Hat der Nationalismus wirklich Oberwasser?

«America First» sagt dem durchschnittlichen Amerikaner wenig: US-Präsident Donald Trump spricht vor der UNO-Vollversammlung. Foto: Drew Angerer (Getty Images)

Das Bild, das sich an diesem Dienstag in New York bot, war wirklich dissonant: Da stand Donald Trump vor der UNO-Vollversammlung und redete von Patriotismus, von seinem starken Militär, von «Souveränität»; das Wort fiel in seiner Rede insgesamt 21-mal. Auf dem Podium stand der zum Präsidenten gewordene Triumph des Nationalismus – drum herum jene Weltorganisation, in der sich erstmals in der Geschichte die Idee niederschlägt, dass das Gemeinsame der Menschheit wichtiger sein könnte als das Trennende der Nationen.

Und es stimmt ja: Donald Trumps Sicht der Dinge erscheint derzeit prominenter, stärker, lauter. «Es gibt keine globale Hymne, keine globale Fahne, keine globale Währung, keine globale Staatsbürgerschaft», pflegte der New Yorker im Wahlkampf zu rufen, worauf ihm seine Gegner schwerlich widersprechen konnten. Auch gemässigtere Staatslenker ahnen, dass sie ihr Land heutzutage auf einen höheren Sockel stellen müssen, wenn sie politisch überleben wollen. Zum Beispiel Englands Premierministerin Theresa May: «Wenn du glaubst, du seist ein Bürger der Welt, bist du ein Bürger von nirgends», lautet ein Satz von ihr.

Betrachten wir es mal langfristig…

Einen interessanten Widerspruch äusserte vor wenigen Tagen Lawrence Wittner, ein Geschichtsprofessor der New Yorker Universität in Albany. Er stellte die Behauptung auf, dass der nationalistische Glaube womöglich keineswegs triumphiert: Wenn man die Sache historisch betrachte, also sehr langfristig, dann könnte das Gegenteil der Fall sein. Der Mensch werde eben doch immer stärker zum Weltbürger.

Dazu legte Wittner mehrere Umfragen vor. Sie besagen beispielsweise, dass sich inzwischen mehr Menschen als «Global Citizens» verstehen denn als Bürger ihres eigenen Landes. Eine Erhebung dazu, letztes Jahr veröffentlicht via BBC, erfasste beispielsweise 20’000 Menschen in 18 Staaten. Darin sagte eine knappe Mehrheit aus – zum ersten Mal überhaupt –, dass ihre persönliche Loyalität zum Heimatstaat tiefer sei als zu einer allgemeinen Weltgemeinschaft.

Hier China und Peru, da Deutschland und England

Auch in den USA zeigten mehrere Umfragen, dass der durchschnittliche Amerikaner wenig anfangen kann mit den «America First»- und Abschottungsideen der Trump-Politik. Wenn der Präsident Anhänger holt, dann aus anderen Gründen. Zum Beispiel wegen der Abscheu vor dem Establishment in Washington.

Allerdings gab es in der erwähnten BBC-Umfrage eine wichtige Spaltung: In aufstrebenden Staaten wie China, Peru, Indien und Nigeria findet eine deutlich wachsende Menschenzahl die Idee einer Weltgemeinschaft verlockend; aber in den klassischen Industriestaaten weist der Trend tatsächlich in eine andere Richtung. Die Schweiz wurde nicht erfasst, aber in Deutschland sank die «identification with global citizenship» seit der letzten Umfrage 2009 beispielsweise klar – auf 30 Prozent, den tiefsten Stand seit der Jahrtausendwende.

Globalisierung? Globalisierungen!

Was zeigt uns das? Einerseits, dass die aktuelle Stimmung in Europa und Nordamerika wirklich nur ein kleiner Ausschnitt ist. Andererseits, dass wir es wohl auch mit Wellenbewegungen zu tun haben – das war in diesem Blog ja schon mehrfach Thema:  Geschichte entwickelt sich nicht schnurstracks in eine klare Richtung, jede Tendenz wird begleitet von einem Gegentrend.

Da steht also nicht Globalisierung versus Nationalismus, sondern beides in vielen Ausprägungen. Der deutsche Historiker Jürgen Osterhammel hat darum jüngst festgestellt, dass man das Wort Globalisierung besser aufspalten würde: Es gibt keine Globalisierung, es gibt Globalisierungen. Und dazu laufen auf der anderen Seite zeitgleich auch wieder Gegenbewegungen.

