Wie man Al Capone über den Tisch zieht

Es daurte sehr lange, aber irgendwann wurde auch Gauner Victor Lustig (3. v. l.) gefasst. Foto: United Archives, Keystone

Hier geht es ja auch darum, etwas zu lernen aus der Geschichte, und dafür taugt der raffinierteste Betrüger aller Zeiten perfekt. Denn im Kern lehrt uns Victor Lustig, warum so viele Menschen auf Gaunerstreiche hereinfallen.

Victor Lustig war unauffällig, aber elegant, beherrschte fünf Sprachen und brachte selbst hartgesottene Polizisten ins Zweifeln, was Recht und Unrecht ist: Geboren 1890 in Böhmen, gilt der Mann in seiner tschechischen Heimat heute als eine Art nationale Legende. Kein Wunder: Wer sonst schaffte es schon, etwas so Gewaltiges zu verscherbeln wie den Eiffelturm?

Gute Hochstapler sind Tiefstapler

Dabei bewies er, dass gute Hochstapler lieber etwas zu tief stapeln. Seine ersten Tausendernoten ergaunerte Victor Lustig auf den Ozeanlinien zwischen Frankreich und Nordamerika. Er gab sich als k. u. k. Graf aus, freundete sich mit wohlhabenden Passagieren an und erwähnte nebenbei – natürlich ganz im Vertrauen –, dass er eine Gelddruckmaschine entwickelt habe. Unter vier Augen präsentierte er dann ein Kästchen mit komplizierter Mechanik. Er schob eine 100-Dollar-Note hinein – und zog dann, nach allerlei Brimborium, zwei 100-Dollar-Noten heraus.

Aber natürlich wollte Graf Lustig die Geldbox nicht verkaufen – «ich bitte Sie, kommt gar nicht infrage!» Damit entfachte er auf den langen Transatlantikpassagen einen Bieterwettkampf unter ausgewählten Herren mit mehr Dollars als Verstand. Bei der Landung in New York oder Le Havre hatte er längst ein Opfer, dem er die wertlose Kiste andrehen konnte, mal für 10’000 Dollar, mal für 30’000, einmal gar für 47’000 Dollar. Und weg war er.

Eiffelturm-Verkauf, Teil 1

Im Mai 1925, wieder zurück in Frankreich, stiess Lustig auf einen Zeitungsartikel über den miserablen Zustand des Eiffelturms. Tatsächlich war das Ungetüm, als es für die Weltausstellung 1889 errichtet wurde, nur als Provisorium gedacht gewesen. Die Idee, den Turm abzubrechen, blieb in den Jahrzehnten danach ein Dauerthema der Pariser Lokalpolitik.

Lustig legte sich also falsches Briefpapier zu, gab sich als Vizedirektor des Post- und Telegraphen-Ministeriums aus und lud ausgewählte Schrotthändler in ein feines Hotel. Der Tour Eiffel werde abgebaut, rund 7000 Tonnen Stahl seien zu haben, verkündete er. Und, übrigens: Da das Projekt viel Aufregung verursachen werde, solle man es vorerst diskret behandeln.

Mehrmals führte er die Herren zur Besichtigung des Bauwerks – aber er liess sich gar nicht auf eine Auktion ein. Sondern er nahm einen der Händler zur Seite, einen ehrgeizigen Neuling im Geschäft; und erwähnte, dass er als bescheidener «assistant directeur général» einen Zustupf gebrauchen könnte. Am Ende übergab ihm der Mann eine satte Summe über eine Million damaliger Francs, teils als Bestechungsgeld, teils als Anzahlung. Dann hastete Lustig auf den Zug nach Wien.

Eiffelturm-Verkauf, Teil 2

Und was geschah? Nichts. Es erschienen keine Zeitungsartikel über den skandalösen Fall. Offenbar schämte sich der übertölpelte Mann so sehr für seine Naivität (und wohl auch für den Bestechungsversuch), dass er nicht zur Polizei ging.

