Keine Angst vor Robotern!

Arbeitsplatzbedrohung oder Freiraumschaffer? Maschinen könnten uns den Rücken freihalten. (Bild: Vitra Design Museum)

Sie machten keine halben Sachen, damals in Oberuster. Rund 500 Männer stürmten an diesem Novembertag die Firma Corrodi & Pfister, zertrümmerten jede Maschine, die dastand, und zündeten danach die ganze Fabrik an – «durch Einwerfen angezündeter Reisbündel und Zuschleppen von Stroh, so dass das Hauptgebäude ganz eingeäschert wurde und den andern gleiches Schicksal drohte», wie die «Neue Zürcher Zeitung» tags darauf berichtete.

In Uster kam es zu Strassenschlachten, im weiteren Verlauf des Tages wurden rund hundert Beteiligte verhaftet. Gut die Hälfte davon verdonnerten die Zürcher Gerichte zur Zwangsarbeit, es setzte Zuchthausstrafen bis zu 24 Jahren.

Der Usterbrand vom 22. November 1832 ist eine berühmte Episode in der Schweizer Geschichte, jedes Schulkind lernt sie kennen. Dabei war es ein historischer Flop. Die Männer stürmten die Spinnerei- und Webereifabrik aus Existenzangst. Es waren Heimarbeiter, die glaubten, dass man sie nicht mehr benötigen würde, sobald sich diese Webmaschinen durchgesetzt hatten. Ihrer Forderung, die neuartige Technologie zu verbieten, war der Grosse Rat von Zürich nicht gefolgt.

Und dann und dann und dann…

Das Feuer nützte nichts. Das Rad drehte weiter. Und obendrein wurden die «Tüchler» ins Unrecht gesetzt: Man benötigte sie weiter. Zum Beispiel als Arbeiter in all den neuen Fabriken, die nun ins Kraut schossen.

Trotzdem, das Phänomen erfasste in jener Zeit ganz Europa. Vor allem in Deutschland und England brannten die Maschinen. Auch dort ist die Fortsetzung bekannt: Es kamen neue Geräte, die alte Arbeitsplätze zerstörten – aber andere Arbeitsplätze schufen.

Es kamen die Fliessbänder, die ganze Handwerkszweige zerstörten. Dann kamen die Industrieroboter, die wiederum die Fabrikarbeiter ersetzten. Dann kamen die Desktop-Computer, die Abertausende Bürojobs überflüssig machten.

Das eine verstand man, das andere nicht

Die Angriffe auf die Maschinen hörten recht bald nach dem Brand von Uster auf: Man sah ein, dass sich Technologie nicht anzünden lässt. Diesen Teil der Lektion begriffen die Menschen recht rasch.

Erstaunlich aber, dass wir die Kehrseite bis heute nicht akzeptiert haben: Dass etwas, das Arbeit ersetzt, am Ende wieder Arbeit schafft – diese Idee erscheint uns weiterhin unfassbar. Selbst zwei Jahrhunderte später treibt uns die Sorge, dass der nächste Techniksprung das Ende der Arbeit bedeutet, und zwar für immer und ewig.

Wir diskutieren noch wie 1832

Heute sind es die Geräte der Künstlichen Intelligenz, die ängstigen. Es sind die Roboter, die sogar gewisse Tätigkeiten von Ärzten, Bankberatern oder Lastwagenfahrern übernehmen könnten. Also führen wir anno 2017 ganz ähnliche Debatten wie die Weber der Frühindustrialisierung: Verbieten und verbrennen können wir das Zeugs zwar nicht – aber könnte man es wenigstens besteuern? Oder brauchen wir am Ende ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Bei solchen Diskussionen fällt mir gern das Seminar über die Grosse Depression der 1930er-Jahre ein, damals im Wirtschaftsgeschichtsstudium. Als es um die Massenarbeitslosigkeit ging, stellte der Professor eine simple Frage in den Raum: «Wie konnte das passieren? Es gibt doch immer genügend Arbeit. Es gibt doch immer etwas Gescheites zu tun.»

Märkte versagen, Staaten versagen

Das war leicht dahingesagt. Aber völlig logisch. Es klang vielleicht sogar etwas zynisch. Aber es machte jedem begreiflich, dass Arbeitsmangel im Grunde absurd ist.

Es gibt immer etwas Gescheites zu tun. Wer diese Perspektive einnimmt, analysiert Arbeitslosigkeit vor allem als Fehler – beziehungsweise als Abweichung: Märkte versagen. Staaten versagen. Es kommt zu «falscher Ressourcen-Allokation» (wie die Ökonomen es ausdrücken). Oder es gibt Umbauphasen, wo das Alte verschwindet, aber viele Berufstätige ihren Platz im Neuen noch nicht gefunden haben.

Der letzte Grossumbau war bekanntlich der Wechsel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft: weniger Stahl, mehr Service. Falls es also weiterläuft wie gehabt, so schaffen künftige Technologiesprünge vielleicht nochmals mehr Freiraum zur Vergrösserung unseres Wissens. Oder für Arbeiten im zwischenmenschlichen Bereich.

Denn da gäbe es immer etwas Gescheites zu tun, definitiv. Wenn wir nur genügend Maschinen hätten, die uns den Rücken dafür freihalten.