schliessen

Der Berner Hafenkran

Der Hafenkran, den ein Künstler am Limmatquai aufgestellt hat, erhitzt Zürcher Gemüter. Nach all den Diskussionen um Demonstrationen könnte auch Bern einen solch amüsanten Kunstdialog gut vertragen. Ein passendes Objekt ist bereits gefunden.

Der schwelgerische Artikel in der New York Times New York Times und die Arte-Reportage scheinen ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben: Bern liegt als Reiseziel im Trend. Nationalistische Glatzenträger, testosteronvernebelte Fussball-Cheerleader aus dem wilden Norden und friedlich protestierende Jenische, alle wollten sie in den vergangenen Wochen nach Bern kommen. Die Reisenden waren mal mehr, mal weniger willkommen – und sorgten auch deshalb wiederholt für hitzige und kontroverse Diskussionen.

Auch in Zürich wird aktuell diskutiert, dies nicht minder engagiert und eifrig als in Bern. Doch was dem Berner der Krawallbruder oder der Sicherheitsvorsteher, dass ist der Zürcherin der Hafenkran. Dieser stand einst in Rostock an der Ostsee und hat nun am Limmatufer als Kunstprojekt einen neuen Hafen gefunden.

Während sich in Bern die Ereignisse in letzter Zeit hochfrequent ablösen – auch über die Gräber der Bären 3 und 4 ist das Gras rasant gewachsen – ist der umstrittenen Zürcher Hafenkran ein Evergreen: Seit Jahren füllt er die Kommentarspalten zürcherischer Online-Medien, beschert Politpodien Zuschauerrekorde und Politikern böse Briefe. Bei so viel Aufmerksamkeit im Volk wollte auch die Volkspartei nicht abseits stehen und lancierte die Initiative «Hafenkräne-Nein». Auf dass nie, nie, nie wieder ein Hafenkran seinen Weg nach Zürich finde – zumal ein solch unschweizerisches Exemplar.

Solche Muse und eine derart grosse Leidenschaft für die Kunst scheint gar den gemeinhin als gemütlich bezeichneten Bernern abzugehen. Ob all der Diskussionen um martialischen Räuber-und-Polizist-Spiele sehnt man sich aber auch in unseren Breiten nach einem derart kultivierten und ästhetischen Streitobjekt.

Ästhetisch und kultiviert? In Zürich sehen das nicht alle Menschen so: «Alter Rosthaufen», «Relikt aus lang vergangenen Zeiten», «irrsinnige Kosten» oder «ein solcher Bockmist rechtfertigt niemals die mögliche Umweltverschmutzung», wird in Kommentarspalten über den Hafenkran geschrieben.

Bei der Lektüre dieser Aussagen wird klar: Ein solches Objekt – am Wasser gelegen, vor sich hinrostend, uralt, unglaublich teuer und eine Gefahr für die Umwelt – muss sich Bern nicht erst anschaffen, ein solches gibt es hier bereits, und dies seit über 40 Jahren. Zugegeben, das Objekt direkt im Stadtzentrum aufzubauen, diesen Mut hatten wir Berner nicht. Aber ob Niederdorf oder Mühleberg spielt dann auch keine grosse Rolle mehr, provinziell tönt irgendwie beides.

Und während Zürichs Kunstvorzeigeprojekt bald wieder abgebaut werden soll, strahlt Berns Leuchtturmprojekt mindestens bis 2019 vor sich hin. Vielleicht gar bis in alle Ewigkeit, je nach Wetterlage auch bis nach Zürich.

Basil Weingartner

Als Basil Weingartner vor 12 Jahren nach Bern zog, erhielt er als Begrüssungsgeschenk eine Packung exquisiter Jodtabletten.


Publiziert am 30. April 2014