Das war auch früher schon so, als die einen gegen den Imperialismus demonstrierten – aber für die internationale Solidarität. Später gegen Globalisierung – aber für ein weltweit gültiges Kyoto-Protokoll, und das erschien keinem als Widerspruch. Dann die einen für weltweite Gay Rights – die anderen für den weltweiten Jihad. Und heute eben für die Souveränität der Nationen: Aber vertreten vor der UNO.

32 Kommentare zu «Hat der Nationalismus wirklich Oberwasser?»

  • Anh Toàn sagt:

    Das mit dem vietnamesischen Volk ist genauso eine Lüge von einem Volk um die Nordvietnamesische Sichtweise auf den „amerikanischen Krieg“ (da war doch kein Bürgerkrieg, Norden gegen Süden, Chinesen gegen Khmer, alle Vietnamesen wollten Kommunisten werden) in die Köpfe zu hämmern: Nicht nur Sai Gon ist nach dem Eroberer benannt, heisst jetzt Ho Chi Minh Stadt, auch alle grossen Strassen in Sai Gon sind nach Helden aus dem Norden Vietnams umbenannt. Die Helden aus dem Süden aus der Zeit vor dem Krieg gibt es nicht. Die wissen nicht mal mehr, dass sie mal Khmer waren. Warum wurde nicht Hanoi nach dem grossen Führer neu benannt: Man bennent nie seine Hauptstadt um, eroberte Städte aber.

    Es gibt solange Vietnamesen, wie die Vietnamesen die Lüge, sie seien solche, glauben.

    • Frederic sagt:

      @ Toàn
      Es ist also eine Lüge, das es ein vietnamesisches Volk gibt, eine interessante Sichtweise. Bei einem nächsten Besuch in Vietnam werde ich Vietnamesen (ich war auch schon in Hanoi) darauf ansprechen. Natürlich gibt es Kommunisten und solche die Kommunist hassen, aber gleich die vietnamesische Identität verleugnen? Ist dies auch die Meinung Ihrer angeheirateten Verwandten?

      • Anh Toàn sagt:

        Ich kenne viele Vietnamesen, die sind auch überzeugt davon, dass Vietnam sozialistisch ist. Nur fragen Sie die mal, was Sozialismus ist, da wissen die keine Antwort, ausser Vietnam ist sozialistisch.

        Die Schweizer wissen auch, dass sie Schweizer sind, sind empört, wenn man ihnen sag, es gäbe keine, die Deutschschweizer seien so deutsch wie ein Friese oder Sachse oder Bayer und die Romands so französisch wie ein Bretone.

        Fragen Sie sich, woran haben sie erkannt, dass Sie Schweizer sind: Man hat es über Sie gesagt. Und in wie fern beschreibt es Sie, dass Sie Schweizer sind? Gar nicht, es beschreibt nur, dass gesagt wird, sie seien einer.

      • Anh Toàn sagt:

        Übrigens ist die Mehrheit der Vietnamesen überzeugt von der Existenz von Geistern, warum sollten die an der Existenz von Vietnamesen zweifeln.

  • SrdjanM sagt:

    13.5% sind noch kein „Oberwasser“, aber definitiv ein Grund zur Sorge.

  • Thomas Schneider sagt:

    @ Mr. Schrader: Sie mögen bezüglich der Ursprünglichen Bedeutung von Nation ja Recht haben. Allerdings hat sich die Bedeutung von Nation eben in den letzten 150 Jahren via den „Nationalstaat“ eben eher von „Kultur“ hin zu „Staat“ entwickelt. Vgl. z.B. der Begriff der Schweiz als „Willensnation“ – ein Staat mit verschiedenen Kulturen, die zusammen im gleichen staatlichen Gebilde leben „wollen“…

    • Ralf Schrader sagt:

      Es braucht keinen zweiten Begriff für Staat, zumal der Begriff ‚Nation‘ viel mächtiger ist, als der des Staates. Der Nationalstaat ist eine Erfindung der letzten 150 Jahre, aber erstens trifft der Begriff nur auf 13-14 Staaten zu und zweitens verschwindet er mit dem Verschwinden der Staaten so ab 2050. Nur die Nationen wird es auch dann noch sehr lange geben. Nationen hören erst auf, wenn es eine einheitliche Weltkultur und eine Weltsprache gibt.

