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Swing Low, Sweet Chariot

Doppelstöckige Agglomerationszüge: Selten fühlte sich Stadtflucht derart kosmopolitisch an. Das neue Selbstvertrauen kommt gerade zur rechten Zeit.

Wenn das Kleinstadtleben zu hektisch wird, dann bietet es sich an, die regionale Landschaft zu erkunden. Etwa per S-Bahn, die Berns Hauptbahnhof zeitsparend mit dem Umland verknüpft. Man staunt dann nicht schlecht, wenn anstelle des gewohnten Tuckerbähnchens ein veritabler Doppelstöcker einfährt, der sich, rein von den Proportionen her, gerade so gut nach Zürich aufmachen könnte. Derzeit fahren die «Mutzen» (Moderner, universeller Trieb-Zug), wie sie genannt werden, zur Betriebserprobung auf ihren dereinstigen Stammlinien. Nach Ende 2014 sollen sie dort regulär verkehren.

Hat man den Schock über den grandiosen Auftritt des Agglomerationsbähnchens erst einmal überwunden, dämmert es einem: Natürlich handelt es sich bei dieser Neudimensionierung nicht um Grössenwahn. Zum einen ist es, ganz pragmatisch, die Lösung einer sich anbahnenden Netzüberlastung, zu Stosszeiten würden sich die Pendler sonst bald stapeln.

Zum andern aber ist die Aufstockung in die Vertikale eine clever angelegte Frischzellenkur für das Ego der Bernerinnen und Berner: Hallo Hauptstadtregion, möchte man beim Anblick des Zugs sagen, wir sind jetzt wer. Bei uns fahren die Doppelstöcker nicht nur auf dem Bundesbahnnetz, nein, sie verkehren auch zwischen Biel und Bern, Bern und Schwarzenburg, und auch Busswil hat seinen Doppelstöckerzug verdient.

Das frische Selbstvertrauen kommt gerade zur rechten Zeit: Wenn sich unsere Geschwister- und Stiefkantone künftig in Sachen Finanzausgleich wieder über Bern auslassen, werden wir Bernerinnen und Berner davon zehren können. Die Mutzen sind schliesslich auch Berner, und die sind leistungsstark wie sonst was. Da ist nichts mehr mit behäbig und mutlos, sie sind in jeder Hinsicht dynamisch. Der Geruch der neuen Polster steht für den allgemeinen Aufbruch, die Recycling-Kübel für nachhaltige Lösungen, und die integrierten Veloabstellplätze für messerscharfe Kalkulation. Auf den Schienen wie im Kanton.

Nur ein Aspekt der Imagekampagne wurde leider zu wenig bedacht: Durch das neue Obergeschoss hat sich der Schwerpunkt des Zugs verlagert, und das schlägt sich nun physikalisch nieder. Besonders in den Kurven. Die Mutzen haben, und das ist vielleicht etwas unglücklich, eine heimliche Veranlagung zum Neigezug. Das Reisegefühl lässt Erinnerungen an den Cisalpino wach werden, und damit ungute Assoziationen: Angesichts des italienischen Staatshaushalts wäre den Bernerinnen und Bernern wahrlich ein anderer Leumund für ihre Finanzkraft zu wünschen.

Links:
Der finanzpolitische Buhmann der Schweiz («Bund» vom 26.10.2012)
Der erste Mutz auf Berner Schienen («Bund» vom 5.9.2012)

Hanna Jordi

Hanna Jordi lebt in Bern seit 1985. Etwas anderes hat sich bislang nicht aufgedrängt.


Publiziert am 29. Oktober 2012

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