Gesundheitscheck für Ihr Vermögen

vermögen: Immer die Entwicklung im Auge behalten. Foto: Getty

Vermögen: Immer die Entwicklung im Auge behalten. Foto: Getty

Mit dem Ziel einer ausgewogenen und sinnvollen Anlagelösung erwäge ich, einen Portfolio-Check durch eine neutrale, fachkundige Person durchführen zu lassen. Es handelt sich hierbei um durchaus namhafte Vermögenswerte. Worauf muss ich achten? A.R.

Mit dem Vermögen verhält es sich ähnlich wie bei der Gesundheit: Man muss zu beidem viel Sorge tragen, auf negative Symptome genau achten und die Entwicklung gut im Auge behalten. Und wie bei der gesundheitlichen Verfassung, welche man mit steigendem Alter von Zeit zu Zeit ärztlich prüfen lassen sollte, ist es auch beim Portfolio ratsam, dieses in regelmässigen Abständen von Fachleuten beurteilen zu lassen. Dabei ist es in der Tat wichtig, dass man sich auf eine unabhängige Einschätzung verlassen kann.

Leider gibt es im Vermögensmanagement der Banken beträchtliche Unterschiede: Viele empfehlen den Kundinnen und Kunden oft und gerne die eigenen Produkte, an denen sie – welch Zufall – am meisten verdienen. Erst recht zu beobachten ist dies häufig bei Vermögensverwaltungsmandaten. Längst nicht immer wirkt sich dies auf die Depot-Performance vorteilhaft aus – ganz sicher nicht punkto Gebühren. In Ihrem Fall ist es so, dass Sie Ihre Depots, welche Sie mir schriftlich zugestellt haben, bei zwei Banken unterhalten, aber kein Verwaltungsmandat erteilt haben.

Einen Depot-Check können Sie bei den meisten Instituten erstellen lassen. Sinnvollerweise würde ich dafür ein Konkurrenzinstitut zu Ihren heutigen Banken wählen. Das bedeutet nicht, dass Sie dann zwangsläufig die Bank wechseln müssen. Sie erhalten aber eine von Ihrer heutigen Bank unabhängige Einschätzung und können Anpassungen vornehmen.

Ihrem Wunsch gemäss habe ich einen Blick auf Ihr Depot geworfen, wobei ich Ihnen anders als eine Bank keine detaillierte Depotanalyse erstellen kann. Bei der Durchsicht Ihrer zwei in der Tat umfangreichen Depots fallen mir auf den ersten Blick drei Dinge auf: Erstens zahlen Sie meines Erachtens hohe Gebühren, zweitens verfügen Sie über eine hohe Aktienquote von je über 50 Prozent, und drittens ist Ihre Liquidität ebenfalls hoch. Gerne möchte ich die einzelnen Aspekte vertiefen.

Zunächst zu den Gebühren. Ich stufe die Höhe der Ihnen im ersten und zweiten Quartal dieses Jahres verrechneten Gebühren als hoch ein. Natürlich müssen diese in Relation zum Gesamtdepot betrachtet werden. Hier würde ich mit der Bank das Gespräch suchen und eine Ermässigung oder Pauschale aushandeln. Sie sind für die Bank ein erstklassiger Kunde. Darum erwarte ich, dass man Ihnen bei den Gebühren nochmals entgegenkommt. Auch da würde es sich lohnen, von anderen Instituten Vergleichswerte einzuholen, da die Gebühren Ihre Rendite schmälern.

