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Buchhalter

Zettel Nr. 4, Bern. Gefunden am 26.Mai 2014, 13:10, Rodtmattstrasse.

Es ist ein grosser Pflasterstein. Ein sehr grosser Pflasterstein. Der Pflasterstein ist so gross, dass die vier problemlos und mit genügend Abstand zum Nächsten stehen und mit angewinkelten Beinen sogar liegen können. Es gibt wenige Pflastersteine, die so gross sind. Vielleicht gibt es nur diesen einen.

Dann beginnt es. Ein kleiner Haarriss bildet sich in der Fuge, genau an der Fussspitze desjenigen, der als Dritter den Pflasterstein betreten hat. Der Riss wird zunächst von niemandem bemerkt, pflanzt sich aber rasch fort, und es bilden sich Verästelungen, die sich immer schneller ausbreiten, grösser und breiter werden und bald den gesamten Pflasterstein umgeben. Dann trifft das Ende des Risses auf den Anfang, die Erde erzittert und bebt, und seltsamerweise senkt sich nicht der Pflasterstein, sondern die Umgebung ab. Und das ist, so weit das Auge reicht, alles. Die vier Gestalten bewegen sich nicht, und im nächsten Moment kracht das, was man den Rest nennen könnte, in sich zusammen. Sie stehen einsam auf ihrem Pflasterstein und sind umgeben von dunklem, endlosem Raum.

Einer der Besucher, seines Zeichens Buchhalter, kniet sich vorsichtig hin, um über den Rand ihrer neuen Heimat nach unten in die klaffende Tiefe zu schauen, wobei sie infolge Abwesenheit einer Begrenzung nicht klaffend ist, denkt er, aber das ist ihm gerade egal. Er sieht, dass der Pflasterstein auf einer Erdstange thront, aus der hier und da ein Kieselstein oder die Wurzel eines abgerissenen Blümchens herausragt. Ein Wurm tastet sich gerade aus dem Dreck und sieht in seinen orientierungslosen Bewegungen aus wie ein altersschwacher Dirigent, der ein stummes Orchester leitet. Keinen Halt findend, gibt er irgendwann auf und kriecht verärgert abwärts auf der Suche nach Nahrung und Gesellschaft. Der Besucher sieht, wie sich die Erdstange pfeilgerade als immer dünner werdender Strich im Dunkel verliert, und wundert sich, dass sie trotz ihrer endlos erscheinenden Länge nicht schwankt und festen Halt gewährt. Aber auch diesem Gedanken schenkt er angesichts der ungewöhnlichen Situation nur kurz seine Aufmerksamkeit.

Nach seinem Bericht und anfänglichen Platzproblemen kommen die 4 Besucher überein, dass sie sich, um beruhigt mit dem Rücken gegeneinander gelehnt oder in anderen intimen Positionen schlafen zu können, auf einer Basis gegenseitigen Vertrauens respektieren und behandeln. Auch wenn sich zuweilen Langeweile breitmachen würde.

Oliver Stein

Über 500 handgeschriebene Zettel hat Oliver Stein in den Strassen dieser Welt bereits gefunden. Von ihnen lässt er sich zu Geschichten hinreissen. Die Berner Texte seiner «Zettelwirtschaft» präsentiert er im «Hauptstädter».


Publiziert am 4. März 2015