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Die «New York Times» und der Muristalden

Bern gebührt Ehre. Laut der «New York Times» gehört der Grosse Muristalden zu den zwölf beliebtesten Strassen Europas.

Bei solch einem Titel und dazu verliehen von solch einer Zeitung wird es uns warm ums Herz. Und trotz aller Selbstbeweihräucherung brennt da noch eine Frage unter den Nägeln: weshalb gerade diese Strasse?

Gäbe es da nicht schönere und belebtere? So zum Beispiel die Touri-frequentiertere, mittelalterliche, gepflasterte Gerechtigkeitsgasse mit all ihren Brunnen, den Lauben und der grossen Vielfalt an Geschäften, Restaurants, Kinderwagen und Leuten die einfach nur im Schneckentempo den Weg versperren. Offenbar erging es Tim Neville, dem Autor der «New York Times», der eine Zeit lang in Bern lebte, nicht viel anders. Folgendes schreibt er dazu:

«Nur eine Strasse» in der «schönsten Stadt der Schweiz»

Verglichen mit den laubengesäumten Gassen Berns sei der Grosse Muristalden «nur eine Strasse und nicht mal eine gepflasterte». Es hätte weder Geschäfte noch Museen, nur eine «platanengesäumte Aussicht auf die schönste Stadt der Schweiz». Doch vielen bleibe sie vorenthalten, da sie im Alten Tramdepot bei Hefeweizen und Spätzli versauern würden oder («und» ist hier womöglich eher die Ausnahme) den Rosengarten besuchten.

Herr Neville belehrt potenzielle Bern-Besucher eines Besseren: Man/frau solle doch – statt Bier zu trinken oder Rosen zu beschnuppern – den Muristalden zu Fuss ersteigen, um zu erleben, wie die Stadt «mit jedem Schritt ein bisschen mehr von sich preisgibt» – von der Matte, wo Rudolf Lindt mit seiner Conchiermaschine und Kakaobutter herumprobierte und so weltberühmte Schokolade erfand, bis hin zum Münster – von dessen Turmspitze man laut dem Times-Journalisten «die Alpen atmen fühlt».

Während seiner Zeit in Bern wollte der Alpenflüsterer offenbar ab und an mal Paul Klee nacheifern. So habe er – wie der Künstler beim Malen der Altstadt – gerne am Muristalden im Gras gestanden und beobachtet «wie die Jahreszeiten sich sträuben, zur nächsten zu werden». Er habe gesehen, wie «goldene Blätter» zu Schnee wurden und bald darauf hätten schon die Geranien blühten.

Danke, Herr Neville, für diese Lobeshymne an die Hauptstadt, da drücken wir im Gegenzug gerne auch beim Dick-Auftragen ein Auge zu – auch wenn Sie Geranien offenbar lieber mögen als Rosen.

alexandra

Alexandra Graber


Publiziert am 20. April 2015