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  • Von wegen besinnlich: Kriegerische Stimmung auf dem Kornhausplatz.

  • Ostereier kann man auch kaufen - auch wenn schwer vorstellbar ist, das irgendjemand das Herz hat, diese Meisterwerke zu Scherben zu schlagen.

  • Sonntagmorgen hin oder her: «Eiertütschen» passt scheints auch zu Alkohol.

  • Emotionale Bildung dank Namensgebung: Rüdiger und Elsa.

Beim Duell der «Eiertütscher»

Traditionellerweise trifft man sich am Ostersonntag auf dem Kornhausplatz zum «Eiertütschen». Ein Selbstversuch beim Ostereier-Duell.

Ostersonntag ist seit frühester Kindheit dem «Eiertütschen» vorbehalten, und dass er dieses Jahr als Arbeitstag daherkommt, soll der schönen Tradition keinen Abbruch tun. Schliesslich gibt es auf dem Kornhausplatz ein öffentliches «Eiertütschen», das auch mal getestet werden will. Ostereier muss man selbst mitbringen, mit in der Tasche sind daher zwei kleine Wunderwerke der Eierfärbekunst.

«Eiertütschen» macht Spass, Ostereier essen (sofern sie nicht aus Schokolade bestehen) ist allerdings Geschmacksache. Da der eigene Geschmack mehr zur Zuckerversion neigt, bekommen die beiden Ostereier also eine Personalisierung – sprich Namen – verpasst, um die Sache etwas spannender zu machen. Ei Nummer eins, braun gefärbt und mit dem unverkennbaren Bildnis eines Osterhasen darauf, erhält den schönen Namen Rüdiger. Was das Bildnis auf dem zweiten Ei darstellt ist nicht so ganz klar, wenn man allerdings den Kopf richtig schräg legt, könnte es ein Herz mit Pfeil sein, und wird Elsa getauft.

Die Stimmung auf den Kornhausplatz ist überraschend wenig besinnlich, sondern eher kriegerisch und vor allem laut. Diese Leute nehmen die hohe Kunst des Tütschens wohl ziemlich ernst. Eine Ausnahme scheint der erste Duell-Gegner zu sein: Sonntagmorgen hin oder her geniesst er seine Eier-Ausbeute mit einem Glas Champagner, und macht aus dem schönen Rüdiger unzeremoniell kurzen Prozess. Rüdiger nach der schwierigen Namensgabe nach einem Kürzest-Duell so mir nichts, dir nichts abzugeben ist schmerzhaft, den hehren Regeln zufolge behält der Sieger aber das unterlegene Osterei.

Etwas spannender wird das zweite Duell gegen eine Frau mittleren Alters, die eine ganze Horde Kinder dabei zu haben scheint. Der Tipp der vom «Bund» porträtierten «Eiertütsch»-Expertin, wonach das Ei etwas gewärmt werden soll, scheint zu funktionieren: Elsas hintere Hälfte bekommt zwar einen Knacks ab, der spitze Teil macht das orange Osterei der Gegenerin jedoch gnadenlos nieder.

Mit einem angeknacksten und einem eroberten Ei in der Tasche fehlt nun also der Endgegner. Dieser erscheint schnell in Form eines kleinen Jungens, der ganz klar seinen Sport gefunden hat: Er hat einen ganzen Karton mit zerbrochenen Eiern seiner Gegner dabei.

Der kleine Nils ist kein sonderlich kommunikatives Kind. Zumindest mag er keinen Small Talk. «Weiss nicht», nuschelt er auf die Frage, wo seine Eltern seien, «weiss nicht», ob er jedes Jahr «Eiertütschen» kommt, und etwas ähnlich unverständliches kommt als Antwort darauf, ob er denn schon Osternestchen gesucht hat. Vielleicht hatte Kollege Erdmann recht, und die ganze Osternestsuche ist tatsächlich nichts anderes als psychologischer Krieg zwischen Eltern und Kind.

Nils taut allerdings auf, als er mit einem einzigen routinierten Schlag die vorher so siegreiche Elsa auf ein Haufen violetter Scherben reduziert hat. Er möge die gekochten Eier eigentlich auch nicht so gerne essen, vertraut der Verwandte im Geiste an, er sammle die zerbrochenen Eier nur, um mehr Siege als sein grosser Bruder einzufahren. Ein hehres Ziel, das Unterstützung verdient: Neben der unterlegenen Elsa erhält Nils auch das namenlose eroberte Osterei, und zieht zufrieden mit seinem vollen Eierkarton von dannen.

Gianna Blum

Gianna Blum hat 2006 das Land- gegen das Stadtleben eingetauscht und sucht immer noch nach dem Unterschied. Für Hinweise ist sie dankbar.


Publiziert am 21. April 2014