Wie die ABB ihre treuen Anleger frustriert

Wer heute bei der ABB einsteigt, wettet auf zwei bedeutende Trends: Einerseits auf das Wachstum in China, anderseits auf den Megatrend Robotik. Das Reich der Mitte vereint beide Trends. Foto: Keystone

Seit bald 20 Jahren habe ich die ABB-Aktie im Depot. Ich ärgere mich bald täglich über die desolate Kursentwicklung. ABB bezahlt eine gute Dividende, aber die Kursentwicklung – auch auf lange Sicht – ist desaströs. Wie schätzen Sie die Situation bei ABB ein? S. F.

Ihr Frust ist nachvollziehbar: Vor 20 Jahren notierte die ABB-Aktie höher als heute – die Kursgrafik sagt alles. Sie haben als treuer Aktionär in dieser Zeit kursmässig nicht nur nichts verdient, sondern sitzen selbst auf lange Sicht auf Buchverlusten. Ein höchst unbefriedigender Zustand, den wir sonst nur von den beiden Grossbankenaktien CS und UBS kennen.

Sie haben als Anleger 20 Jahre verloren, umso mehr unterstreicht dies Ihre Treue zum Unternehmen. Immerhin haben Sie aber eine ansprechende Dividende erhalten. Doch auch diese wiegt die schwache Kursperformance sowohl kurz- als auch langfristig nicht auf. Die Perspektive auf die Vergangenheit nützt Ihnen allerdings nichts – entscheidend ist, was die Zukunft bringt.

Hier gibt es immerhin ein paar Silberstreifen am Horizont, wenn man die Zahlen analysiert. Im dritten Quartal 2018 hat sich beim Umsatz und beim Auftragseingang endlich eine leicht positive Tendenz abgezeichnet. Der Umsatz nahm im dritten Quartal um Währungs- und Akquisitionseffekte bereinigt um 3 Prozent auf rund 9,3 Milliarden Franken zu. Das Wachstum zog im Vergleich zu früheren Jahren somit leicht an.

Hoffnung machen insbesondere die Auftragseingänge, die rund 9 Prozent in die Höhe kletterten. Ob dieses Wachstum nachhaltig ist, muss sich erst noch weisen. Immerhin haben laut Management die Basisaufträge in allen Divisionen und Regionen Fortschritte verzeichnet, wobei es bei den wichtigen Grossaufträgen eher noch harzt.

Keine Freude macht auch weiterhin die operative Marge, die unter Integration der von General Electric übernommenen Industriesparte leidet. Persönlich habe ich den Eindruck, dass die ABB strategisch eine Neuausrichtung braucht. Diese könnte der Verkauf der Stromnetzsparte bringen, über die an der Börse immer wieder mal spekuliert wird. Offenbar führt die ABB tatsächlich Gespräche und leuchtet die diesbezüglichen Optionen aus. Wie weit diese kolportierten Verhandlungen fortgeschritten sind und ob es tatsächlich zu einem Verkauf kommt, ist offen.

Ich frage mich zudem, ob ein Verkauf der Stromnetzsparte, wenn er dann Realität würde, bei der ABB-Aktie noch ein Kursfeuerwerk auslösen wird. Wenn zu lange über einen solchen Schritt spekuliert wird, ist die Fantasie meist schon teilweise im Kurs enthalten. Die Frage ist dann, zu welchen Konditionen ein Verkauf erfolgt. Ein Kurssprung wäre nur zu erwarten, wenn die Bedingungen für den Verkauf für die ABB sehr vorteilhaft wären.

Neben dem schwachen Wachstum in der Vergangenheit leidet die ABB derzeit auch stark unter dem Handelsstreit zwischen den USA und China. Das Reich der Mitte ist für den Konzern einer der wichtigsten Märkte, der künftig sogar noch an Bedeutung gewinnen wird. CEO Ulrich Spiesshofer hat in einem Interview kürzlich erklärt, dass China in den nächsten drei Jahren sogar zum grössten Absatzmarkt werden könnte. Momentan sind der grösste Markt für ABB noch die USA, gefolgt von China. Damit wird offensichtlich, dass ABB im Handelsstreit zwischen den Fronten steht. Auch das belastet die Aktie.

Wer heute bei der ABB einsteigt, wettet aus meiner Sicht auf zwei bedeutende Trends: einerseits auf das Wachstum in China, anderseits auf den Megatrend Robotik. China vereint beide Trends, denn das Riesenreich ist laut ABB schon heute der grösste Robotikmarkt. Für Neueinsteiger halte ich die ABB-Aktie daher für interessant.

Ihnen bringt das nur bedingt etwas – wenigstens aber die Hoffnung, dass sich der Kurs mittelfristig etwas erholen könnte. Kurzfristig erwarte ich bei der ABB aufgrund des noch immer ungelösten Handelsstreits aber weiter starke Kursschwankungen und erhöhte Risiken.

Eine nachhaltige Kurserholung sehe ich erst, wenn die ABB ihre strategischen Hausaufgaben gemacht hat und der Handelsstreit zwischen den Supermächten USA und China beigelegt ist.

3 Kommentare zu «Wie die ABB ihre treuen Anleger frustriert»

  • Christoph Bögli sagt:

    „Ein höchst unbefriedigender Zustand, den wir sonst nur von den beiden Grossbankenaktien CS und UBS kennen.“
    Wirklich? CS und UBS sind zwar die Musterbeispiele, aber ich würde sagen, der SMI hat noch diverse andere faule Eier dieser Kategorie, die z.T. noch schlechter abschneiden als ABB. ABB ist wenigstens über die letzten 10 Jahre gesehen minim im Plus, während diverse andere noch unter dem 2008-Absturz liegen. Julius Baer etwa oder Holcim, welches auch ziemlich fürchterlich abschneidet.

    Gerade wenn man international vergleicht, wie solide in den letzten Jahren vielerorts die Kurse geklettert sind, sehen die SMI-Titel generell recht dürftig aus. Ausser ein paar zentrale Zugpferde hat sich fast alles seitwärts bewegt oder ging gar runter, trotz Hochkonjunktur.

  • Thomas sagt:

    Lieber Fragesteller „S. F.“
    Wie kommen Sie auf den grotesken Gedanken, ganz selbstverständlich anzunehmen, dass sie ohne jede eigene Leistung ihr Kapital durch steigende Kurse vermehren können? Ihr Frust entspringt alleine ihrer Denkweise.
    Es genügt ja wohl, dass sie von der Leistung der guten ABB-Mitarbeiter mittels Dividenden anscheinend jahrelang schmarotzten. Ihr Verhalten nenne ich „Stink Faul.“

  • Leo Klaus sagt:

    Spannend wie dieser Beitrag just an dem Tag erschienen ist an dem ABB tatsaechlich ihre Stromnetzsparte an einer japanischen (ok, nicht einer an chinesischen) Firma verkauft hat!

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