      Die BRD und die FR sind Nationalstaaten, GB, die USA oder die Eidgenossenschaft sind es nicht. Der Begriff der ‚Willensnation‘ ist eine freie Erfindung. Die Schweiz ist vielleicht auf dem Weg zu einer Nation, noch ist sie es nicht. Wäre die Schweiz eine Nation, hätte z.B. nicht ein Tessiner BR werden müssen.

  • Frederic sagt:

    @ A.T.
    Ergänzung: Vietnam wird wohl kaum eine Einwanderung und Einbürgerung von Kulturfremden in der Grössenordnung der Schweiz zulassen. Wollen Sie, wie Sie es eigentlich müssten, das als xenophobe verurteilen? Würden Sie den Amazonas- Indianern indigene Verstocktheit vorwerfen, nur weil sie sich gegen die Einwanderung in ihr Gebiet wehren?
    Auch Japan hat eine sehr eigene Kultur, auch da sind sie der Meinung, entweder bist du als Japaner geboren oder du gehörst nicht dazu. Warum sollte Japan seine Kultur aufgeben zugunsten der freien Einwanderung? Lieber lassen sie ihre Gesellschaft schrumpfen und nehmen eine vorübergehende Überalterung in Kauf als ihre Kultur aufzugeben. Japan zeigt, dass das absolut geht.

    • Jonas Weber sagt:

      @Frederic: Wie stellen sie sich Japan vor? Alle sitzen an malerischen Berghängen in Häusern mit Reispapierwänden im Kimono mit Katana im Gürtel bei der Teezeremonie? Gehen sie mal nach Tokio…
      Was sie heute als Kultur erleben ist nicht etwas, das über Jahrtausende immer gleich geblieben ist. Kultur entwickelt sich und äussere Einflüsse führen zu Veränderung aber auch zum Fortbestand der Kultur. Abschottung führt dagegen zur Stagnation und irgendwann zum Untergang. Die Welt um einen herum entwickelt sich nämlich weiter und irgendwann steht sie in der einen oder anderen Form vor der eigenen Tür und man selbst ist unvorbereitet. Eine Erfahrung, die das isolationistische Kaiserreich China mit den Briten und Amerikanern machen musste.

      • Frederic sagt:

        @Weber
        Sie sprechen Folklore, das mag Teil einer Kultur sein, aber sicher nicht eine sehr entscheidenden. Eine Kultur regelt das Zusammenleben. Die Art wie die älteren in einer Gesellschaft behandelt werden, manchmal auch die Toten. Die Art wie Vorgesetzte mit Untergebenen umgehen und umgekehrt. Das ganze Gefüge in der Familie und allgemein Gesellschaftlich. Das ganze ist eng verbunden mit der Religion dieser Kultur. Es gab einen tiefen Riss in unserem Land, als die Aufspaltung in Protestanten und Katholiken erfolgte. Japan wird nicht untergehen, sie werden sich aber für eine pseudo Rettung nicht selbst aufgeben.

    • Anh Toàn sagt:

      @Frederic „….nehmen eine vorübergehende Überalterung in Kauf als ihre Kultur aufzugeben. Japan zeigt, dass das absolut geht.“

      Die Japaner sind eigentlich schon ausgestorben, die 60 jährigen können nicht mehr werfen: Die Überalterung ist in dem Sinne „vorübergehend“, dass sie vom Aussterben beendet wird. Japaner zeigen nicht, wenn es schlecht geht, Japaner sind die besten Engländer, die haben eine stiff upper lip.

      • Frederic sagt:

        Das mit Japan ist Blödsinn, auch in 30 Jahren wird es immer noch mehr Japaner geben als vor 500 Jahren. Die Sterben nicht aus, selbst wenn nur noch 30 Mio. übrig bleiben.

      • Anh Toàn sagt:

        Ja, wenn jedes junge Paar vier Alte finanziert,drei Uralte und noch fünf Kinder dazu wird’s auch wieder besser.

        Wenn Sie eine Bevölkerungspyramide haben, bei welcher der Bauch zu weit nach oben gerutscht ist, wird es eng, Immigration tut not.

