Best of: 15 kuriose Fehlprognosen

Unsere Bloggerinnen und Blogger geniessen derzeit die Feiertage. Wir publizieren deshalb heute diesen Beitrag vom 11. Juli 2017, der besonders viel zu reden gab.

«Gitarrenmusik ist auf dem absteigenden Ast» sagte die Plattenfirma Decca Records zur Bewerbung der Beatles. Foto: Michael Ochs Archives (Getty Images)

Eigentlich wollte ich hier einfach ein paar spektakuläre Falschprognosen aus der Vergangenheit präsentieren. Denn gerade die können lehrreich sein: Zu sehen, wie sich der Mensch täuscht, wenn er in die Zukunft blickt, schärft unsere eigene Analysefähigkeit. Vielleicht bringt es uns auch ein bisschen Demut bei.

Es gibt ja auch sehr viele erhellende Fälle, wo jemand kreuzfalsch lag beim Blick in die Zukunft. Gern werden unterhaltsame Irrprognosen in Vorträgen oder Management-Seminaren zitiert, zum Beispiel diese da:

  • «Ich denke, es gibt einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer.»Thomas J. Watson, Präsident von IBM, 1943.

Da kann man herzhaft lächeln über die Naivität der Älteren oder die Arroganz des Multi-Managers. Doch in diesem Fall zeigt schon der Blick in Wikipedia, dass wir es mit einem Fake zu tun haben: Quellen für dieses Zitat gibt es nicht, und die frühesten Hinweise auf den Satz tauchen Mitte der Achtzigerjahre auf, also lange nach Watsons Tod …

Und so muss uns die nächste, ebenso gern zitierte Falschprognose, nicht weiter überraschen:

  • «Das weltweite Potenzial für Kopiermaschinen liegt bei höchstens 5000 Stück.» – Antwort von IBM an die Gründer von Xerox, 1959.

Auch hier sei erwähnt, dass sich nichts Entsprechendes in der offiziellen Firmengeschichte von Xerox findet. Jedenfalls war das Kopierprinzip im Jahr 1959 bereits so weit, dass Xerox schon einen eigenen Markt – grösser als 5000 Geräte – zu entwickeln begonnen hatte.

Beliebt werden solche Zitate wohl dadurch, dass sie unser Bild bestätigen vom Grosskonzern, der in seiner Arroganz und Blindheit die Zukunft verpasst – ein offenbar befriedigendes Gefühl. Ein weiteres, gern vorgetragenes Beispiel aus dieser Kategorie:

  • «Wir mögen ihre Musik nicht, und Gitarrenmusik ist auf dem absteigenden Ast.» – Antwort der Plattenfirma Decca Records an den Manager der Beatles, 1962.

Allerdings: Dieser Fall ist verbürgt. Wir wissen en detail, wie die Beatles bei Decca vorspielten, und die Absage mit dem Verweis auf die altmodischen Gitarren wird von den drei überlebenden Pilzköpfen in der «Beatles Anthology» erzählt.

In dieselbe Kategorie – tumber Grosskonzern-Manager – gehört eine spektakuläre Fehlprognose aus den Siebzigerjahren:

  • «Es gibt keinen Grund, weshalb irgendjemand zu Hause einen Computer haben will.» – Ken Olsen, Gründer und Präsident von Digital Equipment, 1977.

Olsen bestätigte später, so etwas gesagt zu haben. Nur: Er habe mit dem Wort Computer eher ein Steuerungsgerät gemeint als einen PC. Dies aber würde bedeuten, dass der DEC-Manager tatsächlich weit vorausgeblickt hatte; erst im heutigen Zeitalter des Internet of Things wird er langsam überholt.

Wir ahnen also langsam: Selbst solide Analysen können aus der Ferne als Fehlprognosen missverstanden werden – man muss sie nur passend aus dem Zusammenhang reissen. Ein Beispiel:

  • «Dieses ‹Telephon› hat zu viele Mängel, um ernsthaft als Kommunikationsmittel betrachtet zu werden. Das Gerät ist grundsätzlich wertlos für uns.» — Internes Memo von Western Union, 1876.

