Wenn der Wert des Geldes dahinschmilzt

Inflation in Venezuela: Geld wird nicht mehr gezählt, sondern gewogen. Foto: Getty

Inflation in Venezuela: Geld wird nicht mehr gezählt, sondern gewogen. Foto: Getty

Warum wird zurzeit von zentralen Finanz- und Wirtschaftsakteuren wie EZB und Fed eine höhere Inflationsrate angestrebt? Wir haben doch jahrelang gelernt, Inflation, das heisst Teuerung, sei ein Übel. F. G.

Vielen älteren Leuten geht es ähnlich wie Ihnen: Man hat den Eindruck, in einer anderen wirtschaftlichen Welt zu leben. Denn tatsächlich galt Inflation lange als ein Übel, das mit allen Mitteln bekämpft werden muss. Entsprechend hat die Schweizerische Nationalbank laut Verfassung und Gesetz den Auftrag, die Preisstabilität hierzulande sicherzustellen, da Preisstabilität für das Wachstum und den Wohlstand unseres Landes sehr wichtig ist. Die Nationalbank kommt selbst zum Schluss: «Inflation und Deflation beeinträchtigen die Entwicklung der Wirtschaft. Sie behindern die Funktion der Preise, Arbeit und Kapital zu einer möglichst produktiven Verwendung zu lenken, und führen zu Umverteilungen von Einkommen und Vermögen. Die Nationalbank setzt Preisstabilität mit einem Anstieg der Konsumentenpreise von weniger als 2 Prozent pro Jahr gleich.»

In der Praxis ist es allerdings so, dass viele junge Menschen fast nicht mehr wissen, was Inflation bedeutet. Sie sind mit laufend sinkenden Preisen aufgewachsen. Nach den dramatischen Verwerfungen im Zuge der Finanzkrise vor bald zehn Jahren kam es in vielen Ländern zu einer wirtschaftlichen Abkühlung. Die Notenbanken fürchteten sich gar davor, dass die Wirtschaft in den USA und vor allem in Europa in eine Deflation abgleiten könnte – dass also das Wirtschaftswachstum negativ wäre, die Preise laufend sinken und die Konsumenten trotzdem nicht kaufen.

Geldpolitische Normalisierung möglich?

Angesichts dieser Ängste hatten die grossen Notenbanken die Zinsen auf praktisch null gesenkt und teilweise sogar wie bei uns in der Schweiz Negativzinsen eingeführt. Damit sollte die Wirtschaft angekurbelt werden und das Geld in die Unternehmen und den Konsum fliessen. Weil dies nicht reichte, hatten die Notenbanken die Finanzmärkte noch mehr mit Geld geflutet. Seit Jahren kaufen die Notenbanken für hohe Milliardensummen Wertpapiere auf und drucken faktisch Geld.

Im Rahmen der wirtschaftlichen Erholung in Europa und den USA hoffen die Notenbanker nun darauf, dass die Teuerung anzieht und sie eine Normalisierung der Geldpolitik vollziehen können – sprich: dass die Zinsen angehoben werden können. In den USA ist dies bereits im Gang. In Europa dürfte diese Normalisierung der Geldpolitik langsamer erfolgen, und die Zinsen dürften wohl noch einige Zeit tief bleiben.

Die grosse Frage ist, ob diese Normalisierung der Geldpolitik wirklich so problemlos möglich sein wird. Hier sehe ich Gefahren. Jedenfalls gibt es kaum Erfahrungen, wie nach Jahren sinkender Zinsen und Preise – insbesondere nach Negativzinsen – ein problemloser Übergang zu wieder steigenden Zinsen gewährleistet ist. Die Negativzinsen, welche den Franken schwächen sollen, sind ein heikles Experiment, bei dem noch keineswegs sicher ist, dass es gelingt. Manchmal habe ich den Eindruck, dass viele Leute glauben, dass es künftig gar keine richtige Inflation mehr geben wird. Ich halte diesen Glauben für einen Irrtum.

Es gilt, wachsam zu sein

Auch wenn es vielleicht noch etwas länger geht, kann die Inflation plötzlich wieder ein Thema werden und die Teuerung dann stärker anziehen, als es den meisten lieb ist. Jene, die sich jetzt immer mehr Inflation wünschen, sollten sich vor Augen halten, was Inflation konkret bedeutet: nämlich eine Geldentwertung – das mühsam Ersparte hat weniger Wert. Mit seinem Sparbatzen kann man weniger kaufen. Wenn man sich dies bewusst ist, wünscht man sich definitiv keine stärkere Teuerung herbei.

Wie gefährlich eine Inflation für die Wirtschaft sein kann, haben wir hierzulande stark in den 70er-Jahren, aber auch in den 80er- und 90er-Jahren erlebt. Doch auch heute gibt es Länder mit einer hohen Inflation. Anschauungsunterricht für eine schlimme Inflation bietet aktuell Venezuela mit einer Inflationsrate von 1000 Prozent, was den Niedergang des Landes bedeutet.

Eine leichte Inflation ist für die Notenbanken die Voraussetzung, dass sie die Zinsen langsam anheben. Wir sollten aber nicht den Fehler machen, die Inflation zu unterschätzen. Vielmehr gilt es auch bei uns, wachsam zu sein und die Voraussetzungen zu treffen, dass aus der bescheidenen Inflation nicht doch plötzlich ausgerechnet dann, wenn es niemand mehr erwartet, eine stärkere Teuerung wird, die unserer Wirtschaft und unserem Wohlstand schadet.