Warum es sich lohnt, Hypotheken zurückzuzahlen

Unser Geldberater erklärt die Vor- und Nachteile einer Amortisation – und inwieweit die Corona-Unsicherheiten mitberücksichtigt werden sollten.

Individuelle Entscheidung: Ob amortisiert werden sollte, hängt von den Renditeerwartungen ab. Foto: Keystone

Wir haben bei unserer Bank eine Vermögensverwaltung. Das Anlagevermögen beträgt 400’000 Franken. Da wir bei unserem Stockwerkeigentum noch eine Hypothek von 200’000 Franken haben stellt sich uns die Frage, ob es sinnvoll wäre, die Hypothek zurückzuzahlen, die nach fünf Jahren im Oktober abläuft. Unsere Anlageberaterin ist von diesem Vorschlag nicht begeistert. Für einen Ratschlag von Ihnen wäre ich sehr dankbar. D.S.

Im Grundsatz bin ich der Meinung, dass Schulden zurückbezahlt werden sollten. Zwar sind die Zinsen nach wie vor sehr tief, dennoch bezahlen Sie der Bank derzeit einen Zins. Diesen können Sie sich sparen, wenn Sie die Hypothek, die im Herbst ausläuft, zurückvergüten.

Nun gibt es daneben aber andere Aspekte für Ihre Entscheidungsfindung zu beachten, die von Ihren Lebensumständen abhängen. Man sollte bedenken, dass man später – erst recht im Rentenalter – vielleicht nicht mehr so locker eine neue Hypothek bekommt. Je nach Ihren finanziellen Verhältnissen kann es für Sie auch vorteilhaft sein, dass Sie etwas mehr Spielraum behalten.

Vor allem hängt der Entscheid von Ihren Renditeerwartungen auf Ihrem Kapital ab. Solange Ihre Vermögensverwaltung in der Lage ist, auf Ihrem Geld nach Abzug aller Gebühren eine positive Rendite zu erwirtschaften, würden Sie besser fahren, wenn Sie die Hypothek behalten. Sie würden in einem positiven Anlagejahr wie Sie es noch 2019 erlebten, vielleicht weit mehr Rendite erwirtschaften, als Sie Zins für die Hypothek abliefern müssen. Zwar müssen Sie die Steuern noch mitberücksichtigen, dennoch wäre es für Sie unter dem Strich ein gutes Geschäft. Doch 2019 war ein Ausnahmejahr.

Solange Sie eine Vermögensverwaltung und eine Hypothek haben, verdient die Bank doppelt.

Das Problem ist allerdings, dass Sie auch bei einer professionellen Vermögensverwaltung keine Garantie haben, dass Sie in jedem Jahr nach Gebühren überhaupt eine positive Rendite erzielen. Das hat sich im bisherigen Anlagejahr 2020 brutal gezeigt: Wegen der Corona-Krise sind die Kurse phasenweise stark eingebrochen.

Zwar haben sich viele Aktien teilweise bereits wieder erholt. Doch auch im weiteren Jahresverlauf kann es erneut Rückschläge geben, da die Weltwirtschaft in eine Rezession gleitet und die Turbulenzen an den Märkten anhalten werden. Da hat selbst die beste Vermögensverwaltung Mühe, eine positive Rendite zu erzielen.

Für Sie gilt es abzuwägen, ob Sie weiter auf eine – vielleicht künftig wieder – positive Rendite auf Ihrem Kapital hoffen oder auf Nummer sicher gehen und die Hypothek im Herbst abzahlen möchten. Ich würde mich wohl für Letzteres entscheiden.

Dass Ihre Anlageberaterin von der Idee der Amortisation nicht begeistert ist, erstaunt mich nicht. Denn solange Sie eine Vermögensverwaltung und eine Hypothek haben, verdient die Bank doppelt. Wenn Sie indes amortisieren, verliert die Bank das Geschäft und einiges an Gebühren. Sie hingegen müssen einzig Ihre Bedürfnisse im Auge behalten.