Darum hat ein VBS-Beamter Zeit für Pornos

C. N. Parkinson griff seine Einsichten nicht aus der Luft, seine Inspiration erhielt er in der leibhaftigen Bürokratie. Foto: iStock

Der Fall zeugte nun wirklich von grosser Verzweiflung. Vor zwei Wochen wurde bekannt, dass ein VBS-Beamter gefeuert worden war, weil er am Arbeitsplatz Pornos geguckt hatte, darunter richtige Sauereien. Die Details müssen uns nicht interessieren, umso mehr die Erklärung des Ertappten: Er sei unterbeschäftigt gewesen. Er habe seine Aufgaben meist schon um 10 Uhr morgens bewältigt gehabt, und da sei er halt «auf dumme Ideen gekommen», wie sein Anwalt in der «Schweiz am Wochenende» erläuterte.

Erstaunt uns der Vorgang? Nicht wirklich. Denn wir sind ja geschichtsbewusst, also kennen wir nicht nur menschliche Regungen, sondern auch tiefere systemische Zusammenhänge. Solche Zusammenhänge hatte der Militärhistoriker C. Northcote Parkinson im Jahr 1957 veröffentlicht, und jeder kennt sie heute als die Parkinsonschen Gesetze. Es waren eine Art eiserne Regeln zum Verständnis von staatlichen Organisationen, wobei insbesondere die Gesetze zur Bürokratie in Erinnerung geblieben sind. Zum Beispiel:

  1. Die Arbeit weitet sich in dem Mass aus, wie man Zeit hat zu ihrer Erledigung.
  2. Beamte verschaffen sich gegenseitig Arbeit.
  3. Jeder Beamte will die Zahl seiner Untergebenen erhöhen, doch nicht die seiner Rivalen.

Gerade die dritte Regel gilt seither als Erklärung dafür, weshalb Ämter stetig wachsen, obwohl sich Aussenstehende fragen, was die dort überhaupt machen. Denn C. N. Parkinson griff seine Einsichten nicht einfach aus der Luft, nein: Seine Inspiration erhielt er in der leibhaftigen Bürokratie – oder konkreter: vom Militär, in dem er selber lange tätig war.

Mehr Admirale als Schiffe

Ihm fiel zum Beispiel auf, dass die Zahl der Offiziere im Admiralsrang stieg, selbst wenn die Zahl der Schiffe in der Navy sank. Im Kriegsjahr 1914 hatte die königliche Marine noch 2000 Offiziere beschäftigt, 1954 waren es sage und schreibe 33’788. Besonders schön greifbar wurde das Problem im sogenannten Colonial Office, also in der Behörde zur Verwaltung der überseeischen Kolonien: Die Zahl der höheren Beamten kletterte dort von 372 im Jahr 1930 auf 1661 im Jahr 1954. Wobei man wissen muss, dass Grossbritannien in der Zwischenzeit fast alle seine Überseekolonien verlor.

Der Fall illustriert, dass die Aufgaben einer Verwaltung völlig verschwinden können, ohne dass diese deshalb schrumpfen müsste. Was uns zurückführt zum erwähnten VBS-Beamten, dessen Betätigungsfeld – die Logistik versteckter Waffenplätze – wohl ein ähnliches Schicksal ereilte wie einst die Kolonie Britisch-Togoland.

Mächte, mit denen man rechnen muss

Man könnte nun weiter frotzeln, aber Sie wissen, worauf ich hinauswill: Der Antrieb, einmal geschaffene Stellen zu bewahren, auch wenn sie von der Entwicklung überrollt wurden; und der Wunsch, Untergebene notfalls lieber herumhängen zu lassen als abzubauen – das sind offenbar Mächte, mit denen man ernsthaft rechnen muss in Politik und Verwaltung.

Parkinson hatte errechnet, dass eine durchschnittliche Behörde pro Jahr um 5 bis 6 Prozent wächst. Nimmt man nun also die Bundesverwaltung der letzten zehn Jahre, so sieht man einen Anstieg von 32’107 Vollzeitstellen im Jahr 2007 auf 34’914 Vollzeitstellen Ende letzten Jahres – macht 8,7 Prozent im ganzen Zeitraum. So krass war es also hier nicht. Und wir beginnen zu ahnen, dass Mr. Parkinson vielleicht zu einer gewissen ironischen Übertreibung neigte.

Mehr noch: Fairerweise muss man sogar anfügen, dass der Stellenbestand der Bundesverwaltung zuvor, zwischen 2003 und 2007, wegen diverser Entlastungs-, Verzichts- und Reformprogramme sogar gesunken war.

Wir prüfen die Sache also vielleicht besser am konkreten Fall und stellen die Anfrage an das zuständige Verteidigungsdepartement: Was geschah mit der besagten Nine-to-Ten-Stelle? Die gesetzesmässige Antwort nach Parkinson wäre: Dort langweilt sich jetzt ein anderer. Die konkrete Antwort aus dem VBS lautet aber: «Der Bereich wurde reorganisiert, und die Stelle als solche wurde nicht mehr besetzt.» Und tatsächlich wurde dabei eine Vollzeitstelle (100 Prozent) abgebaut.

Womit wir sehen: Parkinson’s Laws sind gar keine Gesetze. Wer will, nennt sie eine sinnvolle Warnung. Oder einfach einen gelungenen Witz, der, wie jeder gute Witz, einen real existierenden Schwachpunkt ans Licht bringt.