Vollversicherung: Viele KMU müssen umdenken

Neuausrichtung wie ein Donnerschlag: Auch die Axa steigt aus der Vollversicherung in der 2. Säule aus. Für die Versicherten heisst das: Mehr Risiko tragen oder die Pensionskasse wechseln. Foto: Keystone

Ich führe ein KMU, konkret eine Einzelpraxis. Für meine Angestellten habe ich eine BVG-Lösung bei der Axa. Somit sind wir betroffen vom Ausstieg aus der Vollversicherung. Der Versicherungsberater sieht in der Veränderung nur Vorteile, und der Treuhänder hat mit der Schulter gezuckt. Was ist Ihre Meinung? C.N.

Der Ausstieg der Axa aus der Vollversicherung im letzten Frühling war für das Schweizer Vorsorgesystem ein Donnerschlag und zeigt, wie dringend nötig Reformen wären. Politisch sind diese aber sehr schwer durchsetzbar. Die mit dem heutigen System vollzogene Umverteilung von den Jungen zu den Alten ist langfristig fatal. Der mangelnde politische Wille zu Reformen zwingt die Versicherer, ihre Geschäftsmodelle zu überdenken.

Für Sie und Tausende andere KMU hat der Rückzug der Axa aus der Vollversicherung zur Folge, dass sie ihr berufliches Altersparen im Rahmen der 2. Säule neu aufgleisen müssen. Viele Betriebe sind damit überfordert. Im Kern geht es darum, dass nicht mehr die Versicherung, sondern Sie und Ihre Mitarbeitenden mit deren Vorsorgestiftung das Anlagerisiko tragen. Bis jetzt ist das Sache der Versicherung gewesen. Sie hat alles garantiert.

Bei einer teilautonomen Lösung ist das nicht mehr der Fall. Hier müssen die Kunden das Anlagerisiko selbst übernehmen. Bestehende Vollversicherungen sollen dabei per 2019 in drei teilautonome Sammelstiftungen transferiert werden, wobei es um viel Kapital geht. Denn den Stiftungen sollen Anlagen im Wert von 31 Milliarden Franken übergeben werden, wobei sie dank Bewertungsreserven mit einem Deckungsgrad von 111 Prozent starten, was recht komfortabel ist.

Wenn es an den Finanzmärkten aufwärtsgeht, ist das alles kein Problem. Sollte es aber an den Märkten über längere Zeit bachab gehen, würde dies im Alterskapital Ihrer Mitarbeitenden negative Spuren hinterlassen.

Persönlich bin ich überzeugt, dass der Trend in der Vorsorge generell in die Richtung geht, dass die Versicherten künftig mehr Anlagerisiken mittragen müssen, so, wie man dies auch privat macht, wenn man in der freiwilligen Säule 3a etwa Vorsorgefonds hält. Die Vollversicherung hingegen ist mit einer konservativen Säule-3a-Police oder einem Säule-3a-Konto vergleichbar ganz ohne Fonds, mit hoher Sicherheit, dafür aber mit weniger Rendite.

Ein Pluspunkt der teilautonomen Lösung, wie Sie Ihnen künftig Ihre Versicherung anbietet, ist, dass die Kosten sinken und die Risikoprämien abnehmen. Es ist eine Grundsatzfrage: Wollen Sie, dass Ihre Mitarbeitenden im Rahmen der 2. Säule das Anlagerisiko mittragen und dafür mehr Renditechancen haben, oder wünschen Sie weiterhin eine Garantie, allerdings mit mickrigen Renditen.

Wenn Sie weiterhin eine Vollversicherung möchten, ist dies auch künftig möglich – aber nicht mehr bei der Axa und übrigens auch nicht bei der Zürich, die schon vor Jahren aus der Vollversicherung ausgestiegen ist. Dafür bei anderen Konkurrenten wie der Helvetia, der Swiss Life, Allianz oder der Bâloise. In diesem Fall rate ich Ihnen, so bald wie möglich eine Offerte von diesen Konkurrenten einzuholen.

Diese Versicherungen bieten nach wie vor Vollversicherungen für KMU in der 2. Säule an, allerdings nehmen Sie je nach Risikostruktur längst nicht alle potenziellen Kunden auf. Darum ist es wichtig, dass Sie rasch reagieren und konkret prüfen, welche Optionen Sie mit Ihrem Betrieb haben.

