig verkündet, dass man die Lage immer besser unter Kontrolle habe. Der Feind sei nicht mehr in der Lage, eine grössere Offensive zu starten, dröhnte der Kommandeur der US-Truppen in Vietnam, William Westmoreland, noch im Dezember 1967.

«Mired in stalemate» – in einer Pattsituation: Der einflussreiche TV-Kommentator Walter Cronkite im Februar 1968. Dass Cronkite seine Einschätzung drehte, prägte die Debatte stark.

Und dann das. In den USA wie in Europa war die Abneigung gegen den Vietnamkrieg schon 1967 bedenklich angestiegen; die Umfragen machten klar, dass die Kosten dieses Abenteuers, die fürchterlichen Bilder und vor allem die Todesmeldungen aus Südostasien der Bevölkerung nicht ewig zugemutet werden konnten. US-Präsident Lyndon B. Johnson versprach daher eine «Vietnamisierung»: Die Südvietnamesen sollten selber einen immer grösseren Teil der Kriegslast übernehmen.

Die Militärs witterten eine Chance

Doch im Februar 1968 erkannten die westlichen Militärs, dass die Kommunisten hier einen brutalen Schlag erhielten: Die Tet-Offensive bewies erneut die eigene Überlegenheit, und die Generäle witterten – strategisch wohl zu Recht – eine Chance, diesen leidigen Krieg nun kurzerhand zu gewinnen. Im März forderte Westmoreland also nochmals 200’000 Soldaten an, «to take advantage of the situation». Um die Lage auszunützen.

Aber politisch hatte sich die Welt gedreht. Als Westmorelands Antrag über die «New York Times» heraussickerte, liess sich die ganze Eindämmungspropaganda definitiv nicht mehr halten. Die Tet-Offensive kostete rund 1000 Amerikaner das Leben, wenig im Vergleich zum Blutbad beim Gegner, zu viel für das heimische Publikum. Präsident Lyndon B. Johnson bewilligte im März nur noch eine symbolische Aufstockung der Truppen. Und das Schlagwort von der «Vietnamisierung» wurde nicht etwa aufgegeben, sondern es wurde definitiv zum Wort der Stunde.

Die Amerikaner suchten nicht mehr den Sieg, sie suchten nur noch einen Ausweg. Es brauchte nochmals sieben Jahre, bis sie den Notausgang fanden.