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Werbepause

Endlich ist Propagandamaterial zu den anstehenden Wahlen da. Wir haben es uns angeschaut.

Der eindeutigste Unterschied zwischen Bern und Nordkorea? Das Propagandamaterial bei Wahlen! Bei so vielen verschiedenen Wahlmöglichkeiten wie bei den anstehenden Berner Gemeindewahlen würde Nordkoreas geliebter Führer wohl bloss den Kopf schütteln. Noch nie dagewesene 510 Kandidierende buhlen auf 19 Listen um einen der 80 Stadtrat-Sitze. Dazu kommen 25 Bewerbungen für den Gemeinderat, die sich auf sechs Listen formieren.

Es ist ganz schön viel Papier, das man als gewissenhafter Wähler in den Briefkasten gelegt bekommen hat und nun sichten muss. Wahrscheinlich mussten, um den Werbedurst der Parteien zu stillen, dermassen viele Wälder abgeholzt werden, dass sich selbst die Naturfeinde von der Autopartei besorgte Blicke zuwerfen würden. Von ihr ist im Propagandastapel leider nichts zu finden. Schade! Denn es sind oft die rechten Splitterparteien, die am lautesten auf die Werbetrommel der Skurrilitäten hämmern. Richtig so! Schliesslich musste die Bevölkerung monatelangen Wahlkampf über sich ergehen lassen und hat nun wahrlich etwas Unterhaltung verdient. Die Schweizer Demokraten gehen mit gutem Beispiel voran. Sie lassen auf ihrem Flyer unheimliche Blitze auf Bern niederschiessen, die «Identitätszerfall» oder «Wachstumswahn» symbolisieren. Dramatischer Höhepunkt: Das Münster wird entzweigebrochen. Was wohl die Mitbewerber der EVP von solcher Symbolik halten? Vermutlich würde ihr frommes Ministrantenlächeln, mit dem sie sich auf den Wahlunterlagen präsentieren, vor Neid zerfressen werden. Schliesslich hätte das Motiv der Strafe von oben viel besser zu einer christlichen Partei gepasst.

Das gläubige Wählersegment ist ohnehin hart umkämpft. Die EDU fährt mit Jeremia 29:7 auf: «Suchet der Stadt Bestes». Werbetexter, die nicht bereits seit der Erstveröffentlichung der Gutenberg-Bibel im Geschäft sind, hätten wohl zu einer weniger verstaubten Wortwahl geraten. Bei der Kandidatenauswahl haben die Parteistrategen dafür alle Register gezogen und einen Lastwagenführer ins Rennen geschickt. Wie die Statistiken zeigen, hat man mit diesem Beruf besonders gute Chancen, gewählt zu werden.

Dann ist da noch die Raffaello-Werbung. Also nein, eigentlich ist sie das nicht. Aber das merkt man erst, wenn sich die Augen an das blendende Weiss dieses Flyers gewöhnt haben. Dann wird klar, dass hier nicht die kugelförmige Süssware, sondern die CVP beworben wird. Die Kleidung der Partei-Hoffnungsträger steht der Hintergrundfarbe der Broschüre in nichts nach. Das erweckt den Eindruck, dass wenn die Kandiaten nicht gerade damit beschäftigt sind, den Wählern die Netzhaut abzulösen, sie wahrscheinlich an Hochzeitsmessen arbeiten. Wirkt abwegig, ist aber ganz schön clever. Schliesslich ist die Eheschliessung fester Bestandteil der CVP-Agenda. Die FDP treibt es hingegen zu bunt. Die Titelschrift ihres Prospekts wurde mit so ziemlich allem, was die Farbpalette hergibt, bearbeitet. Es könnte auch eine Kita-Werbung sein.

Den Jungfreisinnigen droht Ärger. Kandidatin Stephanie Anliker liess sich neben einer Hanfpflanze ablichten. Wie leichtsinnig! 2014 stellte der deutsche Grünen-Chef ein Video von sich ins Internet, auf dem ebenfalls eine Hanfpflanze zu sehen war. Darauf eröffnete die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Anbaus von Betäubungsmitteln gegen ihn. Völlig zahm setzt sich hingegen die SVP ins Bild. Keine Ausländerkarikaturen, keine brennende Reitschule, nicht einmal Blitze sind zu sehen. Dafür ist den Unterlagen zu entnehmen, dass Thomas Fuchs die Liste ordentlich mit Mitgliedern seines Samaritervereins gefüllt hat.

Der RGM-Broschüre sieht man an, dass die temporäre Trennung immer noch nachweht. Teuscher, Wyss, Aebersold und von Graffenried posieren zwar vor demselben Fotomotiv, wurden aber alle einzeln fotografiert. Schulterschluss sieht anders aus. Deutlich mehr Harmonie enthält die Liste 9. Das Feel-Good-Kollektiv um Ex-FDP-Stadtrat Mario Imhof und seinen Kunsteisbahn-Kumpel Jimy Hofer hat das Gruppenbild wohl inmitten eines feuchtfröhlichen Grillfests geschossen. Das könnte auch der Grund sein, wieso es kaum einer geschafft hat, in die Kamera zu blicken.

Martin Erdmann

Martin Erdmann


Publiziert am 3. November 2016