Schlechter Zeitpunkt für grosse Investitionen

Noch stützen die tiefen Zinsen. Doch die Treiber für weitere Kursanstiege fehlen – und der Handelsstreit belastet.

Wenig Potenzial, viel Risiko: Zahlreiche mögliche Störfaktoren trüben die Börsenaussicht. Foto: iStock

Ich weiss: Die Kristallkugel haben auch Sie nicht. Dennoch: Ich habe bei True Wealth einen kleinen Teil meines Vermögens in ETF investiert und überlege mir, diesen Betrag um 100’000 Franken zu erhöhen. Fragt sich nur, wann. Heute? Oder nachdem der nächste grosse Taucher und eine einschneidende Korrektur erfolgt ist? Denn dass dieser Taucher kommen wird, scheint sicher zu sein. Was meinen Sie? R.B.

Ich würde derzeit mit Zukäufen in grossen Beträgen an den Börsen abwarten. Aus meiner Sicht ist die Chance gross, dass wir in den nächsten Monaten stärkere Korrekturen an den Aktienmärkten erleben werden.

Einerseits verliert die Konjunktur an Fahrt. Besonders spürbar ist das bereits in Europa, wo eine Vielzahl von Firmen in den letzten Wochen Gewinnwarnungen herausgegeben hat, weil sich die Auftragslage verschlechtert hat. Auch in China verliert der Wirtschaftsmotor an Tempo. Anderseits leiden die Märkte unter einer Vielzahl von Unsicherheitsfaktoren.

Erhebliche Risiken beinhaltet insbesondere der Handelsstreit zwischen den Supermächten USA und China. Nachdem US-Präsident Trump weiter Strafzölle auf chinesischen Waren für den September in Aussicht gestellt hat und China erwartungsgemäss Gegenmassnahmen eingeleitet hat, wie die Abschwächung der eigenen Währung Yuan und die Verweigerung von Lizenzen an US-Firmen für Geschäfte mit dem chinesischen Telecomriesen Huawei, ist eine Lösung des Handelskonflikts in weite Ferne gerückt. Bereits hat der Handelsstreit negative Folgen für die Konjunktur in vielen Ländern und könnte den Welthandel auch in den nächsten Monaten noch erheblich belasten.

Darüber hinaus gibt es eine Reihe von weiteren Unsicherheitsfaktoren für die Börse – etwa den Brexit, den Austritt von Grossbritannien aus der EU im Oktober, die politische Situation in Italien, geopolitische Risiken sowie die Schuldenberge von vielen Staaten.

Immerhin versuchen die grossen Notenbanken der Welt, Gegensteuer zu geben: Die US-Notenbank hat die Zinsen wieder gesenkt, und auch die Europäische Zentralbank dürfte wohl im September die Zinsen noch tiefer in den Minusbereich drücken, mit dem Ziel, Geld noch billiger zu machen und eine weitere Abschwächung der Konjunktur zu verhindern.

Die tiefen Zinsen stützen zwar die Aktien, dennoch frage ich mich, welches denn über die Tiefzinsen hinaus die Treiber für weitere Kursanstiege an den Börsen sein sollen. Die Unternehmensgewinne werden es im zweiten Halbjahr wohl kaum mehr sein. Die Tiefzinsen und die Erwartung, dass die Zinsen noch mehr sinken, sind bereits in den Kursen eingepreist.

Angesichts fehlender weiterer Treiber sehe ich kein wirkliches Potenzial für künftige Kursanstiege an den Börsen, aber eine Vielzahl von möglichen Störfaktoren. Wenn Sie jetzt gleich den ganzen Betrag von 100’000 Franken investieren, gehen Sie meines Erachtens ein erhebliches Risiko ein, dass Sie später auf Buchverlusten sitzen. Entweder warten Sie für ein Neuengagement stärkere Korrekturen ab, was allerdings die Unsicherheit beinhaltet, wann die Kurse im Rahmen einer Korrektur Boden finden. Oder aber Sie staffeln Ihre neuen Börsenkäufe über mehrere Phasen. Das erachte ich am ehesten für erfolgversprechend.

Ich würde über mehrere Korrekturphasen hinweg nur Teilbeträge investieren, zumal Sie einen langen Anlagehorizont haben. So senken Sie für sich das Risiko, zum schlechtestmöglichen Zeitpunkt gleich alles Geld angelegt zu haben.