  • Urs Luescher sagt:

    Hypothese:
    Im oft gezeigten Dreieck Gesellschaft, Politik und Wirtschaft werden die drei genannten Funktionssysteme als gleichwertig dargestellt. Wenn man aber Politik und Gesellschaft als gegenseitig Konstitutiv begreift, nähmlich die Reichweite der Policies und deren Institutionen als Struktur und Limitator der Gesellschaft und Sprachen und Mentalitäten als Treibstoff, dann könnte man argumentieren, dass Staaten noch länger bestehen bleiben als wir glauben. Grenzen mögen sich verschieben, aber Staaten werden bleiben.

  • Nomen Nescio sagt:

    Ich bin mich selbst, habe nie dafür gezeichnet Untertan oder „Bürger“ von irgendetwas zu sein. Meine eigene Ethik steht über Gesetz oder Religion. Ich benutze keine Gewalt über anderen und akzeptiere sie von keinem. Nicht von Staaten, nicht von Kollektiven. Ich handle aus freien Willen. Ich regiere nicht und möchte nicht regieren. Gemeinsame Einrichtungen unterstütze ich nur soweit ich es für nötig finde. Ich weiss, das die heutigen Staaten und Regierungen dies als Kriegserklärung auffassen. Damit habe ich nichts zu tun. Ich bin friedlich. Ich ignoriere die Manipulatoren, ich gebe sie nichts was mir gehört. Auch nicht meinen Namen

  • Fredy Merton sagt:

    Weltbürgerin ODER Bürgerin eines Landes? Die Zukunft gehört der geschichtsbewussten Verknüpfung und nicht einem allzu simplizistischen Entweder/Oder. Es lebe die Liebe zur eigenen Stadt, zur eigenen Region und zum eigenen Land, welche zugleich universalistischen Überzeugungen verpflichtet ist. In der Tat eingedämmt gehört hingegen ein Nationalismus, der einem urwüchsigen Stammesdenken und Ethnozentrismus nachempfunden ist. Zu Unrecht wird US-Präsident Trump angedichtet, er sei ein verkappter Herrenmensch-Nazi-Nationalist. Grosso modo liegt der vermögende US-Patriot richtig. Der auf dem Globus herumstolpernde wurzellose Geld-Scheffler- und Konsum-„Weltbürger“ – plastisch karikiert vom Sänger der Band „Cro“ – kann kein generelles Vorbild sein.

  • Thomas Hartl sagt:

    Der langfristige Trend weist in Richtung Weltbürger, da gebe ich Herrn Pöhner recht. Das Narrativ der Nation wird sich kaum behaupten können, wenn Menschen ihren Bekanntenkreis über den ganzen Globus verteilt in sozialen Netzwerken suchen können. Die Nation ist zudem eine viel zu grosse Einheit, um Nachbaren persönlich, von Angesicht zu Angesicht, kennen zu können. Hier bieten sich Gemeinden und Quartiere an. Die Nation ist aber wiederum zu klein, um globale Problem zu bewältigen, wie Klimaerwärmung, Bevölkerungswachstum oder Wirtschaftskrisen. Langfristig gibt es in der Tat wenig Existenzberechtigung für Nationen und damit für Nationalismus.

    • Ralf Schrader sagt:

      Sie verwechseln Nationen mit Staaten. Letztere werden sicher noch in diesem Jahrhundert verschwinden, aber Nationen, Bevölkerungsgruppen mit gleicher Sprache, Kultur, Sitten und Bräuchen, gab es vor den Staaten und wird es auch nach den Staaten geben.

      Solange es Kultur gibt, solange gibt es Nationen. Eine uniforme Weltkultur mit einer Weltsprache wäre sehr unwahrscheinlich.

      • Rolf Mair sagt:

        Mein Gott Herr Schrader, leben sie noch etwa zwischen dem 14. und 15. Jahrhundert? „Bevölkerungsgruppen mit gleicher Sprache, Kultur, Sitten und Bräuchen“ hängen nicht von Nationen ab. In Italien, wo man sehr viele Sprachen spricht, darunter auch Deutsch, ist deswegen nicht Deutschland, Schweiz oder Österreich, sondern eine andere eigene Nation, nämlich Italien, obwohl diese Leute trotz unterschiedlicher Nationen die von Ihnen genannten Punkte oben auch gemeinsam haben. Die Nationen sind am sterben, die jungen Leute in der EU, kennen schon heute gar nichts anderes. Ausnahmen sind die Nationalisten, die Hirnwäsche bekamen von ihren Vorfahren.

