Was die Eidgenossen von den Schotten lernten

History Reloaded

So stellte man sich die Schlacht am Morgarten vor: Fresko von Ferdinand Wagner, 1891. Bild: Wikimedia Commons

Die strahlenden Ritter landeten in einem dreckigen Hinterhalt. Sie trotteten über einen schmalen Landweg bergan, links der Sumpf, rechts der Sumpf, als von vorn plötzlich ein Haufen brüllender Kämpfer heranstürmte mit Piken, Lanzen, Keulen, Steinen und was sich sonst noch auftreiben liess. Von vorn, das hiess: von oben. Vom Hügel herab rollten die Angreifer Stämme und Steine, rannten hinterher, zwangen die vordersten Ritter in einen hilflosen Nahkampf, wo ihnen kaum Platz zum Ringen blieb. Die nachfolgenden Reiter konnten nicht zur Hilfe voranpreschen, denn wer zur Seite auswich, verschwand samt Ross und Rüstung im Moor.

Etwa so beschrieben Chronisten eine Schlacht, die am 10. Mai 1307 stattfand. Der Sieg am Loudoun Hill ist ein spezielles Kapitel im Kampf der Schotten gegen die übermächtigen Engländer. Es war der erste grosse Sieg von Robert the Bruce, dem Helden der schottischen Eigenständigkeit, gegen Edward I. «Longshanks», den verhassten König von England.

Die Infanterierevolution des 14. Jahrhunderts

Und so bildet das Gemetzel in Schottlands Erinnerung in etwa das, was die Schlacht am Morgarten für die Schweiz darstellt – ein Glanzstück des Freiheits-Mythos, eine Guerilla-Geschichte, an die man bis heute gern glaubt.

Faszinierend ist nun, dass die beiden Schlachten nicht nur historisch im gleichen Augenblick stattfanden – 1307 am Loudoun Hill, 1315 in Morgarten –, sondern dass hüben wie drüben fast die gleiche Story erzählt wird: Denn auch am Ägerisee, so erfährt wohl jedes Schweizer Kind, geschah ein wilder Überfall von oben herab. Die Schwyzer Kerle warteten, bis das stolze Heer des Herzogs Leopold am Ufer des Innerschweizer Sees in die Länge gezogen war. Dann überrumpelten sie die schwerfälligen Ritter, pflückten sie mit den Hellebarden vom Ross und erschlugen sie mit dem Morgenstern. Andere landeten im Riedufer des Ägerisees, wo sie kläglich ersoffen.

Zwei Schlachten, ein Muster, kein Zufall. Die Militärhistoriker nicken wissend, reden von der «Infanterierevolution des 14. Jahrhunderts» und verweisen auf weitere Scharmützel, die einem sehr ähnlichen Ablauf folgten. Berühmt wurde insbesondere die Schlacht von Kortrijk im Juli 1302. Dort stellte sich eine Bürgerarmee der Flamen gegen ein Ritterheer des Königs von Frankreich: auf der einen Seite der Fluss Lyss, auf der anderen ein Sumpfgelände, und da es in Flandern ja an Hügeln mangelt, gruben die Flamen gemeine Vertiefungen vor ihre Stellungen. So wurden die angreifenden Ritter ebenfalls gebremst, von der Topografie eingeengt, bis sie im morastigen Flussufer feststeckten. Im Nahkampf holten die Flamen die französischen Kavaliere herunter und knackten deren Rüstung mit einer schrecklichen Spitzkeule, die sie netterweise «Goeden dag» nannten.

Zweifelhafte Quellen

1302, 1307, 1315: Europa lernte in diesen wenigen Jahren, dass ein Milizhaufen, der das Gelände ausnützt, ein weit überlegenes Königsheer im Nu zertrümmern kann, vor allem wenn er sich nicht um ritterliche Standes- und Kampfesregeln schert. Wir haben es also wieder mit dem Phänomen zu tun, dass etwas – eine Idee, eine Technologie, eine Organisationsform – fast gleichzeitig an verschiedenen Orten auftritt, Hunderte oder Tausende Kilometer voneinander entfernt.

