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Dance Mission mit Jesus

Christen haben am Samstag auf dem Bundesplatz für den lieben Gott getanzt. «Haupstädter»-Blogger Erdmann hat zugeschaut.

Um Himmels Willen, was war denn da auf dem Bundesplatz los? Zu lauter Musik wurde da allerhand religiöser Rabatz betrieben. Bei der christlichen Tanzveranstaltung «Up to Faith» trafen sich rund 300 Menschen, die wirklich sehr auf Gott und Jesus stehen, um für ihre Helden zu tanzen. Wer nun an ein paar anmutige Schritte zu bedächtigen Chorälen denkt, könnte falscher nicht liegen. Hier versammelte sich eine neue Generation von Gottesanhängern. Etwas weniger Hexenjagd, etwas mehr Grossraumdisko.

Jesus, was war denn das für Musik? Aus den gigantischen Boxen dröhnte eine Art akustische Selbstkasteiung auf Eurodance-Basis. Den Christen schien das nichts auszumachen, die waren alle verdammt glücklich, schon fast unheimlich glücklich. Mit dickem Dauergrinsen im Gesicht wurde also mehrmals zum immer selben Song eine Choreographie aufgeführt, die gleichermassen an 90er-Boygroup-Videoclips und Militärparaden erinnerte.

Mein Gott, was hatten die den für Sachen an? Da hatte es schon ein paar Kuriositäten darunter. Da gab es T-Shirts mit Aufdrucken wie «blessed», «worshipaholic» oder, bestimmt ein Kassenschlager des christlichen T-Shirt-Gewerbes, «Chill Mom, I don’t drink tonight». Mehrere Gottestänzer warben mit ihrer Kleidung für eine Art Facebook für Gläubige. Der Name der Plattform, Achtung, jetzt wirds originell: Faithbook. Dann gab es noch die schon etwas älteren Frauen mit wildem Haar und knöchellangen Röcken, die beinahe noch mehr damit beschäftigt waren, ihre Batiktücher durch die Luft zu wirbeln, als Jesus zu lieben.

Jesses Maria, wo schauten die bloss immer alle hin? In christlichen Tanzchoreographien ist es anscheinend von grosser Bedeutsamkeit so oft wie es nur geht gen Himmel zu glotzen und dabei sehr dankbar aus der Wäsche («blessed»-T-Shirt) zu schauen. Den neutralen Zuschauer mag dieses Verhalten an ein Kind erinnern, das ständig zu seinen Eltern schaut, um sicher zu gehen, dass diese es auch sehen, wenn es vom 1-Meter-Brett springt.

Herr im Himmel, was wurden da für Reden geschwungen! Wenn das Kasteiungs-Lied gerade Pause hatte, um danach nochmals und nochmals und sicher noch einmal mehr gespielt zu werden, wurde gepredigt. Das war ganz schön heftig. Dem neutralen Zuschauer dürfte es völlig neu gewesen sein, dass Jesus die Schweizer als auserwähltes Volk sieht, das die Welt retten wird. Jesus muss sowieso ein Mordskerl sein. Laut verschiedenen Redner kämpft er an vorderster Front gegen den Welthunger und wird bald die von Boko Haram entführten Mädchen befreien. Deshalb sei es eben sehr wichtig, dass man in einer Beziehung mit Jesus lebt. Falls Sie sich nun darauf einlassen wollen, vergessen Sie nicht Ihren Faithbook-Beziehungsstatus zu ändern.

Martin Erdmann

Martin Erdmann


Publiziert am 19. Mai 2014