Vor #MeToo war Anita Hill

History Reloaded

Anita Hill sagt 1991 im US-Senat unter Eid gegen Richter Clarence Thomas aus. Foto: Bettmann

Der Missbrauchsskandal um den einst mächtigen US-Filmproduzenten Harvey Weinstein hat eine weitreichende Debatte über sexuelle Übergriffe ausgelöst. Unter dem Schlagwort #MeToo (Ich auch) berichten Millionen Frauen weltweit über sexuelle Belästigungen und Vergewaltigungen. Allein in den USA verlängert sich laufend die Liste übergriffiger, prominenter Männer. Amerika ist aufgewühlt. Die #MeToo-Kampagne könnte die Wucht eines gesellschaftlichen Erdbebens entfalten, das die Frauen nicht nur in Hollywood stärkt, sondern auch in der alltäglicheren Arbeitswelt. Allerdings: Der Kampf gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz dauert schon seit Jahrzehnten. Fortschritte kommen nur langsam voran.

«Diese Weinstein-Geschichte fühlt sich ähnlich an», sagt Anita Hill, die vor 26 Jahren selbst im Zentrum einer Sexismusdebatte stand, die die amerikanische Nation aufgerüttelt hatte. Hill, damals 35 Jahre alt und Rechtsprofessorin an der Universität von Oklahoma, hatte es vor einem Senatsausschuss gewagt, Clarence Thomas, einen konservativen Kandidaten für den Obersten Gerichtshof der USA, der sexuellen Belästigung zu bezichtigen. Im Vergleich zu Hollywoodproduzent Weinstein war Richter Thomas zwar ein harmloser Belästiger. Für damalige Verhältnisse waren Hills Vorwürfe aber spektakulär genug, um die Öffentlichkeit in ihren Bann zu ziehen. Dazu kam, dass der Fall von Thomas-Gegnern im Senat politisch instrumentalisiert wurde.


Anita Hill vor dem Senatsausschuss im Jahr 1991.

Die Senatsanhörungen waren ein Medienspektakel, nicht zuletzt weil sie im Fernsehen übertragen wurden. Hill hatte von 1981 bis 1983 im US-Bildungsministerium sowie in der staatlichen Kommission für Gleichberechtigung am Arbeitsplatz unter Thomas gearbeitet. Unter Eid berichtete Hill, dass Thomas mit ihr wiederholt über Sex gesprochen und Einzelheiten aus Pornofilmen geschildert habe. Zudem habe er mit seinen sexuellen Fähigkeiten geprahlt und sie zum Ausgehen überreden wollen. Hill unterzog sich, um ihre Glaubwürdigkeit zu beweisen, sogar einem Lügendetektortest, den sie auch bestand. Thomas bestritt, auch er unter Eid, alle Vorwürfe. Der männlich dominierte Senat schenkte dem Mann mehr Glauben als der Frau und wählte Thomas in den Supreme Court. Dem höchsten US-Gericht gehört Thomas heute noch an.

Die 70er-Jahre veränderten alles

Trotzdem: Die Hill/Thomas-Kontroverse gilt in der Rückschau als Wendepunkt in der Sexismusdebatte. Danach wurde in der amerikanischen Öffentlichkeit offener und klarer über sexuelle Belästigung gesprochen. Frauen wehrten sich häufiger gegen belästigende und übergriffige Männer, auch vor Gericht. Eine zunehmende Zahl von Unternehmen und Behörden nahm das Thema endlich ernst. Kommentatorinnen bezeichnen heute Hill als Wegbereiterin der laufenden #MeToo-Kampagne. Hill hatte mit ihrem Gang an die Öffentlichkeit geholfen, ein gesellschaftliches Problem zu beschreiben, das für viele Amerikanerinnen und Amerikaner keinen Namen hatte, obwohl der Kampf gegen sexuelle Belästigung nicht wirklich neu war.

Story der «New York Times» (1975) über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.