      • Steven Frederic sagt:

        „Solange es Kultur gibt…“ dies ist schon eine Sache der Definition, eine türkischstämmige Ministerin hat in Deutschland abgestritten, das es eine deutsche Kultur gibt. Umgekehrt würde in der Türkei Massenproteste ausgelöst, wenn die Merkel der Türkei eine Kultur abspräche.
        Wir (ich jedenfalls) wollen in einem Staat leben der für einen sozialen Ausgleich und Solidarität steht. Einem Staat der für die Sicherheit steht (Gewaltmonopol) und der Rechtssicherheit. Was rechtmässig mir gehört wird vom Staat auch geschützt gegen Diebstahl.
        Das Gegenbeispiel ist der Wilde Westen, als bei der ersten Besiedlung diese Sicherheiten noch nicht bestand und das Recht des Stärkeren herrschte. Warum soll ich gegen den Staat sein?

      • Daniele Ulrich sagt:

        Wie definieren Sie denn Nation?
        Kann die Schweiz mit ihren 4 Landesprachen überhaupt eine Nation sein?
        Ist die Nation nicht genau die gleiche Überhöhung eines Narratives, das vor allem den Führern einer angeblich zusammengehörenden Gruppe dazu dient, Andersdenkende einfacher auszugrenzen?

      • Anh Toàn sagt:

        Es gibt keine Nation (Volk) ohne Staat, ohne -Kratie:

        Jakob Tanner – Demokratie ein Auslaufmodell?:

        Zentraler Punkt bei Rousseau ist, dass es kein Volk gibt, das schon da ist und sich nur noch seine eigenen Gesetze geben muss. Volk und Gesetz entstehen in einem Akt. Der Demos, das Volk, bringt zwingend eine Kratie, eine Herrschaft hervor

        Das mit dem Volk ist eine Lüge, wie das mit Gott, es gibt beides nicht: Bevor jemand davon erzählte, gab es höchstens ene Familie/Sippe, aber ein Volk nicht: Waren denn die Höjhlenbewohner im Gebiet der heutigen Schweiz auch Schweizer, und wussten es nicht? Seit wann gibt es Schweizer? Seit es ihnen jemand erzählt hat, sie seien. Wie es Ihnen seit Ihrer Geburt erzählt wird, wäre Ihnen erzählt worden von allen, Sie wären Bechamelaner, wären Sie es.

      • Anh Toàn sagt:

        Es gibt nur Schweizer, Deutsche, Franzosen, Amerikaner, solange es entsprechende Regierungen gibt, die denen sagen, sie seien Bürger dieses Landes. Ohne weiss keiner, wer jetzt ein Deutscher oder Schweizer oder Franzose oder Beschamelaner auch nicht, was er selber ist, ausser sich selbst – reicht ja auch den meisten, nur die damit, also ihrem selbst eher unzufrieden sind, müssen dem einen Wert geben, mittels Zugehörigkeit zu einer Gruppe, einer Nation: Wir sind Weltmeister! (Ich auch!)

        Patriotismus ist die Tugend der Boshaften, wird Oscar Wilde zugeschrieben.

      • Frederic sagt:

        @Toàn
        Meines Wissens sind Sie ein männlicher Kommentator aus der Schweiz, schreiben unter einem vietnamesischen Namen und haben angeheiratete Verwante in Vietnam. Selber bin ich CH und war in diesem Jahrhundert drei mal in Vietnam, kenne einige VietnamesInnen, habe aber keine Verwandtschaftliche Beziehungen.
        Ihrer Argumentation kann ich folgen, aber gerade Vietnam ist die Gegenthese zu Ihrer Meinung. Vietnam hat eine sehr spezielle, geschlossene Kultur. Jeder Vietnamese weiss automatisch, wer Vietnamese ist und wer nicht. In diese Kultur bist entweder geboren oder du bist draussen. Natürlich kannst du freundschaftlich verbunden sein, ein Vietnamese kannst du aber aus Ansicht der Vietnamesen nie werden. Dies gilt auch für die Khmer und die Thais, aber Vietnam besonders.

      • Ralf Schrader sagt:

        Nation und Volk sind zwei völlig verschiedene Kategorien, wie auch Staat und Nation, Nation und Ethnie. Fast alle Völker, fast alle Staaten sind multinational, multiethnisch.

