Gesucht: Die wichtigsten Figuren der Schweiz

History Reloaded

General Henri Guisan wurde schon zu Lebzeiten zum Mythos. Foto: Keystone, SLB

Meinen die das jetzt ernst? Dass wir im Jahr 2017 nach den grossartigsten Figuren der Schweizer Geschichte suchen, wirkt auf den ersten Blick etwas verstaubt. Die Vorstellung, dass irgendwelche grossen Männer grosse Geschichte machen, gilt seit langem als überholt. Und es hat auch Grund, weshalb heute nicht mehr einzelne Politiker, Offiziere oder Grossunternehmer postum zu Bronzestatuen gegossen werden. Gerade die Schweiz hat ein eher frostiges Verhältnis zur Einzelfigur, die herausragen will, und sie ist gut gefahren damit.

Trotzdem, wir meinen es ernst. Denn die Tendenz, Geschichte stärker aus sozialen Strukturen, kulturellen Mustern, wirtschaftlichen Interessen und Mentalitäten heraus zu erklären, hat in den letzten Jahrzehnten auch das Gegenteil in ein helleres Licht gesetzt: nämlich dass es ohne die Einzelfigur nicht geht. Selbst die Marxisten mussten den «subjektiven Faktor» anerkennen, der neben den objektiven Mächten auch noch wirkt – also den Menschen mit seinen unberechenbaren Ideen. Wenn also heute, wie jüngst geschehen, ein Mann wie Helmut Kohl stirbt, dann sind sich die Nachrufer aller Weltanschauungen darin einig, dass hier ein Individuum viel bewegt hat, im Guten oder im nicht so Guten.

Das ist tröstlich. Denn das heisst, dass der Mensch nicht nur eine Puppe an den Fäden anonymer Kräfte ist. Selbst eine Einzelfigur kann in Positionen kommen, wo sie über grundlegende Entwicklungen entscheidet und dadurch den Strom der Geschichte ein bisschen kanalisieren kann.

Eine symbolische Rolle

Allerdings geben die Umstände das nicht immer her – gerade in der oft braven und erzrepublikanischen Schweiz: Hier sind selbst Bundesräte meist nur Verwalter fester Abläufe. Doch neben ihrer Wirkung hat die Einzelfigur eben auch eine symbolische Rolle. Wen wir als wichtig erachten, als vorbildlich, ja als gross, besagt etwas über unsere Gesellschaft und den Blick auf unser Land. Wir erfahren beispielweise viel über das Wesen einer Stadt, wenn sie neue Strassen nach Elias Canetti, Sophie Taeuber-Arp oder H. R. Giger benennt (oder wenn sie den Le-Corbusier-Platz nach recht kurzer Zeit wieder in einen Europaplatz rückverwandelt).

Um diesen Blick auf das Land geht es uns hier: Welche Figuren unserer Gechichte gelten noch so viel, dass sie als grossartige Vertreter und Vertreterinnen der Schweiz empfunden werden? Darüber sollen Sie ab nächster Woche abstimmen können. Wir stellen hier 25 Figuren aus der helvetischen Vergangenheit zur Auswahl, aber diese Liste ist nicht abschliessend: Die Auswahl soll in den nächsten Tagen noch ergänzt werden.

Wen würden Sie noch anführen (und warum)? Schreiben Sie das unten als Kommentar.

Bis dahin schlagen wir vor:

Sankt Gallus: Der Missionar

ca. 550–ca. 646

Alle Bilder: Keystone, Wikimedia

Vielen ist es heute wieder wichtiger, die Schweiz als Land mit christlicher Verwurzelung zu definieren. Und wer diese Ansicht vertritt, muss die frühen Missionare des Christentums als Ur-Figuren der Landesgeschichte würdigen – auch wenn über ihr Leben wenig bekannt ist. Neben Gallus, dem Klostergründer, wären sein Lehrer Kolumban, sein Nachfolger St. Otmar oder der Glarner Kantonsheilige Fridolin zu nennen.