Worauf Lustig umdrehte, in Paris das Spiel von vorn auflegte und den Eiffelturm ein zweites Mal anpries. Früh genug erfuhr er aber, dass einige Händler misstrauisch geworden waren und ihm die Polizei auf den Fersen war. Jetzt haute er ab nach Amerika.

In der Neuen Welt beschäftigte sich der sonderbare Graf erneut damit, seine Geldkisten unter die Leute zu bringen, wobei er es einmal schaffte, einen Sheriff zu übertölpeln: Der Gesetzeshüter sollte ihn wegen Falschmünzerei festnehmen – liess ihn aber laufen, als dieser ihm so eine Betrügerbox anbot. 1931 wandte er sich dann an Al Capone, den Obermobster von Chicago, und überredete ihn, auf ein chancenreiches Börsengeschäft zu setzen: Bei Erfolg werde sich sein Einsatz in Kürze verdoppeln. Und tatsächlich vertraute der Gangster dem Gauner 50’000 Dollar an.

Ehrlich währt am längsten

Lustig hortete die Noten bloss in einem Safe. Zwei Monate später kehrte er zurück und lamentierte händeringend, dass der Börsencoup schiefgelaufen sei – er habe sein ganzes Geld verloren. Doch er habe auch alles darangesetzt, um wenigstens seine Schuld zu begleichen. Dann legte er dem verblüfften Capone die 50’000 Dollar auf den Tisch.

Al Capone hatte zweierlei erwartet: entweder einen satten Gewinn – oder einen Totalverlust (und den Bedarf, einen Killer auf den anderen anzusetzen). Dass einer aber ehrlich war, brachte ihn aus dem Konzept. Sodass er den notleidenden Europäer mit 5000 Dollar unterstützte. Exakt darauf hatte Victor Lustig von Anfang an gesetzt.

«Er war keiner dieser Küss-die-Hand-Schwindel-Grafen», beschrieb ihn die «New York Times» später einmal. «Dazu war er zu pfiffig. Statt theatralisch gab er sich immer als reservierter, vornehmer Herr.» Allerdings machte Lustig dann den Fehler, dass er noch höher spielte: Er begann, Dollarnoten in grossem Stil zu fälschen – so gross, dass die US-Regierung die Bundespolizei auf ihn ansetzte. 1935 wurde der Fälscher in New York verhaftet.

Der Fensterputzer von Manhattan

Aber noch einmal konnte er seine Umwelt durch Unauffälligkeit täuschen. Einen Tag vor Prozessbeginn gelang ihm die Flucht aus dem Fenster des Gefängnisses in Manhattan. Er hatte Bettlaken zu einem langen Seil verknüpft. Auf seiner Flucht rutschte er nicht etwa turbulent hinab, sondern putzte auf dem Weg nach unten jedes Fenster, Stock für Stock. Als der Trick des unauffälligen Fensterputzers durchschaut wurde, war er schon aus der Stadt hinaus.

«Ich kann ehrliche Menschen nicht verstehen», soll er einmal gesagt haben. «Sie führen ein hoffnungslos langweiliges Leben.»

Bis heute kursiert eine Liste der «10 Gebote für einen Betrüger», die Victor Lustig verfasst haben soll. Die Quellenlage ist unsicher, aber sein Biograf Jeff Maysh hält sie für authentisch: Victor Lustig habe es eben auch geliebt, mit seinen Fähigkeiten anzugeben.

  • Sei ein guter Zuhörer.
  • Wirke nie gelangweilt. Zeige immer nur Interesse an deinem Opfer.
  • Warte, bis die andere Person politische Meinungen äussert. Dann sei einverstanden damit.
  • Warte, bis die andere Person religiöse Ansichten äussert. Dann teile sie.
  • Deute Sex-Themen an, ohne explizit zu werden. Aber lass es bleiben, wenn der andere nicht grosses Interesse daran zeigt.
  • Rede nie über Krankheiten. Es sei denn, der andere bringt das Thema auf.
  • Frag nie nach den persönlichen Befindlichkeiten. Man wird sie von sich aus verraten.
  • Prahle nie. Aber sorg dafür, dass deine Bedeutung spürbar wird.
  • Sei nie unordentlich.
  • Betrinke dich nie.