Das Zitat ist offenbar korrekt, vermittelt aber ein falsches Bild: Western Union nutzte die Telegrafentechnik für Geldüberweisungen, und für diese Aufgaben taugte das Telefon wirklich nicht – zumindest nicht bis ins 21. Jahrhundert. Zweites Beispiel:

  • «Da bereits über 50 ausländische Autohersteller auf dem Markt sind, wird es die japanische Autoindustrie schwer haben, eine grosse Scheibe des amerikanischen Marktes für sich abzuschneiden.» — Das Wirtschaftsmagazin «Business Week» in einem Artikel über die Autobranche 1958.

Das Zitat ist korrekt, allerdings wird es heute im Internet meistens mit einem späteren Erscheinungsjahr zitiert – zum Beispiel 1968. Vergessen geht also, dass die «Business Week»-Analyse nach 1958 noch über ein Jahrzehnt lang viel Gültigkeit hatte.

Setzt man ein Zitat oder eine Voraussage wirklich in ihre Zeit, so ist es oft um einiges plausibler als aus der diffusen Ferne. Nehmen wir diese schöne Fehleinschätzung des Fernsehgeräts – sie stammt aus dem Jahr 1939. Damals schrieb die «New York Times» über die neuen Flimmerkisten:

  • «Die Menschen müssen dasitzen und ihre Augen auf einen Bildschirm fixieren. Die durchschnittliche amerikanische Familie hat keine Zeit für so etwas. Deshalb sind sich die Aussteller einig, dass das Fernsehen keine ernsthafte Konkurrenz für das Radio darstellt.»

Das lässt uns heute schmunzeln. Aber im Grunde ist es ein durchaus seriöser Bericht über eine der ersten Präsentationen des TV-Geräts an einer Messe in New York.

  • «Es besteht keine Gefahr, dass die Titanic sinkt. Das Schiff ist unsinkbar, und die Passagiere werden höchstens gewisse Unannehmlichkeiten verspüren.»

Der Satz stammt von Philip Albright Small Franklin, dem Präsidenten der International Mercantile Marine Co., zu der auch White Star Line der «Titanic» gehörte. Klar, man kann jetzt wunderbar darüber spotten. Aber nicht, wenn man die Umstände überprüft. Denn dabei erfährt man, dass dies eine erste Stellungnahme des Reeders war, nachdem in der Nacht des 15. April 1912 Meldungen über einen Zwischenfall im Atlantik eingelaufen waren: Franklin ging es schlicht darum, bis zur Klärung der Lage die Angehörigen zu beruhigen. Was hätten Sie gesagt?

Die Bluffs der Politik

Fundamentaler erscheinen andererseits die oft gigantischen Fehlprognosen aus dem soziologischen oder politischen Bereich: Sie konnten nun wirklich eine unheimliche Macht gewinnen – bis hin zum mörderischen Irrwitz marxistischer oder nationalsozialistischer Prognosemodelle.

Bis heute verfolgt uns beispielsweise die Grundidee, dass unsere Subsistenz-Möglichkeiten gewisse Grenzen haben: Irgendeinmal reicht die Erde nicht mehr für die Menschen. Zu den ersten Warnern – und Fehlprognostikern – zählte Robert Malthus. Der englische Kleriker wies die Menschheit schon vor zwei Jahrhunderten darauf hin, dass es eng wird:

  • «Die Macht des Bevölkerungswachstums ist der Kraft der Erde, für den Menschen den Lebensunterhalt zu produzieren, so überlegen, dass das menschliche Geschlecht auf irgendeine Weise den frühen Tod finden muss.» — Robert Malthus, 1798.

Oder anders:

  • «Die Bevölkerung hat die dauernde Neigung, sich über das Mass der vorhandenen Nahrungsmittel hinaus zu vermehren.»