Sie schreiben mir, dass Sie eine ausgewogene Anlagelösung anstreben: Dabei fällt auf, dass Sie eine gute Diversifikation nach Währungen und Regionen aufweisen. Deutlich geringer ist die Diversifikation aber punkto Anlageklassen. Neben der Aktienquote von klar über 50 Prozent verfügen Sie über eine Obligationenquote von klar unter 10 Prozent und gewichten andere Anlageklassen wie Rohstoffe oder alternative Anlagen nur in sehr geringem Umfang. Hier fahren Sie eindeutig ein beträchtliches Klumpenrisiko. Ihre Risikotoleranz dürfte nicht nur mittel sein, sondern müsste vor diesem Hintergrund überdurchschnittlich sein. Wenn es an den Aktienmärkten zu einem Rückschlag kommt, was jederzeit möglich ist, schlägt dies brutal in Ihrem Depot durch. Sie müssen Sie somit nochmals genau überlegen, ob Sie die mit der hohen Aktienquote verbundenen massiven Schwankungsrisiken wirklich tragen möchten. Falls dies für Sie klar gegeben ist, können Sie die Aktienquote hoch lassen im Wissen um die Risiken. Dafür können Sie die deutlich attraktiveren Wachstumschancen der Aktien für Ihr Kapital nutzen.

Da Sie zusätzlich zu den zwei Depots noch Immobilien besitzen, wie Sie mir erklärt haben, relativiert sich Ihr Klumpenrisiko bei den Aktien etwas. Dies stufe ich als konservative Absicherung und Ersatz für den vergleichsweise geringen Obligationenanteil ein.

Kritisch aufgefallen ist mir ferner, dass Sie verschiedene Obligationenfonds im High-Yield-Segment besitzen. Dies ist zinsmässig interessant, aber ebenfalls riskant. Ohne die Berücksichtigung Ihres Immobilienbestandes wäre Ihre Diversifikation Ihres Depots eindeutig ungenügend.

Vor diesem Hintergrund betrachte ich auch den dritten Aspekt, der mir aufgefallen ist: Ihre beträchtliche Liquidität. Die Quote von über einem Drittel in einem Depot ist viel zu hoch. Auch die Liquidität ist zwar eine gute Absicherung für den Aktienbestand und die High-Yield-Anleihen-Produkte. Doch faktisch liegt bei Ihnen eine hohe Summe einfach brach. Wenn Sie dieses Geld nicht in naher Zukunft brauchen, sollten Sie dieses wenigstens teilweise investieren. Selbst mit sicheren Franken-Unternehmensanleihen würden Sie noch mehr gewinnen, als wenn Sie das Geld einfach auf dem Konto liegen lassen, wo Sie gar nichts bekommen.

Dazu kommt ein heikler Aspekt: Eine hohe Liquidität beinhaltet ein zusätzliches Risiko, da nur maximal 100’000 Franken je Kunde im Rahmen der gesetzlichen Einlagensicherung garantiert sind. Sollte eine Ihrer Banken zusammenbrechen – was ich zwar nicht erwarte, aber nie hundert Prozent ausgeschlossen werden darf –, wäre ein beträchtlicher Teil Ihres Geld gefährdet. Hier rate ich Ihnen dringend, entweder das Geld in Wertschriften zu investieren, da diese auch bei einem Bankenkonkurs immer in Ihrem Besitz bleiben, oder aber wenigstens die Liquidität auf mehrere Banken zu verteilen oder für die Platzierung der liquiden Mittel eine Kantonalbank mit voller Staatsgarantie zu nutzen.

Dazu kommt, dass Sie angesichts der Negativzinsen der Nationalbank damit rechnen müssen, dass Ihnen auf Ihren hohen liquiden Mitteln Negativzinsen belastet werden. Sie würden somit bestraft.

Noch ein Wort zu Ihren Aktien: Hier verfügen Sie an sich über eine gute internationale Diversifikation. Ich frage mich aber, warum Sie fast keine Einzeltitel von kleineren und mittleren Schweizer Qualitätsunternehmen im Depot haben, welche sich seit Jahren durch kontinuierliches Wachstum und trotzdem durch eine stetige und hohe Dividendenrendite von bis zu fünf Prozent auszeichnen. Hier sehe ich in Ihrem Portfolio noch Bedarf, obwohl Sie die Aktienquote nicht noch weiter erhöhen sollten. Auch würde ich im Segment Schweizer Aktien generell noch besser diversifizieren. Prüfen würde ich auch, ob Sie einige Segmente nicht nur durch kostengünstige Exchange Traded Funds abdecken möchten, welche eine breite Diversifikation zu geringen Gebühren ermöglichen.