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Wilhelm Tell: Der Anarchist

spätes 13. Jahrhundert

Die Schweiz ist nicht das Land grosser Herren, sie ist Land seiner Bergler und Bürger, und wenn schon eine einzelne Figur für dieses Land stehen soll, dann nur eine, die es so nicht gab: unsere Symbolfigur par excellence. Dass sie einen anarchischen Unabhängigkeits-Fighter darstellt, besagt auch viel über das Selbstverständnis der Schweiz.

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Bruder Klaus: Der Heilige der Neutralität

1417–1487

Ein grosser Mystiker und unser einziger echter Heiliger: Niklaus von Flüe vermittelte die Macht des Spirituellen. Er half entscheidend mit, den Zerfall der Eidgenossenschaft aufzuhalten. Und auch wenn seine konkrete Rolle dabei umstritten ist, so steht der Landesheilige auch für Ideen der nationalen Zurückhaltung und Neutralität.

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Paracelsus: Der Ernährungswissenschaftler

1493–1541

Philippus Bombastus von Hohenheim (so sein richtiger Name) war als Arzt mässig erfolgreich, obwohl er die Medizin auf neue Wege führte. Einen massgeblichen und für Generationen in Europa bestimmenden Einfluss hatte er aber mit seinen Einsichten über die Zusammenhänge von Ernährung und Gesundheit. Rachel Laudan von der Universität London weist ihm einen bestimmenden Einfluss auf die Entstehung der modernen europäischen Küche zu.

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Johannes Calvin | Huldrych Zwingli: Die Reformatoren

1509–1564 | 1484–1531

Die Schweiz wurde durch ihre Reformatoren ein neues Land. Zwingli trug massgeblich dazu bei, dass sich wichtige Teile des Landes vom Katholizismus abspalteten, Calvins Ideen fanden dann in diversen europäischen Ländern einen weiteren Niederschlag. Und vor allem dürfte Calvins Prädestinationslehre ein wichtiger Faktor gewesen sein, dass der moderne Kapitalismus entstand. Ohne die Reformatoren keine moderne Schweiz, vielleicht keine moderne Welt.

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Domenico Fontana: Der Architekt

1543–1607

In wenigen Berufsfeldern hatten Schweizer solch grosse Ausstrahlung wie in der Architektur – das gilt bis zu den heutigen Zeiten von Herzog & de Meuron. Man könnte als Symbolfigur natürlich auch Le Corbusier (1887–1965) nehmen, aber seine Werke sind zu umstritten und stiessen ausserhalb der Fachwelt auch auf viel Ablehnung. Weniger bekannt, aber umso bedeutender ist Domenico Fontana: Als Architekt von Papst Sixtus V. wurde der Tessiner zu einem der Erbauer des Petersdoms und der Lateranbasilika in ihrer heutigen Gestalt.

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Johann Rudolf Wettstein: Der Befreiungsdiplomat

1594–1666

Gern sprechen wir die Unabhängigkeit der frühen Eidgenossenschaft ja den Innerschweizer Kämpen des Mittelalters zu. Aber eigentlich wurde dieses Gebilde erst 1648 rechtlich unabhängig, und das verdankt sie weitgehend einem Basler. Johann Rudolf Wettstein war der eidgenössische Gesandte in den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden. Und seinem feinen Geschick verdankt die Schweiz, dass sie sich nebenbei vom Deutschen Reich loslösen konnte und dass die einzelnen Kantone danach als souveräne Staaten galten.

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Jean-Jacques Rousseau: Der Aufklärer

1712–1778

Er zählt zu den wichtigsten Aufklärungsphilosophen, und seine Idee, dass der Mensch gut, frei und glücklich geboren wird, bevor ihn die Gesellschaft korrumpiert, schlug sich unendlich vielfältig im Geist der Menschen nieder. Spuren von Rousseaus Denkens finden sich von der amerikanischen Verfassung bis hin zum Naturschutzgedanken unserer Tage. Der Sohn eines Genfer Uhrmachers, so schrieben die US-Historiker Will und Ariel Durant «hatte mehr Einfluss auf die Nachwelt als irgendein anderer Autor oder Denker jenes 18. Jahrhunderts, in dem Autoren einflussreicher waren denn je».