15 Kommentare zu «Vollversicherung: Viele KMU müssen umdenken»

  • M. Vetterli sagt:

    Ein Wechsel innerhalb der AXA zu einer teilauton.Lösung ist sinnvoll. Der angebotene Startdeckungsgrad von 111% ist attraktiv.
    Die risikoarme Anlagepolitik der Versicherer kann künftig etwas gelockert werden.
    Zusätzlich kommt das Versichertenkollektiv in den Genuss des Gewinns von bis zu 10% (Mindestquote) der Erträge. 2016 +2017 konnte AXA 9% zugunsten der Eigentümer verbuchen. Künftig kann dieser Gewinn, mehr oder weniger vollumfänglich, dem Versichertenkollektiv der teilauton.Vorsorgeeinrichtung gutgeschrieben werden.
    Nicht nur für AXA-Kunden macht ein Wechsel zu einer teilauton.Lösung Sinn.
    Die Gewinne zugunsten der Versicherungsbranche beliefen sich, ausser 2008, auf jeweils über 7% der Erträge.
    Lassen Sie sich von ihrer Versicherung den Bonus (Startdeckungsgrad) bekanntgeben

    • Tamara Rizutto sagt:

      Die erwartete Anlagerendite würde von bis anhin 1,5 bis 2% auf 2,5 bis 3% per annum steigen. Zwangsläufig müssten grössere Wertschwankungen in Kauf genommen werden; eine temporäre Unterdeckung ist nie ganz auszuschliessen.

    • Anna Maier sagt:

      Das gilt allerdings nur unter der Voraussetzung, dass wir nicht schon bald wieder einen Börseneinbruch wie 2008 erleben werden.

      • M. Vetterli sagt:

        @Anna Maier:
        Jaja… das Leben ist nicht ohne Risiko…
        Uebrigens.. die 9% gem. Mindestquotenrechnung z.G.Versicherer entfällt nicht restlos. Der Versicherer wird zwar nicht mehr am Anlageerfolg partizipieren. Aber er wird natürlich ein Entgelt fürs Asset-Management fordern.
        Auch zum Risikoprozess wird eine Marge eingefordert werden. Hier soll die Prämienlast für das Versichertenkollektiv ja abnehmen. Allerdings wurde bis anhin (Vollversicherung) mittels dieser Prämien eine Quersubventionierung zum hohen UWS (z.B. Pensionierungsverluste) getätigt. Da die Risiken der Neurenten künftig bei der Stiftung liegen, müssen diese Subventionierungskosten wohl vom Anlageerfolg “abgebucht” werden.
        Die tieferen Risikoprämien ergeben somit ein etwas durchzogenes Bild.

    • Mischa Kolov sagt:

      Gewinner sind nur die AXA selbst und deren Aktionäre. Der Versicherte sieht vom Gewinn definitiv nichts.

  • Tom Sivers sagt:

    Wer von der Axa wegzieht, nimmt das Freizügigkeitskapital mit, jedoch ohne Reserven. Das wirkt wie eine goldene Fessel, ist aber leider geltendes Gesetz.

    • M. Vetterli sagt:

      Ja Hr. Sivers

      Ihre Bezeichnung “goldene Fessel” ist sehr treffend…
      ein vergessen geglaubter Ausdruck…
      aber auch die “normale” FZL des Versicherten wird ohne Reserven aber natürlich auch ohne Unterdeckung weitergegeben…

  • Thomas sagt:

    Einmal mehr wird hier deutlich, dass die zweite Säule zu sehr von den unsäglichen Wirren des Casinogewerbes abhängt. Zudem ziehen die schädlichen Geldberge, die irgendwie angelegt werden wollen, die schmarotzenden Fliegen (Versicherungen, Banken, Vermögensverwalter inkl. deren Dividendenbezüger) wie ein Kuhfladen an.
    Eine obligatorische Altervorsorge auf derartigem Fundament kann und darf nicht sein – also: Die obligatorische zweite Säule kontrolliert und anständig innerhalb einer langen Übergangsfrist abschaffen und die AHV modifizieren und stärken.

    • M. Vetterli sagt:

      Hr.Thomas
      Die 1.Säule ist in einer Sackgasse angekommen. Das Umlageverfahren ist bei heutiger demografischer Lage nur noch mit schrumpfenden Leistungen generationengerecht zu führen. Dies wird sich während den nächsten 3-4 Jahrzehnten nicht ändern.
      Das 3-Säulensystem ist gut. Die 1.Säule muss natürlich weiterhin gepflegt werden. Sie wird an Bedeutung wohl verlieren. Es sei denn, wir sind bereit, die haarsträubenden Fehler der Vergangenheit diesbezüglich mittels Geldmittel der nächsten Generation aufzubürden. Eine solche Lösung müsste man in hohem Masse als asozial bezeichnen. Die Verweigerung der Anhebung des Referenzalters ist gegenüber den Jungen in unserer Gesellschaft eigentlich eine Frechheit. Es ist dies, neben der Immigration, das einzige Mittel die Demografie etwas anzupassen.