Nach seiner Flucht aus Manhattan währte die Freiheit nur kurz. Einen Monat später wurde Count Lustig in Pennsylvania verhaftet. Der Richter verurteilte ihn zu 20 Jahren Zuchthaus. Er wurde nach Alcatraz überstellt, dem legendären Gefängnis von San Francisco, wo er im März 1947 starb. Als Berufsangabe schrieben die Behörden in den Totenschein: «Apprentice Salesman», Verkäuferlehrling.

Das grösste Understatement stand am Schluss seines Lebens.

6 Kommentare zu «Wie man Al Capone über den Tisch zieht»

  • Franz Bernasconi sagt:

    Cooler Artikel auch wenn Sie gerade selber betrügt wurden! DA IST NICHT AL CAPONE AUF DEM BILD! Ich bin ein sogenannter „Super Recognizer“ (ja tönt komisch ich weiss, aber gibts) und habe das sofort gesehen, dass das nicht Al ist. Keystone hat in Caption „Count Victor Lustig and Al Capone“ vermerkt, also Suchbegriffe. Und der Artikel von der SVZ vor einem Jahr (also konkret der Christian Satorus) von dem Ihr Artikel wohl inspiriert wurde, hatte das bereits falsch vermerkt. Also sie sind doppelt rein gefallen. Das Bild ist übrigens Lustig der von COPS begleitet wird.

  • Richard Stretto sagt:

    Der Schlusssatz tönt zu gut, um (ganz) wahr zu sein… Tatsächlich steht auf Lustigs Totenschein unter «Usual Occupation»: «Apprentice Salesman & Counterfeiter». Der Fälscher in ihm wurde also mit begraben 😉

  • Anh Toàn sagt:

    Reine Spekulation: Die Betrüger sind die intelligentesten Kriminellen. Die „gewaltbereiten“ Kriminellen naja: Al Capone ging in den Knast wegen Steuerhinterziehung: Er war zu doof, überhaupt zu versuchen, einen Teil seines Geldes zu waschen, ein Einkommen zu versteuern. Aber der Lustig hat ja nicht nur die Gangster über den Tisch gezogen, wie Bernie Madoff hat er die als schlau geltende Wirtschaftselite über den Tisch gezogen, die Reichen, die sich die Erfolgreichen nennen. Und dafür gab es schon immer mächtig Haue, darum ziehen die echt Schlauen die Massen über den Tisch und werden Präsident statt im Knast zu landen, oder kaufen sich einen oder wenigstens eine Begnadigung.

  • Tom Schuurman sagt:

    Haha. Köstlich!

  • Hund Dietmar sagt:

    Eigentlich schade, dass ein solches „Talent“ nicht für sinnvollere Dinge der Allgemeinheit dienen möchte. Andererseits scheint die Geldgier blind zu machen. Seine Opfer unvorsichtig, unkritisch und bar jeder besseren Information. Denken wir an die Geschichte der reichsten Frau in Deutschland, welche einem Schweizer, übrigens Offizier, 20 Millionen bar in einem Koffer überbrachte. Tatsächlich ist das Gebot eines erfolgreichen Hochstaplers, umfangreiche Menschenkenntnisse sich anzueignen und zielbewusst auf die Schwäche seiner Opfer vorbereitet zu sein. Ein grosser Aufwand mit der Gefahr verbunden, letzten Endes sein Leben in einer Zelle zu verbringen. Wer ein Al Capone sich als Opfer aussucht, besitzt nicht nur Talent, sondern offenbar grossen Mut !

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