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Johann Heinrich Pestalozzi: Der Volksbildner

1746–1827

«Erzieher der Menschheit», steht auf seinem Grabstein. Pestalozzi förderte die Idee der Volksbildung und ihrer Bedeutung für ein demokratisches Gemeinwesen entscheidend. Und er vertrat ganzheitliche Ideen, die bis heute in der Pädagogik nachwirken. Insgesamt offenbart er ein typisches Wesen der Schweiz: leise – aber auf einer zweiten Ebene von grossem Einfluss.

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Anne Germaine de Staël: Die Strippenzieherin

1766–1817

Die Madame de Staël, Tochter des Genfer Bankiers Jacques Necker, spielte eine sehr schweizerische Rolle in der grossen Geschichte: Diskret zog sie im Hintergrund wichtige Fäden der französischen Politik, und dies über mehrere Regimewechsel hinweg, von der Monarchie bis zum Sturz von Napoleon. Sie brachte den Franzosen Denker wie Goethe und Schiller, Kant, Hegel und Fichte nahe und gilt als Vorläuferin der vergleichenden Literaturwissenschaft.

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Guillaume-Henri Dufour: Der Rotkreuz-General

1787–1875

Man kennt ihn als ersten General des Bundesstaates und des Sonderbundskriegs; er war ein General, der jeder Armee zum Vorbild dienen könnte. Dufour drängte darauf, möglichst wenig Opfer zu verursachen. Nebenbei hat ihm die Schweiz die erste detaillierte topografische Karte ihrer Geschichte zu verdanken. Und vor allem: General Dufour war ein Mitgründer des IKRK – und dessen erster Präsident.

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Ulrich Ochsenbein: Der Bundesstaatsgründer

1811–1890

Wer die Sagenfiguren von 1291 wichtig nimmt, der muss auch die Gründer des modernen Bundesstaates von 1848 als Hauptfiguren unserer Vergangenheit rühmen. Allen voran: Ulrich Ochsenbein, Berner Liberaler und Präsident der Verfassungskommission von 1848. Nur kurz nach dem Bürgerkrieg trug er entscheidend dazu bei, die erste moderne Demokratie auf dem europäischen Kontinent zu schaffen.

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Henri Nestlé: Der Kinderernährer

1814–1890

Dass er den grössten Nahrungsmittelkonzern der Welt gründete, genügte an sich schon, um ihn hier aufzuführen. Vor allem aber entwickelte er sein «Kindermehl» mit dem ausdrücklichen Willen, Kinder zu retten – und so gelang es Henri Nestlé, einen enormen Beitrag zum Überleben Tausender Menschen in ganz Europa zu leisten.

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Alfred Escher: Der Grossindustrielle

1819–1882

Er war Politiker und Unternehmer, er schuf eine Bank wie die heutige Credit Suisse, er schuf Bahnunternehmen und den Gotthard-Durchstich, er schuf die ETH: Die Nachwirkungen dieses Zürchers sind bis heute zu spüren. Und diese Kombination von Polit-, Geschäfts- und Forscherdrang ist quasi ein Extrembild des Schweizerischen.

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Henry Dunant: Der Friedensfürst

1828–1910

Wenige Personen haben mehr getan gegen das Leiden. Die Menschheit verdankt Henri Dunant nicht nur die Gründung des Roten Kreuzes, sondern auch die Genfer Konvention, welche in Kriegen wenigstens einen gewissen Schutz schuf. Und als erster Friedensnobelpreisträger brachte er eine besondere Ehre ins Land.

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Henri Guisan: Der Reduit-General

1874–1960

Der letzte General der Schweiz war wohl auch der (vorerst?) letzte Mensch, dem fast das ganze Land vertraute. Für viele ist bis heute klar: Es war massgeblich Guisan, der die Schweiz aus dem Zweiten Weltkrieg herausgehalten hat. Einer älteren Generation gilt er als Retter der Schweiz – und vielen als Nationalheld.

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Albert Einstein: Der Physiker

1879–1955

Wenige Menschen haben das Denken und die Weltsicht der Menschheit so stark geprägt wie der berühmte Denker, Forscher, Physiker. Dass ein Wissenschaftler zur wichtigsten historischen Person der Schweiz gewählt würde, dürfte ohnehin passen. Denn in der Forschung liegt die wahre Kraft des Landes.