9 Kommentare zu «Schlechter Zeitpunkt für grosse Investitionen»

  • Peter Rohner sagt:

    Untersuchungen zeigen, dass Markttiming nicht funktioniert. Verfügbares Kapital soll gemäss diesen Untersuchungen genau dann (langfristig) investiert werden, wenn es vorhanden ist. Wen das zu grosse Überwindung kostet, der soll einfach die gesamte Summe in mehreren Häppchen investieren (also z.B. 25K alle 3 Monate). Warten auf den günstigsten Einstieg funktioniert normalerweise nicht (bzw. man wartet ewig).

    Einen lesenswerten Artikel zu diesem Thema hat der renommierte Finanzwissenschaftler Gerd Kommer geschrieben:
    https://www.gerd-kommer-invest.de/timing-des-markteinstiegs/

  • Daniel Fässler sagt:

    Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass man hier in der Ecke nicht gut beraten wird. Nichtmal das Thema Edelmetalle wurde angesprochen. Der Fragesteller möchte einen kleinen Teil seines Vermögens (100K) investieren. Da hätte man ebenfalls hochriskante Anlageprodukte anbieten können, da es sich ja augenscheinlich um Spielgeld handelt.

  • Peter Gruber sagt:

    Vor kurzem haben Sie hier einem Paar geraten deren hohe Cashbestände an der Börse zu investieren. Also wie jetzt?

  • RIchard Keller sagt:

    Man kann es auch ganz anders sehen. Der Handelskrieg USA -China wird gelöst, denn auch in den USA stehen Wahlen bevor. Der Brexit endet nicht im Fiasko, sondern man findet eine gute Lösung, Salvini verliert und Italien stabilisiert sind, wie zuvor auch Griechenland.
    Resultat die Börsen blühen, denn die tiefen Zinsen, das hat sich in den letzten Wochen gezeigt, bleiben uns noch auf Jahre.
    Was wirklich kommt, weiss niemand, aber was Herr Spieler hier von sich gibt, ist sehr gewagt. Er müsste es viel mehr als Spekulation kommunizieren, genauso wie die obigen Gedanken

  • Matti De Greco sagt:

    Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.

    Die Theorie sagt, dass alles was bekannt ist, eingepreist ist durch den Markt. Das heisst, es ist unmöglich, verlässliche Prognosen zu erstellen, ausser man geht davon aus, intelligenter zu sein als die Schwarmintelligenz. Was wiederum wenig wahrscheinlich ist. Börse ist wie Kasino, ausser dass man im Schnitt langfristig gewinnt 🙂

    • Anh Toàn sagt:

      „Die Tiefzinsen und die Erwartung, dass die Zinsen noch mehr sinken, sind bereits in den Kursen eingepreist.“

      Heisst es im Text wörtlich, impliziert wird, dass die Unsicherheitsfaktoren (Handelsstreit, Brexit, Italien) nicht eingepreist seien.

      Das macht nicht viel Sinn.

      Diversifikation ist auch zeitlich notwendig, also nicht „all-in“ auf einmal und nicht alles aufs mal verkaufen.

    • Anh Toàn sagt:

      „Schwarmintelligenz“ hat Andreas Rebers gesagt, beinhalte ein Klumpenrisiko. Das Problem derer, welche gegen den Schwarm schwimmen ist, so wusste Kostolani, sie feiern alleine, wenn sie Recht behalten.

      • Anh Toàn sagt:

        Aber grundsätzlich bin ich mit dem Text einverstanden: ich glaube als einzige Börsenregel an „the trend ist your friend“: Eigentlich geht es abwärts seit letzten Herbst, bei Konjunktur abhängigen Werten, man sehe sich Siemens, GE! oder ABB an. Von den tieferen Zinsen und damit höherem diskontierten Barwert profitieren vor allem defensive Titel wie Pharma und Nahrung, in Schwächephasen sind das immer die letzten, welche Wert einbüssen: Erst wenn die defensiven Aktien einbrechen, nähert sich die Schwäche der Börse dem Ende.

        Ich sollte etwas investieren, das mein Kind geerbt hat: Ich warte damit und halte mich an die Empfehlung von @Marcel Zufferey hier: Cash is King.

  • Zufferey Marcel sagt:

    Man muss nicht ständig investiert sein. Buy and hold ist eh‘ out bei diesen astronomischen Bewertungen. Tracking ist eine valable Alternative. Das Ziel dabei ist, nicht lange aber dafür um so effektiver investiert zu sein. Je nach Marktsituation ist man dann halt auch eine Zeit lang Cash, wie jetzt zum Beispiel.

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