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Bern verkauft sich aus

Für Schnäppchenjäger ist die Gelegenheit nie günstiger, etwas Preiswertes zu erstehen, als jetzt. Wir haben durch Berns Schaufenster geschaut.

Design und Wortwahl

Die meisten Geschäfte schreiben rote Zahlen. Also nicht in ihrer Jahresbilanz, sondern in ihre Schaufenster. Rot ist die Farbe des totalen Sellouts. Sie sticht ins Auge und scheint auf manche Konsumenten so dominant zu wirken, dass diese zu völlig unnützen Käufen verlockt werden können. Doch einigen Läden scheint diese Masche zu billig zu sein. Manche setzen daher auf grüne, gelbe oder schwarze Schriftzüge in ihren Schaufenstern, um auf den starken Preisnachlass aufmerksam zu machen. Rot ist jedoch klar in der Überzahl. Ähnlich einseitig sieht es bei der Wortwahl aus. Unangefochtener Kassenschlager ist das etwas einfallslose, aber effektive «Sale». Ab und zu ist auch ein «Soldes» zu sehen. Nur wenige preisen ihre Schnäppchen auf Deutsch an. Schilder wie «Sonderpreis» oder «Saison Schluss Verkauf» gehören zu den sprachlichen Exoten. Aber natürlich gibt es auch die Antihelden des Jahresschlussverkaufs. So zum Beispiel ein Teppichgeschäft in der Gerechtigkeitsgasse. Dieses macht per mehr oder weniger graziöser Handschrift darauf aufmerksam, dass seine Preise «dauerhaft reduziert» sind.

Merry Christmas vs. Happy New Year

Die Läden sind sich uneinig: Soll man nun im Schaufenster dem Kunden immer noch schöne Weihnachten oder etwa schon ein frohes neues Jahr wünschen? Zugegeben, die Frage ist knifflig und diese kurze Periode zwischen Weihnachten und Neujahr muss für Schaufenster-Ausstatter wohl die härteste Zeit des Jahres sein. Denn im Grunde kann man nichts richtig machen. Wer immer noch «Merry Christmas» im Schaufenster stehen hat, kann schnell ein wenig verpeilt wirken. Doch für «Happy New Year» ist es doch noch zu früh. Schliesslich soll man den Tag nicht vor dem Abend loben.

Schnäppchen für Snobs

Die Regel ist einfach: Je exklusiver der Laden, desto kleiner und versteckter die «Sale»-Schilder. Das vermittelt den Eindruck, dass Ausverkäufe bei den oberen Zehntausend tabu sind. Es ist ja schon Schande genug, dass man den Winter im kalten Bern anstatt in St. Tropez verbringt. Dann muss man sich schliesslich nicht noch dazu nötigen lassen, heruntergesetzte Ware zu kaufen.

Die magische 50

20 Prozent gewähren praktisch alle. Bei 30 ist der Grossteil noch mit dabei. Bei 40 drücken die meisten noch ein Auge zu. Doch bei 50 Prozent Rabatt scheint die Schmerzgrenze erreicht zu sein. Denn um mehr als die Hälfte wollen die meisten Geschäfte ihre Preise nicht kürzen.

Wer keinen Rabatt gibt

Eigentlich ist es völliger Blödsinn: Da haben wir schon ein grosser Teil der kalten Jahreszeit überlebt und nun sollen wir uns neue Mäntel und Stiefel kaufen, nur weil die billiger als auch schon sind. Und das in diesem milden Winter? Nichts gegen tiefe Preise, aber das Geld sollte doch lieber in Dinge investiert werden, die über die Festtage bis Neujahr auch wirklich essentiell sind. Zum Beispiel Schnaps. Mit diesem lassen sich die üppigen Festtags-Mahlzeiten besser verdauen und verhindert den Gang zur Apotheke, um sich Tabletten gegen Magenbrennen zu holen. Vielleicht wird man aber dennoch dort landen, denn dort gibt es Alkaseltzer gegen die Nachwirkungen des Schnaps. Wer dabei aber auf einen günstigen Kauf hofft, wird enttäuscht. Denn die Spirituosengeschäfte und Apotheken sind wohl die einzigen Läden, die nichts von Preisnachlässen wissen wollen. Vielleicht wird es doch noch ein kalter Winter.

Martin Erdmann

Martin Erdmann


Publiziert am 29. Dezember 2012