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Heidi: Die heile Welt

1880–?

Johanna Spyris Mädchen ist – nach Wilhelm Tell – die zweite helvetische Kunstfigur, die es zu weltweiter Berühmtheit schaffte. Und sie ist ebenfalls ein Geschöpf, das archetypisch das Land erfasst, wie es sein will: Heidi, das ist die Schweiz in ihrer menschlichen, sympathischen, heilen Form. Also kann man sie auch als würdiges historisches Aushängeschild des Landes sehen.

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Robert Grimm: Der Sozialreformer

1881–1958

In Erinnerung blieb der Sozialdemokrat als Hauptfigur des Landesstreiks von 1918, und das macht ihn wichtig genug: Der Generalstreik war ein entscheidender Wegweiser hin zu einer sozialstaatlicheren Schweiz. Als Antimilitarist wollte er die Arbeiterschaft im nationalen Wahn des Ersten Weltkriegs bewegen, die Regierungen in ihren Ländern zum Frieden zu zwingen. Später dann machte er als Reformer die Sozialdemokraten reif für den Weg in den Bundesrat.

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Carl Gustav Jung: Der Psychologe

1875–1961

Der Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie hatte vor allem einen starken Einfluss in zahlreichen anderen Fächern – Anthropologie, Literatur, Philosophie und insbesondere auch in den Religionswissenschaften. Seine psychologischen Typen prägten die Alltagsvorstellungen unseres Inneren.

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Carl Lutz: Der Retter

1895–1975

Wer sonst kann von sich sagen, 62’000 Menschen das Leben gerettet zu haben? Der Schweizer Vizekonsul in Budapest verteilte als Leiter der Abteilung «Fremde Interessen» im Jahr 1944 massenweise Schutzpässe für verfolgte Juden. Rund die Hälfte der ungarischen Juden, die den Holocaust überlebten, verdankten dies jenen Papieren. Er wurde dreimal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen – aber in Bundesbern wegen Kompetenzüberschreitung missachtet. Gibt es einen typischeren Schweizer Helden?

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Maurice Bavaud: Der Hitler-Attentäter

1916–1941

Wenige Menschen wagten einen Tyrannenmord: Der Waadtländer Maurice Bavaud versuchte im November 1938, Adolf Hitler in München zu erschiessen. Die klarsichtige Begründung: Hitler sei eine Gefahr für die Menschheit und für die Unabhängigkeit der Schweiz. Das Attentat scheiterte, Bavaud kam vor den «Volksgerichtshof» und wurde hingerichtet. Die Bundesbehörden unterstützten Bavaud überhaupt nicht.

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Albert Hofmann: Der Bewusstseins-Erweiterer

1906–2008

Es war ungeplant und unbewusst, aber die Entdeckung des Aargauer Chemikers Albert Hofmann hat das Denken ganzer Generationen in Europa und Amerika verfärbt. LSD beeinflusste die Gegenkultur der 1960er-Jahre und prägte zahllose Denker und Künstler.

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Nicolas G. Hayek: Der Tech-Revolutionär

1928–2010

In Erinnerung bleibt Nicolas G. Hayek als Vater der Swatch (was umstritten ist), als Gründer der Swatch Group und als Retter der Uhrenindustrie. Aber auch durch seine Idee des Smart – eines Hybrid- oder Öko-Autos – bewies er, dass er eine Figur im Stile moderner Silicon-Valley-Revolutionäre war.

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Lise Girardin: Die Pionierin

1921–2010

Man müsste viele Frauen gleichrangig würdigen dafür, dass sie wichtige Beiträge leisteten, um die Schweiz mit der Einführung des Frauenstimmrechts 1971 zu einer echten Demokratie zu machen. Stellvertretend stellen wir Lise Girardin ins Rampenlicht: Sie war die erste Frau in einer Exekutivregierung (nämlich im Staatsrat und als Stadtpräsidentin von Genf), sie war die erste Ständerätin der Schweiz – und sie war die erste Frau im Verwaltungsrat der damaligen Bankgesellschaft (heute UBS).

Wen würden Sie noch anführen (und warum)? Schreiben Sie das unten als Kommentar.