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Feministische Einlagen

Mit zweckentfremdeten Hygieneartikeln geht eine Berner Aktivistin gegen Sexismus im Alltag vor. Feministische Strassenkunst gab es in Bern freilich schon früher – letzte Zeugnisse finden Sie hier.

Seit Kurzem kleben in Bern an Hausfassaden und an Laternenpfosten Slipeinlagen. Die junge Karlsruher Feministin, die die Aktion im April ersann, hat ein gutes Händchen bewiesen. Ein Symbol aus der Intimsphäre der Frau wirkt im öffentlichen Raum wie ein Fremdkörper, als Trägerin für eine Kampagne gegen alltäglichen Sexismus taugt die Slipeinlage vorzüglich.

Kaum ein Bereich der Frau wird so schamhaft schönschattiert wie ihre Vaginalflüssigkeiten, absurdeste Wortschöpfungen gibt es schon nur zur Menstruation, Tante Rosa, Erdbeerwochen, Indianertage, der schlechte Geschmack kennt keine Grenzen. Jedenfalls, innert kurzer Zeit war die Kampagne #padsagainstsexism ein Twitter-Hit. Und jetzt ist sie in Bern angelangt.

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Man könnte jetzt meinen, der Bernerinnen sprichwörtliche Langsamkeit treibe allmählich absonderliche Blüten, so drei Monate nach Ausbruch des Phänomens noch auf den Trendzug aufzuspringen, sei doch gar etwas spät. Doch Obacht, Fehlschluss: Das Gegenteil ist der Fall. In Sachen feministische Street Art haben sich die Bernerinnen in der Vergangenheit nicht lumpen lassen. Sie waren sogar richtige Pionierinnen.

In der zweiten Hälfte der 90er war es, als die Wände der Stadt reihenweise mit eigenartigen Parolen verziert wurden: «Vreni wehrt sich», «Lisa ist stark» oder «Barbara macht Karate».

Ein Frauenname, eine Handlung, rot oder schwarz in Grossbuchstaben auf Mauern und Hauswände gesprüht: Die Schriftzüge prägten jahrelang das Stadtbild, fanden Nachahmerinnen, vermehrten sich. Sie räumten einerseits mit dem Bild des schwachen Geschlechts auf und machten gleichzeitig gegen Gewalt an Frauen mobil.

Inzwischen sind sie fast ganz verschwunden. Sicher ist es einer unheiligen Allianz aus Berner Tiefbauamt und emsigen Graffitikünstlern zu verdanken, dass nur noch in Aussenquartieren letzte, vereinzelte Exemplare der Frauengraffitis zu finden sind. Verdienstvollerweise hat sich Fabienne Amlinger vom Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung der Universität Bern aus privatem Interesse als Chronistin betätigt. Ihr historisches Bildmaterial führen wir hier mit freundlicher Genehmigung auf.

Und, weil wir es lieben, wenn Zyklen sich schliessen, zum Schluss noch das hier. Frank und frei, so ists gut.

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Findet sich in Ihrer Nachbarschaft ein übriggebliebenes feministisches Graffiti? Oder kennen Sie gar eine der damaligen Aktivistinnen persönlich? Fotos und Hinweise an: ebundredaktion@derbund.ch

Hanna Jordi

Hanna Jordi lebt in Bern seit 1985. Etwas anderes hat sich bislang nicht aufgedrängt.


Publiziert am 10. Juni 2015

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