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Original-Sacher-Desaster

Es gibt Dinge, die sollte man vielleicht einfach nicht selber machen (Ausser man ist vom Fach. Aber dann spricht man ja auch nicht von Selbermachen sondern von Beruf.). Zu dieser Erkenntnis bin ich dieses Wochenende beim Erstellen einer Sachertorte gekommen – genauer: beim Versuch des Erstellens einer Sachertorte.

Sachertorte ist seit meiner Kindheit meine Lieblingstorte. Am Geburtstag gab’s jeweils eine kleine vom Tschirren auf der «Nicolette» statt «Sacher» geschnörkelt war, was mich jeweils ins Bodenlose ehrte. Ab und zu brachte Papa eine dieser Originale in edler Holzschachtel mit von Geschäftsreisen zu den österreichischen Kollegen.

Im Gymer deichselte ich mir die Projektwoche so, dass ich über Wiener Kaffeehäuser schreiben durfte und mich so durch’s Wienerische Sortiment von falschen und echten Sachertorten mampfen konnte. Sie war also immer da, die Sachertorte, und stand hoch oben auf ihrem Sockel für Exklusivität, für Luxus und für die Kunst des Lebens.

Als ich ein Sachertorte-Rezept im Notizheft meiner Grossmutter entdeckte, und dieses mysteriöserweise dort auch noch auf demselben Zettel wie Yorkshire Pudding (eine andere ganz grossen Leibspeise von mir – doch dazu ein ander Mal) stand, glaubte ich, es sei an der Zeit, mir meine eigene Sachertorte zu backen. Dumm geglaubt.

Die Torte an sich ist ein Nasenwasser: 125 g Butter schaumig rühren, 150 g Zucker, 150 g Mehl dazu, 5 Eigelb, 1 TL Vanillezucker dazu und zuletzt 150 g im Wasserbad geschmolzene Schokolade. Alles gut verrühren und 5 steif geschlagene Eiweiss darunterziehen. Das bäckt man dann ca. 50 Minuten bei 170°. Die Torte wird halbiert und in der Mitte, sowie oben und an der Seite mit Aprikosenkonfitüre bestrichen. Easy, machen wir mit links mal schnell zwischen Aufstehen und Frühstücken.

Aber dann wird’s glatt. Oder eben nicht besonders. Spätestens hier hätte ich Billigflüge nach Wien recherchieren sollen. Ich traute dem Guss im Rezept nicht so recht und fand mich stattdessen wahnsinnig clever und verwendete das Glasur-Rezept einer offiziellen Wien-Seite, die doch immerhin das Originalrezept zu besitzen behauptete. Dort kocht man 200 g Zucker und 125 ml Wasser fünf Minuten sprudelnd auf und gibt 150 g geschmolzene Schokolade dazu.

Ich hatte ehrlich gesagt das mit den fünf Minuten überlesen, weil mein Computer im Wohnzimmer steht und meine Küche eben in der Küche, und dazwischen geht halt manchmal etwas Information verloren. So erhielt ich in der Folge einen viel zu flüssigen Guss, der auch nach einer ganzen Weile in der Balkonkälte nicht brauchbar war, was mich allerdings an nichts hinderte: Ich goss ihn dennoch auf die Torte, bzw. halt via Torte auf den Küchentisch.

Ich hielt die Torte für im Eimer, den Versuch für gescheitert und weil’s nun eh keine Rolle mehr spielte, stellte ich doch noch den Guss aus Grossmutters Rezept her. Dazu schmilzt man 90 g Schokolade und gibt sie zu 125 g Puderzucker und 2 EL heissem Wasser, was man «auf dem Feuer tüchtig verrührt». Naja, ich hab noch etwas mehr Wasser und einen Schuss Rahm dazugegeben und irgendwann wandelte sich die Masse optisch dann tatsächlich von Müüslifüllung zu Tortenglasur. Ich goss sie auf den bereits ziemlich übel hergerichteten Kuchen, was diesmal doch wenigstens den gewünschten Effekt erzielte, dass es auf der Torte danach Glasur hatte.

Doch leider stand das Ergebnis zu einer Sachertorte wie eine Buckelpiste auf dem Schilthorn zum Eisfeld auf dem Bundesplatz. Da hätte auch ein dahingeschnörkeltes «Nicolette» in bester Schnüerlischrift nichts mehr geholfen. Geschmacklich war die Torte formidabel, aber um sie Gästen zu servieren, hätte man einen Stromausfall vortäuschen und im Dunkeln essen müssen.

Was lernen wir daraus? a) Einige Dinge sollten auf ihrem Sockel bleiben. b) In die Ferne schweifen lohnt sich, denn das Gute liegt zwar nah, sieht aber scheisse aus. c) Eine Fachausbildung ist in jedem Fall wertvoll.

Nicolette Kretz

Nicolette Kretz ist in Bern geboren, kehrte nach einigen Abstechern immer wieder hierhin zurück, arbeitet als Festivalleiterin und Autorin und kocht für den «Hauptstädter» Rezepte aus den Notizheften ihrer Grossmutter nach.


Publiziert am 22. Januar 2014

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