      • Thomas sagt:

        Aber auch die 2. Säule verliert. Die einst als Ziel definierten 60% des letzten Lohns schafft AHV und BVG nicht mehr.

      • Thomas sagt:

        An M. Vetterli und den „anderen Thomas“:
        Das Umlageverfahren ist im Gegensatz zu den offensichtlich nicht mehr funktionierenden Kapitalbildungsverfahren keineswegs in einer Sackgasse. Die lavierenden bürgerlichen Politiker werden sich über kurz oder lang zur AHV bekennen müssen, wenn sie ihre Wähler nicht vor den Kopf stossen wollen. Möglichkeiten zur Stärkung des Umlageverfahrens sind auch ohne unangemessene Belastung der Jungen haufenweise vorhanden, es braucht nur den politischen Willen und die entsprechende Wählerschaft.

      • M. Vetterli sagt:

        Grüezi Hr. Thomas
        Ich bin ein Anhänger des 3-Säulen-Systems. Das auf der Demografie basierende Umlageverfahren der AHV ist in der heutigen Lage nicht mehr haltbar. Ohne massive Umverteilungen zu den folgenden Generationen müssten die Leistungen nun an die Einnahmen angepasst werden.
        Ich bin für alle 3 Säulen zu haben. Bei Ihnen scheint es sich um eine Glaubensfrage zu handeln.
        Die AHV war bezüglich Finanzierung nie durchdacht (nachhaltig) aufgestellt. Dies war zu Beginn auch nicht sonderlich wichtig. Aber seit 40 Jahren wissen wir, dass das permanente Wachstum, welches für die gegenwärtige AHV unabdingbar ist, nicht in alle Zeiten weiter geht. Heutige untragbare Konstellation war vorhersehbar. Reagiert wurde nie. Bis heute konnte nicht mal das Referenzalter angehoben werden.

      • Thomas sagt:

        Hallo Herr Vetterli
        Ich glaube tatsächlich in erster Linie an das effiziente und kostengünstige Umlageverfahren (AHV). Mit wenigen Innovationen könnten die aktuellen, aber langfristig vorübergehenden Finanzierungsprobleme gelöst werden.
        Aber jene, welche einmalige soziale Errungenschaften schlechtreden und an die Wand fahren und lieber von den weltweit schädlichen Geldbergen der 2. und 3. Säule weiterhin risikolos profitieren, aber keine Leistungen mehr bieten wollen, sehen das natürlich anders.
        Das BVG hat m. E. versagt, anders kann der leider nur halbbatzige Ausstieg der AXA gar nicht erklärt werden.

      • M. Vetterli sagt:

        Hr.Thomas
        Sie müssen die Demografie ins Zentrum stellen. Die AHV ist nun in der für sie schlechtesten aller Zeiten angekommen.
        Die sozialen Errungenschaften der Vergangenheit sind bei heutiger Konstellation eben an ihre Grenzen angelangt. Dies ist auch keine Ueberraschung.
        Die AHV war nie nachhaltig finanziert. Bis heute hat kein lebender Altersjahrgang seine eigenen gesetzlich garantierten Leistungen in Form von Beiträgen und Steuern jemals einbezahlt oder wird einzahlen können.
        Mit Stand heute finanzieren 3,4 Erwerbstätige einen Rentner. Dies führt zu einem Umlageverlust von jährlich 1 Mrd. Zu jedem Neurentner, welcher zu einem Anstieg der Gesamtrentnerzahl beiträgt, müssten 3,5 Erwerbstätige hinzustossen, damit der jährliche Umlageverlust nicht weiter ansteigt.

  • Thomas sagt:

    Die AHV ist sehr gut durchdacht und ist trotz momentaner demografischer Unbill die Zukunft. Die CH kann ihre Stabilität und den Wohlstand nur mit der sorgfältigen Pflege der sozialen Errungenschaften behalten. Oder haben Sie lieber wenige Oligarchen und viele Mittellose?

    Es ist schlicht pervers (!) und nicht mit liberalem Denken vereinbar, obligatorische BVG-Beiträge an Versicherungsgesellschaften mit einem gesetzlich garantierten Gewinnanspruch (!) zahlen zu müssen, die anscheinend weiterhin risiko- und leistunglos von den den angesparten Altersguthaben schmarotzen wollen.
    Die AXA sollte wenn schon konsequent sein und komplett aus dem BVG-Geschäft aussteigen.

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