Als Kennedy die Mexikaner aus dem Land warf

Americans first: 1964 zog Lyndon B. Johnson (l.) einen Schlussstrich unter das Bracero-Programm, das sein Vorgänger John F. Kennedy (r.) beenden wollte. Foto: Bettmann Archive

«Ausländer raus!»: Mit diesem alten Hut der Politik erscheint selbst Donald Trump nicht mehr speziell. Schon einmal machte ein US-Präsident die mexikanischen Einwanderer für einen ganzen Haufen von Problemen verantwortlich, weil es ihm politisch in den Kram passte, und er beschloss, sie aus dem Land zu werfen. Sein Name: John F. Kennedy. Im Oktober 1961 verkündete der Herr im Weissen Haus, dass Hunderttausende mexikanische Landarbeiter nicht mehr willkommen seien und ab dem folgenden Jahr zurückgeschickt würden.

Konkret ging es um das sogenannte Bracero-Programm, mit dem die USA seit dem Weltkrieg billige Arbeitskräfte aus dem Süden hereingeholt hatten, für die Landwirtschaft und auf dem Bau. Jetzt also verkündete der neue Präsident, dass Schluss sei damit, weil die Gastarbeiter «die Löhne, Arbeitsbedingungen und Berufschancen unserer eigenen Landwirtschaftsarbeiter» verdarben. Schliesslich, so Kennedy weiter, fänden inzwischen selbst viele US-Arbeiter nur noch schwerlich einen Job.

Druck von links

Dass ausgerechnet John F. Kennedy – der so Moderne, der Weltoffene, der Demokrat – eine «Americans first»-Politik betrieb, mag heute erstaunen. Damals war es nur logisch. Der Präsident kokettierte hier einfach mit den Gewerkschaften: Sie waren eine seiner Hauptstützen, und ihnen war die spanischsprachige Konkurrenz für ihre Mitglieder ein Dorn im Auge. Auf der Gegenseite war es der Kongress, der Kennedys Immigrantenstopp vorerst bremste – im Interesse der Farmer und Firmen.

Massenbewegung: Mexikanische Braceros bei der Einreise in die USA, 1954. Foto: UCLA, Wikimedia Commons

Der Schlussstrich unter das Bracero-Programm konnte deshalb erst drei Jahre später gezogen werden: Nach dem Mord an JFK lag es an dessen Vize und Nachfolger Lyndon B. Johnson, das Gesetz zu unterzeichnen. Das geschah im Dezember 1964, und der Schwenk war radikal: Nachdem seit 1942 Jahr für Jahr bis 200’000 Mexikaner legal in den Norden gezogen waren, wurden sie jetzt zu Hunderttausenden abgewiesen und zurückgeschickt ins Heimatland.

Es kam ganz anders

Das macht den Fall interessant, bis heute: Er war «eines der grössten politischen Experimente», bei dem die Löhne erhöht werden sollten, indem man die Zahl der Arbeitskräfte schlagartig senkt; so formulieren es Michael Clemens, Ethan G. Lewis und Hannah Postel. Die drei Ökonomen erarbeiteten jüngst eine Studie über das besagte Experiment und seine Folgen. Ihre Einsichten müssten manchem Politiker zu denken geben.

Denn es kam anders als gedacht. Die Löhne der amerikanischen Landarbeiter stiegen ab 1965 keineswegs an, auch wurden insgesamt nicht mehr US-Workers eingestellt, im Gegenteil. Die Farmer ersetzten die Mexikaner schwungvoll durch Maschinen. Oder sie wechselten zu Anbaupflanzen, die weniger Handarbeit benötigen: Tomaten statt Spargeln, Zuckerrüben statt Erdbeeren. Oder aber, drittens, sie gaben rascher ihren Hof auf, legten Farmen zusammen, verkauften sie an Grossbetriebe – sodass am Ende dieses Ballungsprozesses nochmals weniger Personal gebraucht wurde.

«Ein ernsthafter Schlag für Mexiko»

Ökonomisch heisst das: Indem die US-Regierung die «billigen Mexikaner» aus dem Land trieb, löste sie einen Modernisierungsschub aus. Und zwar tat sie dies gleich auf beiden Seiten des Rio Grande.

John F. Kennedy hatte – im Gegensatz zum eher schnöden Donald Trump – durchaus noch Mitgefühl gezeigt für die mexikanischen Helfer und für das ärmliche Nachbarland. «Ich bin mir sehr bewusst», sagte er, «dass es einen ernsthaften Schlag bedeutet für Mexiko, wenn Tausende Arbeiter in diesem Land summarisch ihrer dringend benötigten Arbeit beraubt werden.» Dieses Problem witterte auch die Regierung in Mexiko-Stadt und startete, noch bevor US-Präsident Johnson das Rausschmiss-Gesetz überhaupt unterschrieben hatte, ein «Programa de Industrialización Fronteriza» – ein Entwicklungsprogramm, mit dem im Grenzgebiet zu den USA frische Arbeitsplätze entstehen würden: Neue Kleinfabriken sollten die heimkehrenden Saisonniers aufnehmen.

Auch die Jobs verliessen das Land

In verschnarchten Ortschaften wie Tijuana, Ciudad Juarez und Mexicali ploppten Montagebetriebe auf, weil die Regierung den Gründern allerlei Privilegien versprach. Unter anderem durften sie halbfertige Produkte zollfrei importieren – und sie dann, zusammengebaut, wieder nach Norden ausführen: Mexico first, America second.

Die sogenannten Maquiladoras entwickelten sich bald zu billigen Ablegern für die US-Grossindustrie, und in den zwei Jahrzehnten danach sorgten sie dafür, dass Tausende Industriearbeitsplätze im Norden abgezogen wurden, Schritt für Schritt. Nach den Braceros verliessen die Jobs die Vereinigten Staaten.

Es entstanden also neue, effizientere Wertschöpfungsketten, der Fall wurde zur Globalisierungsstory par excellence. Oder unökonomisch gesagt: Kennedys Schuss ging nach hinten los – und das gleich mehrfach.

Im Grunde startete damals eine Entwicklung, die genau jenen Unmut weckte und jene Ängste anfeuerte, welche irgendwann später dazu beitrugen, einen Mann wie Donald Trump ins Weisse Haus zu blasen.