Warum viele Aktien zu hoch bewertet sind

Schwieriger Zeitpunkt zum Kaufen: Das Börsenjahr 2019 hat sich bislang von seiner besten Seite präsentiert. Viele Aktien sind in zweistelliger Höhe gestiegen. Foto: iStock

Ich bin 58-jährig und möchte für rund 250’000 Franken etwa 10 bis 15 Positionen mit soliden Schweizer Aktien kaufen, die regelmässig relativ hohe Dividenden ausschütten. Diese Aktien möchte ich dann langfristig behalten. Ich bin unsicher, ob ich jetzt kaufen oder hierfür auf eine Baisse warten soll. Was würden Sie machen? J.S.

Ich gehe davon aus, dass Sie im Hinblick auf Ihre geplanten Aktienkäufe bereits an Ihre spätere Pensionierung denken und sich damit Ihr Einkommen mittels attraktiven Dividenden aufbessern möchten.

Dafür eignen sich Schweizer Dividendenperlen wie Swiss Life, Zurich, Swiss Re, Nestlé, Novartis, Roche, Lafarge Holcim, Adecco, Swisscom oder Helvetia, die je nach Titel zwischen 2 und 6 Prozent Dividendenrendite aufweisen, gut. Auch mehrere Aktien von an der Schweizer Börse kotierten Immobilienunternehmen sowie eine Vielzahl von kleineren und mittelgrossen Firmen weisen beträchtliche Dividendenrenditen auf. Es wird somit kein Problem sein, dass Sie für sich ein Portfolio mit 15 Dividendentiteln zusammenstellen können.

Schwieriger ist in der Tat der Zeitpunkt eines Kaufs. Das Börsenjahr 2019 hat sich bislang von seiner besten Seite präsentiert. Viele Aktien sind in zweistelliger Höhe gestiegen. Selbst die in früheren Jahren träge Nestlé hat über ein Viertel zugelegt. Angesichts rekordtiefer Zinsen und fehlender Anlagealternativen boomen die Aktien. Die Aussicht auf weiter sinkende Zinsen hat die Märkte sogar nochmals befeuert, da man davon ausgehen kann, dass die US-Notenbank Ende Monat die Zinsen wieder senken wird. Tiefe Zinsen sind gut für die Aktien.

Gleichzeitig sind wir aber mit einer Vielzahl von Unsicherheitsfaktoren konfrontiert. Dazu zählen der ungelöste Handelsstreit zwischen den USA und China, der Brexit, die Schuldenberge vieler Staaten, die ultralockere Geldpolitik der Notenbanken, geopolitische Risiken und vor allem die sich abschwächende Konjunktur in Europa und China. Deshalb mussten bereits eine Reihe von Börsenfirmen Gewinnwarnungen herausgeben.

Die erneute Lockerung der Geldpolitik spricht an sich weiter für Aktien, doch glaube ich, dass die Zinssenkungen bereits in den Kursen drin sind. Deshalb sollte man sich fragen, was sonst als die tiefen Zinsen die Aktien künftig weiter antreiben wird. Die tiefen Zinsen sind zwar ein wichtiger Faktor, weil Anleihen als Alternativen zu Aktien völlig uninteressant sind. Dennoch rechne ich damit, dass der Hausse langsam die Luft ausgeht. Die Unternehmensergebnisse jedenfalls dürften kaum mehr als Kurstreiber dienen.

Die Aussichten vieler Unternehmen haben sich angesichts der vielen Unsicherheitsfaktoren und der Konjunkturabkühlung verschlechtert. Ich gehe davon aus, dass wir noch weit mehr Gewinnwarnungen sehen werden. Plötzlich könnte dann die Stimmung drehen. Mich würde es nicht erstaunen, wenn wir in den nächsten Monaten stärkere Korrekturen erleben würden.

Für Sie könnten das Kaufchancen sein. Denn auf dem aktuell hohen Kursniveau würde ich nicht ein neues Portfolio aufbauen. Sie haben zwar einen langen Anlagehorizont, der den Kaufzeitpunkt und die zu erwartenden starken Schwankungen etwas relativiert. In Ihrem Fall würde ich vorderhand abwarten und künftige Marktkorrekturen nutzen, um die gewünschten Dividendenperlen zu erwerben.