Malthus’ Warnungen ängstigten die Zeitgenossen, ihre Nachfahren, deren Kinder und deren Kindeskinder – das Denkmodell dahinter taucht seither ständig auf: Wir steuern in die Ernährungskatastrophe. Dazu ein ganz ähnliches Zitat, einfach zwei Jahrhunderte später geäussert:

  • «Die Bevölkerung wird unvermeidlich die kleinen Fortschritte, die wir bei der Nahrungsmittelversorgung machen, komplett übertreffen. Die Sterberaten werden steigen, bis in den nächsten zehn Jahren mindestens 100 bis 200 Millionen Menschen jährlich verhungern.»Paul Ehrlich, Biologieprofessor an der Stanford University, 1970.

Seither ist die Zahl der Hungernden global deutlich gesunken, trotz eines massiven Bevölkerungswachstums. Gewiss, das Potenzial unserer Erde kann endlich sein – Fehlprognosen können sich in einer Zukunft als präzise Warnungen entpuppen. Aber die Katastrophe bleibt so lange aus, als die Grenzen dieser Endlichkeit noch weiter draussen liegen, als wir heute glauben. Oder solange die Menschheit Alternativen findet, um knapp werdende Güter zu ersetzen.

Typische Fehlprognosen aus dem engeren politischen Bereich entstehen aus einer notorischen Fehlüberschätzung – ein Wesenszug, der bekanntlich vielen Staatslenkern eigen ist.

  • «Das wird ein Frühstück.» – «Ce sera l’affaire d’un dejeuner.» – Napoleon am Abend vor der Schlacht bei Waterloo, 1815. Die Aussage wird von mehreren Anwesenden überliefert, wobei der Kaiser auch angefügt haben soll: «Meine Herren, wenn meine Befehle richtig ausgeführt werden, werden wir morgen in Brüssel dinieren.»
  • «Ihr werdet wieder zu Hause sein, ehe noch das Laub von den Bäumen fällt.» – Adresse des deutschen Kaisers Wilhelm II. an die ersten Soldaten, die nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 Richtung Belgien ausrückten.
  • «Nach Hitler – wir!» – Motto der Kommunistischen Partei Deutschlands unmittelbar vor und nach Hitlers Machtübernahme.
  • «Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben. Das ist schon erforderlich, um unsere Republik vor Räubern zu schützen.» – DDR-Staatschef Erich Honecker 1989, neun Monate vor dem Fall der Berliner Mauer.
  • «Ich denke, das ist der Frieden für unsere Zeit» – «I believe it is peace for our time.»Englands Premierminister Neville Chamberlain nach dem Münchner Abkommen von 1938. Genau ein Jahr später brach der Zweite Weltkrieg aus.

Falsch! Falsch? Auch hier geben viele Historiker dem britischen Premier mehr Kredit: Chamberlain habe genau gewusst, dass der Vertrag von München – bei dem die Engländer Hitler den Weg freimachten zur Besetzung der Tschechoslowakei – keine definitive Lösung sei. Aber er verschaffte ihm Zeit. Und ohne solche beruhigenden Sätze wäre die ganze Glaubwürdigkeit dahin gewesen.

Womit wir auf der nächsten Ebene wären: Fehlprognosen als Mittel der Tarnung. Ein vielzitiertes Beispiel:

  • «Es wird Jahre dauern – und nicht in meiner Lebenszeit –, bevor eine Frau die Partei führen oder Premierministerin wird.» – Margaret Thatcher in einer Rede vor der Tory-Partei, 1974.

Fünf Jahre später wurde dieselbe Frau erste Premierministerin Grossbritanniens. Das Zitat ist unbestritten, doch eine Fehlprognose war es kaum: Es war vielmehr ein Ablenkungsmanöver, um diskreter den eigenen Aufstieg einzufädeln.

Kurz: Was heute als Irrtum erscheint, war zur Entstehungszeit öfter eine Aussage mit sehr politischer Absicht. Ein gern belächeltes Schweizer Beispiel wäre:

  • «Zürich ist gebaut» — Ursula Koch, Zürcher Bauamts-Vorsteherin, 1988.