Auf den ersten Blick erscheint die Schlacht am Morgarten dabei als eher vage Sache: Heute gibt es ernsthafte Zweifel, ob dort am 15. November 1315 überhaupt ein Gefecht zwischen den Waldstätten und Österreichs Herzog Leopold geschah. Denn am Ägerisee fanden die Archäologen bis heute keine Hinweise darauf. Und die ersten Schilderungen des Hügel-Hinterhalts am Seeufer stammen aus Chroniken, die erst nach dem Jahr 1340 niedergeschrieben wurden, also fast eine Generation später.

Damit erzählen uns diese Schriften wohl wenig über die kriegerischen Ereignisse und die Entwicklung der Militärtechnik. Aber sie verraten etwas anderes. Sie zeigen ebenfalls, wie eine Idee auftauchte und stärker wurde in Europa – die Idee nämlich, dass die hochwohlgeborenen Vasallen eines mächtigen Herren von England, Frankreich oder Österreich besiegt werden können, wenn man selber die Regeln bestimmt.

6 Kommentare zu «Was die Eidgenossen von den Schotten lernten»

  • Karl-Iversen Lapp sagt:

    Vergleichbar ist die Schlacht bei Hemmingstedt der Dithmarscher Bauern (1500): Kriegsamateure besiegen Berufskrieger, taktische Ausnutzung des Geländes, eigentlich aber Randgebiet der Herrschaft bzw. Europas. Übrigens die Dithmarscher erschlugen Lansknechte, die darin geübt waren, aufständische „Bauernlümmel“ zu massakrieren. Ach ja, angeblich wurde dabei immer die Freiheit verteidigt, was auch immer „die Freiheit“ bedeuten mag …

  • Ulrich Oswald sagt:

    Macchiavelli preist in seiner „Kunst des Krieges“ die ueberlegene Infanterietaktik der Schweizer im 14. Jht.., die er mit der griechischen Hoplitenphalanx zur Zeit der Perserkriege vergleicht. Keneswegs ein „wilder Haufen“, der da ueber unbewegliche Ritter herfaellt, sondern hoch organisiert. Irgendwie muessen die Gefallenen der ersten Reihen ja nach hinten geschafft werden, ohne dass die Frontlinie zerbricht. Erst der Einsatz von Feuerwaffen erwies sich dafuer als Nachteil, wie es sich dann in Marignano 1515 zeigte.

  • Peter Müller sagt:

    Etwas weit hergeholt, wenn man meint, die Schlachten hätten „im gleichen Augenblick stattgefunden“. Immerhin lagen acht Jahre dazwischen. Da kann es schon sein, dass die Eidgenossen von den Schotten lernten, wie die Überschrift meint.
    Auch wenn die Schlacht vielleicht nicht genauso und an anderer Stelle stattgefunden hat, so ist sie doch in den österreichischen Chroniken überliefert. Speziell der Hofnarr des Königs macht geltend, dass er vor dem Hinterhalt gewarnt hätte.

  • Markus Döbeli sagt:

    Sehr anachronistische Darstellung, dieser Text tönt nach Geschichtsschreibung von Anfang des 20. Jahrhunderts, aus Militärgeschichte wird jetzt einfach Direktdemoktratie-Geschichte….wie wäre denn ein Ansatz, dass man im Mittelalter nicht nur Schwerter schwang, sondern durchaus „moderne“ Features besass? So ist durchaus möglich, dass der Schweizer Chronist irgendwie von dieser schottischen oder flämischen Story gehört hatte und diese fast 1:1 nach Morgarten kopierte. Das heisst, die geschriebene Morgarten-Geschichte ist sozusagen fake. Was genau geschehen ist, ist unklar, hat aber wohl viel mehr mit lokalpolitischen Problemen zwischen den regionalen Konkurrenten zu tun.

  • Silvio K. sagt:

    Interessanter Artikel! Allerdings ist die beschriebene Guerilla Taktik nicht erst im 14. Jahrhundert angewandt worden. Hannibal hat die Römer am Trasimenischen See ähnlich besiegt und Arminius hat mit dieser Taktik im Teutoburger Wald 3 Römische Legionen ausradiert.

    • Niklas Meier sagt:

      Arminius hat etwas ganz Anderes gemacht. Er lockte die Römer als Verräter in unwegsames Gelände, in dem die Römer tagelang aus dem Hinterhalt angegriffen werden konnten. Das ist doch etwas Anderes, als einen Hinterhalt zu legen.

      Was aber alle die Besiegten auszeichnet: Sie alle waren überzeugt von sich und so arrogant zu glauben, der Gegner sei chancenlos.

Kommentar

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