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  • Die Uhr am Kornhausplatz vis-à-vis des Chindlifrässer-Brunnens ist einem Umbau zum Opfer gefallen.

  • Wahlkampf mit der fehlenden Uhr. (Screenshot «20 Minuten», Ausgabe vom 1. November 2012)

  • Ein herber Verlust: Die fehlende Uhr am Breitenrain-Tramhäuschen.

  • Da war sie noch da, die Uhr. (Bild: Adrian Moser)

Das Ende der Pünktlichkeit

Im öffentlichen Raum scheinen Uhren zu verschwinden. Besonders tragisch: jene am Breitenrainplatz. Ist das analoge Zeitalter nun komplett am Ende? Nein. Meist kommen die Uhren nämlich wieder zurück.

Gewisse Begegnungen brennen sich für immer ins Gedächtnis ein. Da hat man als kleiner Backfisch einmal die Flikflak zuhause vergessen und befindet sich leicht verspätet auf dem Weg zum Flötenunterricht. Bleibt noch Zeit für ein Carambar am Kiosk? Man sieht sich um nach einer vertrauenswürdigen Quelle, um nach der Uhrzeit zu fragen, als ein Polizist des Wegs kommt. Doch auf die scheu geäusserte Frage hin gibt der Uniformierte nicht etwa die Uhrzeit preis, sondern bloss den schnöden Hinweis, man solle die Augen schön aufmachen, schliesslich hingen an allen grösseren Plätzen Berns Uhren zur allgemeinen Information, auch hier am Casinoplatz.

Von da an schätzt man die öffentlichen Uhren Berns als gute Freunde. Damals, weil man keine Uhr am Handgelenk trug und heute, weil man zu faul ist, das Handy aus der Tasche zu klauben.

Doch neuerdings könnte man glatt auf die Idee kommen, die Stadt Bern habe das Aushängen von Zifferblättern etwas vernachlässigt. Nicht nur die SP Bern Nord fragte sich kürzlich mehr oder minder medienwirksam, wo denn die praktische Uhr geblieben ist, die im Sommer noch das Dach des Tramhäuschens am Breitenrainplatz zierte. Ebenfalls einem Umbau zum Opfer gefallen ist die Uhr, die am Kornhausplatz vis-à-vis des Chindlifrässer-Brunnens hing – gerade für Touristen ein herber Verlust, ist das Zifferblatt am Zytglogge für Uneingeweihte doch eher schwer zu lesen. Man mag gar nicht daran denken, wie viele Reisecar-Chauffeure deshalb schon auf saumselige Passagiere warten mussten.

Findet hier ein schleichender Abbau des Service Public statt? Ist das analoge Zeitalter endgültig Geschichte? Müssen sich nun reihenweise Rentner endlich doch noch ein Mobiltelefon anschaffen, wenn sie unterwegs wissen wollen, was die Uhr geschlagen hat?

Bei der EWB, die für die Montage, das Betreiben und Warten der Uhren im öffentlichen Raum zuständig ist, gibt man Entwarnung. In den letzten zwei Jahrzehnten sei die Zahl der öffentlichen Uhren konstant geblieben: Derzeit hängen in Bern rund 60 davon. «Es gibt null Bestrebungen, die öffentlichen Uhren verschwinden zu lassen», gibt EWB-Mediensprecherin Alexandra Jäggi zur Auskunft.

Also kein Grund zur Aufregung. Doch weshalb sind dann die Zeitmesser am Breitenrainplatz und am Kornhausplatz verlustig gegangen? Beides seien Spezialfälle und nur temporär abwesend, heisst es bei der EWB. Nicht mehr lange warten müssen die Passanten auf die Rückkehr der Uhr am Kornhausplatz. Die war nur weg, weil gewisse Zuleitungen Probleme gemacht hatten. Bis spätestens Ende 2012 soll sie wieder hängen.

Keine guten Nachrichten gibt es vorerst für die SP Bern Nord. Die Uhr auf dem Dach der Tramhaltestelle passt nicht ins Umbaukonzept der Architekten. Die EWB hat lediglich noch den Auftrag, eine Uhr an der Fassade des Häuschen anzumontieren. «In den nächsten Wochen» wird es so weit sein.

In der Zwischenzeit sollte man allenfalls wieder mal versuchen, einen Polizisten nach der Uhrzeit zu fragen. Vielleicht lassen sich so am Ende ja noch Traumata beheben.

Hanna Jordi

Hanna Jordi lebt in Bern seit 1985. Etwas anderes hat sich bislang nicht aufgedrängt.


Publiziert am 5. November 2012

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