Sexuelle Belästigung gab es schon immer, der Begriff «sexual harassment» entstand aber erst Anfang der 1970er-Jahre in der Frauenbewegung in den USA. 1974 klagte Carmita Wood, eine 44-jährige Angestellte der Cornell-Universität in Ithaka, gegen ihren Chef, einen Physiker. Die Klage wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz erzeugte grosses Aufsehen. Der Begriff «sexuelle Belästigung» fand erstmals seinen Weg in die mediale Öffentlichkeit. Berichte in der «New York Times» und im «Wall Street Journal» lösten eine regelrechte Welle aus: Frauen aus dem ganzen Land meldeten sich und berichteten von ähnlichen Erfahrungen. Erstmals war der gesellschaftliche Konsens gebrochen, der fast ausnahmslos den Frauen die Schuld für sexuelle Übergriffe zuschrieb und sexuelle Belästigung als rein private Angelegenheit betrachtete. Carmita Wood verlor zwar vor Gericht, ein paar Jahre später änderte sich aber die US-Rechtsprechung zugunsten von Klägerinnen. Fortan galt sexuelle Belästigung als Diskriminierung im Sinne des wegweisenden Bürgerrechtsgesetzes von 1964.

«Wir müssen weiterkämpfen»

Die Sexismusdebatten verlaufen in Wellen. Sie bringen Fortschritte, ohne allerdings das Problem zu beseitigen, solange Täter ohne Strafe, berufliche Nachteile oder soziale Ächtung davonkommen, wie das immer noch meistens der Fall ist. Zur Erinnerung: Donald Trump wurde US-Präsident, obwohl er in den Wahlkampfmonaten von mehr als zehn Frauen der sexuellen Belästigung bezichtigt worden war.

43 Jahre nach Carmita Wood und 26 Jahre nach Anita Hill ist «sexual harassment» wieder ein grosses Thema, das die Amerikaner aufwühlt. Im Zuge des Weinstein-Skandals sowie anderen, kürzlich bekannt gewordenen Hollywood-Fällen sehen Frauenrechtlerinnen nun die grosse Chance, entscheidend vorwärtszukommen im Kampf gegen sexuelle Belästigung.

«Der Weinstein-Fall ist grösser als viele andere Fälle. Aber es wird sich nicht alles über Nacht ändern», warnt Anita Hill, die derzeit von US-Medien oft um ihre Meinung gebeten wird. Viele Frauen hätten noch immer Angst vor Vergeltung oder davor, dass man ihnen nicht glaube, sagt die 61-jährige Professorin für Sozialpolitik und Geschlechterforschung an der Brandeis-Universität in Boston. Für Hollywoodstars sei es viel leichter, an die Öffentlichkeit zu gehen oder eine Klage einzureichen, ohne negative Folgen fürchten zu müssen. Viel mehr Leute müssten zur Einsicht kommen, dass es hier nicht nur um ein Hollywood-Problem gehe, sondern dass die ganze Gesellschaft betroffen sei. Angelina Jolie oder Gwyneth Paltrow seien wie auch andere, nicht prominente Frauen. «Wir müssen weiterkämpfen. Und wir müssen eine neue Generation dazu bringen, selbst zu erkennen, was richtig und falsch ist», sagt Hill. «Ich bin zuversichtlich, dass wir Schritt für Schritt etwas ändern werden.»

1 Kommentar zu «Vor #MeToo war Anita Hill»

  • Lukas Bendel sagt:

    Grundsätzlich freue ich mich jeweils über die HistoryReloaded-Beiträge und begrüsse ich Ihren Artikel. Der Aufschrei gegen Vergewaltigung ist leider nötig, da einige (teils mächtige) Männer selber keine Grenzen anerkennen.
    Leider begeht aber der Autor just jene Fehler, weswegen (auch) #metoo zu Recht kritisiert bzw. ad absurdum geführt, die Sexismusdebatten nicht zum gewünschten Erfolg führen und Menschen wie Trump sogar POTUS werden können.
    Die Bösen sind einzig die Männer, ja fast alle Männer; und in den anfänglichen Aufschrei gegen Vergewaltigung & Nötigung wird später jedes als irgendwie belästigend empfundene Verhalten integriert. Deshalb verliert die Empörung folgerichtig den Sukkurs vieler korrekter Männer sowie selbstkritischer Frauen und flacht wellenartig wieder ab.

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