Kurzer Anlagehorizont steigert die Risiken

Nichts für risikoscheue Anleger: Wenn Sie Ihr Altersgeld demnächst brauchen werden, sollten Sie Fonds mit hohem Aktienanteil wegen der damit verbundenen starken Kursschwankungen meiden. Foto: iStock

Ich bin 62 und habe mein Pensionskassengeld mit 60 Jahren ausbezahlt bekommen. Meine Bank, die Raiffeisen, hat mir nun einen Vorschlag ausgearbeitet, um mein Geld besser anzulegen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich damit ein Risiko eingehe, da ich mit diesem Geld mein Alter finanzieren muss. Was soll ich machen? T. G.

Sie gehen erhebliche Risiken ein: Ihre Bank schlägt Ihnen gemäss dem Anlagevorschlag, den Sie mir mitgeschickt haben, vor, dass ein beträchtlicher Teil Ihres Alterskapitals in Indexfonds investiert wird, welche an Aktien gekoppelt sind.

Solche Indexfonds haben den Pluspunkt, dass Sie punkto Gebühren günstig sind und Ihnen die Chance geben, breit diversifiziert an der Entwicklung der Aktienbörsen zu partizipieren. Stark gewichtet wird in dem Anlagevorschlag mit einem Betrag von rund einer Viertel Million Franken der passiv geführte Raiffeisen-Index-Fonds-Pension-Growth. Mit diesem Finanzvehikel wird ein global diversifiziertes Wertschriftendepot abgebildet mit Anlagen in Aktien, Obligationen, Rohstoffen, Immobilien und Liquidität.

In der Vergangenheit wurde damit eine positive Entwicklung erreicht. Allerdings müssen Sie sich bewusst sein, dass dieser Vorsorgefonds einen erhöhten Aktienanteil von 67 Prozent aufweist. Das bietet Ihnen zwar attraktive Renditechancen, gleichzeitig gehen Sie deutlich höhere Risiken ein.

Auch bezogen auf Ihr gesamtes Portfolio enthält der Anlagevorschlag Ihrer Bank einen beträchtlichen Aktienanteil von rund 44 Prozent. Wenn Sie ein attraktives Kapitalwachstum wünschen, ist das sinnvoll, weil konservative Anlagen wie Anleihen oder Geldmarktinstrumente wegen der rekordtiefen Zinsen kaum eine vernünftige Rendite abwerfen.

Ich frage mich aber, ob Sie sich tatsächlich bewusst sind, welche Risiken Sie mit dieser Strategie eingehen, und ob Sie bereit sind, die damit verbundenen starken Kursschwankungen zu tragen. Falls Sie diesen Anlagevorschlag umsetzen, müssen Sie damit rechnen, dass Sie phasenweise auf erheblichen Buchverlusten sitzen, wenn es an den Finanzmärkten bachab geht. Und davon müssen Sie jederzeit ausgehen. Dafür aber haben Sie bessere Renditemöglichkeiten.

Im Klartext: Dieser Fonds eignet sich nur für Anleger mit einer hohen Risikobereitschaft. Haben Sie die?

Wichtig für Ihren Entscheid ist neben der Frage nach Ihrer persönlichen Risikobereitschaft auch der Anlagehorizont. Sie müssen sich Klarheit darüber verschaffen, ab wann Sie auf das investierte Kapital für die Bestreitung Ihres Lebensstandards im Alter zugreifen müssen. Wenn Sie sicher sind, dass Sie das angelegte Geld sicher in den nächsten zehn Jahren noch nicht brauchen, weil Sie noch genügend andere Mittel fürs Alter zur Verfügung haben, können Sie eine Strategie mit einem höheren Aktienanteil und damit auch mit höheren Risiken tragen.

Wenn Sie das Geld aber bereits in drei bis fünf Jahren brauchen, würde ich Ihnen zu einer vorsichtigen Strategie raten. Ansonsten kann es passieren, dass Sie Ihre Wertschriften ausgerechnet dann verkaufen müssen, wenn diese im Zuge eines Crashs im Keller sind.

Und noch ein Hinweis: Sie haben gemäss Ihren Unterlagen liquide Mittel von weit über 200’000 Franken auf Konten bei der gleichen Bank parkiert. Zusätzlich halten Sie gemäss dem Vorschlag eine Anleihe der gleichen Bank sowie ein strukturiertes Produkt, bei der die gleiche Bank als Gegenpartei auftritt. Damit fahren Sie ein Klumpenrisiko.

Falls Ihre Bank in Konkurs gehen würde, was ich natürlich nicht hoffe und auch nicht erwarte, müssten Sie damit rechnen, dass Sie einen Teil Ihres Geldes verlieren. Denn bei einem Bankenzusammenbruch sind nur Einlagen bis maximal 100’000 Franken je Kunde – nicht pro Konto – gesetzlich durch die Einlagensicherung garantiert. Hier rate ich Ihnen, entweder die liquiden Mittel zu reduzieren oder bei den Bankverbindungen zu diversifizieren.

