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Gesucht: Die gute (Krämer-)Seele des Rosengartens

Wo der Ausblick erstklassig ist und die Verpflegungssituation desolat, hilft er weiter: der Mann mit dem mobilen Kiosk und dem herrlich übersüssten Chai-Tee. Doch leider ist er unberechenbar.

Es ist kalt im Rosengarten an diesem Nachmittag, zugegeben. Doch die Sonne macht sich durch einen dünnen Hochnebelschleier bemerkbar, und wenn der Wind aussetzt, ist es schon fast zum Aushalten hier. Zumal ja der Blick auf die Altstadt einiges wettmacht. Und so posiert eine Gruppe Touristen vor einem Teleobjektiv, eine andere flaniert gemütlich über den Kiesweg und eine dritte nimmt gerade den steilen Abstieg zum Bärenpark in Angriff. Sie wirken reichlich vergnügt, nicht wissend, dass ihnen an dem Tag unverhofft eine gastronomische Attraktion entgeht. Dass sie an diesem frühen Nachmittag ihre klammen Finger um einen Becher mit dampfendem Inhalt schliessen könnten, hätten die Geschicke anders entschieden.

Die meisten Bernerinnen und Berner — jedenfalls jene, die das Glück haben, hin und wieder etwas Mussezeit in einer der öffentlichen Parkanlagen der Stadt verbringen zu dürfen – kennen ihn: den mobilen Kiosk, der schon manchem Besucher den Rosengartenaufenthalt versüsst hat. Wortwörtlich: Die Auslage, ausgebreitet auf dem kleinen Mäuerchen vor dem Restaurant Rosengarten, umfasst Kleingebäck und heisse Getränke in ausladenden Thermoskannen. Darin befindet sich etwa dieser aberwitzig süsse Chai-Tee, cholesterintechnisch bedenklich, aber insgesamt gut fürs Seelenheil.

Nur zu gerne hätten wir den findigen Kleinstunternehmer an diesem Nachmittag angetroffen – nicht nur, um heissen Tee zu trinken, sondern auch, um drängende Fragen zu klären: Wer ist dieser Mann an die sechzig, grauhaarig und stets freundlich, der den Kiosk vor Jahren erfunden hat? Er ist ein regelrechtes Phantom: Bei schönem Wetter und Volksauflauf steigt zwar die Chance, ihn im Rosengarten oder auf der Münsterplattform anzutreffen, doch darauf wetten sollte man nicht. Es bleibt eine wohlige Überraschung, ihm zu begegnen. Weiter ist er nur dann zu sehen, wenn das Restaurant Rosengarten geschlossen ist – offenbar will er niemandem die Geschäfte streitig machen.

Weiss die Gewerbepolizei von seinem Betrieb? Hat der Mini-Gastronom ein Leben daneben? Treibt ihn das Mitleid mit frierenden Menschen zu seiner Tat an? Wo und wann taucht er das nächste Mal auf? Und wie lautet die Rezeptur dieses herrlichen Tees? All diese Fragen müssen für einmal vertagt werden. Doch der nächste sonnige Tag kommt bestimmt. Und mit ihm die gute (Krämer-)Seele des Rosengartens.

Hanna Jordi

Hanna Jordi lebt in Bern seit 1985. Etwas anderes hat sich bislang nicht aufgedrängt.


Publiziert am 27. Februar 2013