Auch dann würde ich nicht gleich alle Käufe auf einmal tätigen, denn Sie wissen nie, ob die Märkte nicht noch stärker korrigieren. Mit gestaffelten Käufen verringern Sie das Risiko, zu einem schlechten Zeitpunkt gekauft zu haben.

Wichtig ist zudem, dass Sie diversifizieren. Wenn Sie nur Schweizer Dividendenperlen halten, gehen Sie ein gewisses Klumpenrisiko ein. Mittels Fonds können Sie zusätzlich zu den Dividendenperlen einfach eine Diversifikation in andere Märkte und Anlageklassen erreichen.

7 Kommentare zu «Warum viele Aktien zu hoch bewertet sind»

  • Meyerhans sagt:

    Immer diese Fondsempfehlung, wobei der Fonds-Fan Folgendes übersieht:

    a) Beim Fonds müssen Dritte mitverdienen.
    b) Niemand weiss, ob ein Fonds beim tiefsten Punkt liquidiert wird, was immer wieder vorgekommen ist.
    c) Reine Fremdherrschaft: Der Anleger wird quasi passiv verwaltet. Das TEuerste bei Aktien sind neben zu hohen Kursen stets Gebühren auf mehreren Ebenen, Ankauf, Verkauf, je als Einstiegs und Ausstiegsprämie, die Fondsverwaltung, und dort ist alles intransparent optimiert.
    d) Man weiss nie, für wen bei den Empfehlern wer arbeitet, und daher abhängig ist

    • Cybot sagt:

      Das, was du bei einem Fonds an Gebühren bezahlst, musst du bei einem selbstverwalteten Depot halt in Form von Zeit investieren. Und nicht jeder sieht die Verwaltung von Geld als Hobby an.

    • Timo sagt:

      Passive fonds wie VT haben nur 0.1% Gebühren und man ist weltweit investiert. Der Spread ist auch sehr gering und somit folgt man sehr genau dem Index.

    • Junk-Bond sagt:

      Als pens. Bankangestellter (aber nicht Börseler; IT) wäre ein selbstverwaltetes Depot für mich ein Hobby. Ich würde auch von Personalkonditionen, wie tieferen Gebühren und unentgeldliche Depotführung profitieren. Habe ich früher ab und zu gemacht, und würde ein gestaffeltes Vorgehen wählen. Diversifiziert, und gute Firmen in guten Branchen. Habe aber mein Geld in ‚Hardware‘ investiert: Renovation und Erweiterung des Hauses. Auch das ist ein langfristiges Hobby.

    • Peter Rohner sagt:

      @Meyerhans

      Sie sprechen hauptsächlich von aktiven Fonds. Klar: Wer die heute noch kauft, ist selber schuld.

      Für uns Kleinanleger sind ETFs ideal. Passiv verwaltet, kostengünstig. Zusammen mit der passiven Anlagestrategie „Buy and Hold“ sind sie bestens dazu geeignet, um eine durchschnittliche reale Aktien-Performance von 5% p.a. einzufahren (nominal 7% p.a.). Ohne Aufwand, ohne Superriecher, ohne Doktortitel in Astrophysik. Und diese Performance ist auch nicht viel schlechter als die von Warren Buffet.

  • Karl Knapp sagt:

    Die anfänglich klaren Bedenken gelten natürlich auch für Fonds: man kauft also alle enthaltenen Titel zum genau gleichen Zeitpunkt. Eile mit Weile, kennen wir doch von irgendwo.

  • Peter Rohner sagt:

    Am besten einen ETF mit dem Thema „hohe Dividenden“ kaufen. Zum Beispiel den hier:
    — iShares Swiss Dividend (TER 0.15%)

    Angst vor einer baldigen Börsenkorrektur? Kein Problem. Einfach gestaffelt investieren. Zum Beispiel 50‘000 alle 3 Monate.

    Eine gute (und kostenlose) ETF-Suchmaschine gibt es hier:
    https://www.justetf.com/ch/find-etf.html

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