15 Kommentare zu «Kurzer Anlagehorizont steigert die Risiken»

  • RB sagt:

    Es wird niemals ein Vorschlag gemacht, ohne das passende Anlegerprofil mit dem Kunden augearbeitet zu haben. Eine Aktienquote von 44% entspricht der Strategie „Ausgewogen“. Diese Strategie sieht einen Anlagehorizont von 7 Jahren vor, was bei diesem Herren zutrifft. Die Aussage, dass der Kunde ein Klumpenrisiko mit den CHF 200‘000 bei der Raiffeisen hat, ist weit hergeholt. Die Raiffeisenbanken haben einen Notfalltopf, der aufgelöst wird, sobald eine Bank schlecht dasteht. Aus diesen Gründen empfehle ich Ihnen, diesen Vorschlag umzusetzten.
    Freundliche Grüsse

    • Nina Schurter sagt:

      @ RB: Die Raiffeisen hat dem 62-jährigen Kunden den Anlagevorschlag Growth mit einem Aktienanteil von 67% vorgeschlagen, was aufgrund seines Alters und seinem ausdrücklichem Wunsch, dass er mit diesem Geld sein Alter finanzieren muss verantwortungslos und unprofessionll ist. Die ordentliche Pensionierung folgt in 3-Jahren, welche keineswegs dem Anlagehorizont dieses Investments entspricht. Im übrigen sind bei einem Bankenzusammenbruch nur Einlagen bis maximal 100’000 Franken je Kunde – nicht pro Konto – gesetzlich durch die Einlagensicherung garantiert, auch bei der Raiffeisen. Den Anlagevorschlag dürfen Sie keineswegs annehmen.

    • Tom Sivers sagt:

      Anlageprofil hin oder her, entscheidend ist das Alter des Investors und sein ausdrücklicher Wunsch mit diesem Geld sein Alter finanzieren zu müssen, auch wenn dies gewisse Raiffeisen-Jünger nicht wahrhaben wollen. Den Anlagevorschlag dürfen Sie auf keinen Fall annehmen.

  • Paula Salvisberg sagt:

    Einem 62-jährigen einen „Vorsorgefunds“ mit einem Aktienanteil von 67%
    verkaufen zu wollen bestätigt das unprofessionelle und verantwortungslose Verhalten der Raiffeisen. Ich persönlich würde das Finanzinstitut gänzlich wechseln.

  • Fritz Kunz sagt:

    Mehr zur Anlagekompetenz der Raiffeisen, muss man eigentlich nicht mehr sagen.

  • Alain Surlemur sagt:

    Der Anlagevorschlag wäre gut wenn T. G. 20 Jahre jünger wäre oder aber vorhat bis 80 zu arbeiten. Falls er schon (Früh-)pensioniert ist sind 44% Aktienquote bei der gegenwärtigen Börsenbewertung, hmmm, wie sage ich es diplomatisch, „optimistisch“.

    Man stelle sich vor wenn der Aktienmarkt um 50%+ taucht wie er es schon 2007-09 gemacht hat. Dann sind einfach mal 22% oder 44.000.– des Vorsorgevermögens weg.

  • Hermine Schneider sagt:

    Das die Raiffeisen einem 62-jährigen einen Vorsorgefund vorschlägt, sagt schon alles über deren Fachkompetenz aus.
    Ich persönlich würde einen Teil der Gelder in Nestle Aktien mit einer Rendite von gegenwärtig 2.75% investieren und den rest in cash halten.

    • Karl Knapp sagt:

      1. Besser anlegen heisst immer auch besser von der Rolle der Bank aus gesehen, soviel zur Fachkompetenz
      2. Wer nur auf die Dividende schielt, findet problemlos auch noch andere Kandidaten
      3. Buchverluste heissen nicht so, weil man plötzlich weniger Bücher in der Bibliothek hat (auf die man sowieso nicht sitzen kann).

  • Petervwl sagt:

    volkswirtschaftlich gesehen, muss T. G. nur auf Werterhalt achten, und nicht auf Wachstum egal welchen Zinssatzes. Zudem müssen die Anlagen lokal in der Schweiz sein, und nicht in weltweiten Werten. Auch unsere SMI zählen zu den weltweiten, denn es sind Investitionen in reiche Chinesen, in Erdbeben, Lebensmittel, Gesundheit, Kraftwerke rund um den Globus. Sogar Bundesobligationen mit ihrer negativen Verzinsung sind gut, aber ich würde nicht 30jährige nehmen, sondern kürzere. Noch besser wären Autobahn-, S-Bahn- und Schulhaus-Obligationen, aber die gibt es leider nicht.

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