Dies alles sind einige Aspekte, die mir aufgefallen sind, ausdrücklich ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Über meine Eindrücke hinaus empfehle ich Ihnen, die beiden Depots im Detail von je einem Konkurrenzinstitut analysieren zu lassen und sich Optimierungsmöglichkeiten aufzeigen zu lassen.

Um auf das anfangs erwähnte Bild mit dem Gesundheits-Check zurückzukommen, würde ich zusammenfassen: Ihr Depot entwickelt sich angesichts der heiteren Börsenentwicklung positiv, ich sehe aber einige Risikofaktoren und Optimierungschancen, die Sie meines Erachtens mit einer anderen Bank im Detail abklären sollten.

5 Kommentare zu «Gesundheitscheck für Ihr Vermögen»

  • Oreg Meyer sagt:

    Lehrreiche Analyse, die auch Fragen aufwirft.
    Warum sollte ein Privatanleger jemals Einzelaktien halten? Das ist das maximale Risiko, eine saubere Analyse und ständige Überwachung sind unrealistisch und die Wahrscheinlichkeit, langfristig einen Index-ETF zu schlagen, geht gegen Null.
    Der Anlagehorizont blieb unberücksichtigt, obwohl er doch entscheidend ist für die Aktienquote. Mit einem Horizont von mehreren Jahrzehnten ist ein Aktienanteil von weit über 50% doch kein Problem?
    Korrelieren Aktien und Unternehmensanleihen nicht? Sollte der gesamte Aktienmarkt einbrechen, steigt doch auch das Ausfallrisiko?

  • Till sagt:

    „Warum sollte ein Privatanleger jemals Einzelaktien halten?“ Stimmrechte (meist nur in der Schweiz sinnvoll ausübbar). Volle Dividenden (bei ETFs gut auf die Konditionen schauen). Kein Tracking-Error. Geringere Risiken (insb. bei synthetischen ETFs und ETFs welche die vorhandenen Titel ausleihen).

    • Oreg Meyer sagt:

      Danke für die Vorschläge. Aber:
      Welchen Nutzen soll ein einzelner Privatanleger von Stimmrechten haben?
      Wie kommen Sie darauf, dass ETFs nicht die vollen Dividenden ausschütten?
      Tracking-Errors sind i.A. minimal, solange man die Finger von exotischen Indizes lässt.
      Die Risiken sind in der Tat auch bei ETFs nicht null, lassen sich aber minimieren, indem man z.B. physische ETFs kauft. In jedem Fall sind sie wesentlich geringer als bei Einzelaktien.

      • Eulenspiegel sagt:

        Vielfach gehen bei Fonds Quellensteuern auf die Dividenden verloren (besonders wenn das Fondsdomizil sich von Domizil der darin enthaltenen Aktien unterscheidet); das kann durchaus zwischen 0.5% und 1.0% pro Jahr ausmachen! Bei Direktanlagen in Aktien kann man je nach DBA einen Teil oder alles zurückfordern.

  • Roland Kull sagt:

    Depotcheck – immer gut. Nur, ob es die Konkurrenzbank sein soll ist fraglich. Es gibt mittlerweile viele „unabhängige“ private Berater, welche dies aufgrund der jahrelangen Praxis gut übernehmen können. Klar, auch hier der Hintergedanke das Mandat zu übernehmen, jedoch u.U. auch mit der Hausbank zu verhandeln. Denn, die andere Bank wird oftmals die bestehende Asset Allocation zerpflücken und wird meist Gründe finden einen teuren Banken Wechsel anzustreben. Es ist richtig, hochverzinsliche Bonds sind risikoreich, wenn man das weiss und diese wie Aktien verfolgt, kein Problem. Zudem, gibt es Banken welche Fonds u.a. sog. Best of Best anbieten, das sind Fonds von Drittanbietern welche von den Banken minutiös verfolgt und laufend von Fachspezialisten beurteilt werden.

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