Auch diese Bemerkung wirkt heute grandios falsch. Liest man sie aber im Original, so wird sie zum politischen Positionsbezug. Der Satz ist eine Absage an grosse städtebauliche Gesamtlösungen – ein Veto. Genau besehen argumentierte die SP-Stadträtin ohnehin differenzierter: «Die Zeit des schnellen Machens ist vorbei. Wir werden in Zürich in den nächsten Jahren kein quantitatives Wachstum, sondern grosse qualitative Verbesserungen benötigen. Die Stadt ist gebaut. Sie muss nicht neu-, sondern umgebaut werden. Umgebaut zu einem lebenswerteren Zürich, mit hohen urbanen Qualitäten.»

Insgesamt sehen wir: Wer etwas wagt, riskiert auch, mit einer erheiternden Fehlprognose in die Geschichte einzugehen – zu Unrecht.

Und so geben wir hier noch einen sehr mutigen Satz weiter, mit dem vagen Gefühl, dass ihn künftige Generationen dereinst wonnig zitieren werden. Und zwar vermutlich so:

  • «In unserem Leben werden wir keine Finanzkrise mehr erleben» – Janet Yellen, Präsidentin der US-Notenbank, Juni 2017.

Tatsächlich zitierten die Nachrichtenagenturen die amerikanische Fed-Chefin Janet Yellen mit solch einer Aussage. Konkret sagte Janet Yellen bei einer Diskussion in London: «Würde ich sagen, dass es niemals mehr eine Finanzkrise gibt? Sie wissen, dass das wohl zu weit gehen würde. Aber ich denke, wir sind viel sicherer, und ich hoffe, dass es in unserer Lebenszeit keine mehr geben wird, und ich glaube auch nicht, dass es geschehen wird.»

Inzwischen wissen wir ja alle: Das ist vielleicht gar keine Prognose. Sondern eine Erklärung mit einer ganz bestimmten doppelten Absicht …

7 Kommentare zu «Best of: 15 kuriose Fehlprognosen»

  • Röbi Steiner sagt:

    – Auch noch nicht vergessen:
    1950: In 30 Jahren gibt’s kein Erdöl mehr
    1960: In 30 Jahren gibt’s kein Erdöl mehr
    1970: In 30 Jahren . . . . . .
    – Auch über die aktuellen Klima- und CO2-Horror-Prognosen wird man in 30 Jahren herzlich lachen und sich dabei an den Kopf greifen !
    – Und noch eine Letzter:
    1980: Im Jahre 2010 hat die Schweiz keine Wälder mehr . . .

  • Werner Kieser sagt:

    Da Politiker per definitionem Opportunisten sind, dienen ihre Prognosen der eigenen Machterhaltung, nicht aber einer verlässlichen Orientierung der Untertanen.

  • Ralf Schrader sagt:

    Was wird die nächste Generation verwundert den Kopf schütteln, wenn die von den Vorstellungen über ‚Digitalisierung‘ in 2017 hören.

  • Rolf Bombach sagt:

    «Ich denke, es gibt einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer.» Auch wenn der Spruch erfunden ist; auf damalige Zeiten korrigiert wären damit die Mainframes gemeint, heute Supercomputer genannt. Davon gibt es etwa 400 Stück, 5 pro Jahr, nunja, selten war eine Prognose dermassen korrekt. Auch sind die meisten Supercomputer Unikate.

  • Rolf Hefti sagt:

    Mehr Lohn für alle!

  • Monique Saulnier sagt:

    Das Gute an Decca-Recods „Fehldiagnose“ bezüglich den Beatles war, dass die Rolling Stones später bei dieser Firma ihre Chance bekamen. Damit landete Decca wohl einer ihrer grössten Coups überhaupt.
    Von wegen «Gitarrenmusik ist auf dem absteigenden Ast» ! ;-))

  • Paul Meier sagt:

    Zitate werden sehr oft auf ihrem Zusammenhang gerissen und verlieren somit ihre Aussagenskraft. Aber so läuft der Journalismus heute – es muss alles kurz und provokativ sein, vor allem die Titel….

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