        Dia Nationalität eines Juden ist jüdisch, egal ob israelischer, US- amerikanischer oder schweizerischer Pass. In der BRD ist die Nation der Sorben über Generationen in das Volk Deutschlands integriert. Aber sie haben, staatlich gefördert, ihre Sprache, Kultur und damit ihre Nationalität erhalten.

      • Jonas Weber sagt:

        @Schrader: Nein. Niemand hat „Jude“ als Nationalität. Man kann konfessionell oder kulturell Jude sein, aber eine jüdische Nationalität gibt es nicht.

      • Jonas Weber sagt:

        @Anh Toàn: Da gebe ich ihnen recht. Der Begriff „Volk“ mag vielleicht halbwegs Sinn gemacht haben, als die Leute alle noch geographisch hübsch getrennt waren und Unterschiede in der Herkunft offensichtlich waren. Aber bereits im alten Rom gab es regen Austausch und Vermischung sowohl kulturell, geographisch als auch punkto Fortpflanzung. Die Römer hatten eine pragmatische Lösung für die Frage, wer zu ihnen gehört: Römer war, wer die römische Staatsbürgerschaft hatte.

      • Jonas Weber sagt:

        @Anh Toàn: In der Schweiz finde ich jede Verwendung von „Volk“, abgesehen als Synonym für „Einwohner“ oder „Staatsbürger“ besonders absurd. Wir sind eine reine Willensnation und keine Kulturnation. Wir haben vier offizielle Landessprachen, liegen in der Mitte Europas und sind dementsprechend genetisch sehr divers, konfessionell waren wir immer uneins und kulturell sind wir „Von Kanton zu Kanton verschieden“.
        Wer sich „Eidgenosse nennt, weil Schweizer kann sich ja jeder nennen“ hat daher echt keinen Plan von unserem Land. Oder von geltendem Recht: Sich als Schweizer auszugeben, wenn man es nicht ist, kann strafbar sein. „Eidgenosse“ dagegen ist kein geschützter Begriff. Heisst, das kann sich tatsächlich jeder nennen 🙂

      • Ralf Schrader sagt:

        @Jonas Weber

        Nationalität ist eine kulturelle Kategorie, keine politische oder völkerrechtliche. Wenn man kulturell Jude ist, hat man die jüdische Nationalität. So wie jeder, der in der arabischen Kultur aufgewachsen ist, egal ob in Syrien, Nordafrika, oder den Vorstädten von Paris, arabischer Nationalität ist. Egal mit welchem Pass.

        Wie gesagt: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der Nationalität und der Staatsbürgerschaft. Die Kurden sind eine grosse Nation, welcher ein Staat bisher verweigert wurde. Die Juden hatten mehr als 2000 Jahre keinen eigenen Staat. Sie hatten mal einen und nun haben sie wieder einen. Die Nation hat das nicht berührt.

        Es gibt 202 bei der UNO akkreditierte Staaten, aber tausende Nationen.

      • Anh Toàn sagt:

        @Frédéric: Die gebildeten „Südvietnamesen“ in Saigon nennen die Vietnamesen, welche aus Hanoi nach Saigon kommen, in einer Mischung aus Vietnamesisch und Englisch „bacies“ (Bac ist Norden).

        Früher war die Welt noch einfach, da gab es zwei Nationen auf dem asiatischen Festland: Inder und Chinesen. Und dazwischen waren eben die Indochinesen. Und je mehr man hinsieht, umso mehr gibt es, und umso verschwommener werden die Grenzen.

    • Anh Toàn sagt:

      @Frederic „vietnamesische Kultur“

      Ich nenn‘ unseren Kleinen manchmal einen vietcong, also einen Vietnamesen, aber manchmal auch einen Khmer. Und überhaupt sind alle „Vietnamesen“ zu mindestens 20% ohnehin Chinesen, ob sie jetzt Kmehr oder Viet oder Cham oder sonst was ist: Letztlich sind sie alle gemischt.

      Ich werde immer mal weider gefragt, wie denn die Vietnamesinnen so seien. Ich antworte, ich kenne Li und Linh und Phuong und Yen und Hanh ein wenig, aber ich kenne auch Susi und Ursi und Babsi und weiss nicht, wie Schweizer Frauen so sind.

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