Hochs und Tiefs über Bern

Mitte März eröffnete auf dem Gurten das A-la-carte-Restaurant neu als Restaurant Gurtners in renovierten Räumen. Obwohl der Gurten fest in Migros-Hand ist und von deren Kulturprozent unterstützt wird, liegt nichts ferner als ein Gedanke an ein Migros-Restaurant.

Die stilvoll eingerichteten Räume sind in warmen Braun- und Grautönen gehalten, das Licht so gedimmt, dass die Gäste am Abend nicht bloss ihr Spiegelbild sehen, sondern ihnen die Stadt zu Füssen liegt. Es ist eine spektakuläre Aussicht, zumal als Lichtermeer betrachtet Bern und Umgebung wie eine Grossstadt aussehen.

Leider war beim Besuch der Besseresser bei Gurtners nicht alles gleich gelungen – wobei zuerst alles gut ging. Inspiriert von der Aufschnittmaschine im Eingang, auf der ein ganzer Rohschinken lag, fragten wir nach der Möglichkeit eines Schinkentellers zum Auftakt. Daraus wurde ein Apéroplättli mit drei Käse- und drei Fleischsorten (16 Fr.).

Um das Plättli zu arrangieren, empfing uns der Koch bei der Vi­trine, wo er uns seine Schätze erläuterte. Auch sein Gruss aus der Küche, der auf das Plättli folgte, hätte in jedem Gourmetrestaurant serviert werden können: eine schön dekorierte Tranche von der Ente, bestreut mit hausgemachtem Olivenölpulver. Salz und Pfeffer standen ebenso auf dem Tisch wie ein mit Blümchen dekorierter Buttermocken und ein Schälchen mit Balsamico versetzten Olivenöls.

 

Beim Brot braute sich über unserem Gurten-Besuch dann das erste Tief zusammen. Weil unser Kontingent wohl mit dem Apéroplättli aufgebraucht war, reichte es bei den Vorspeisen nicht mehr rechtzeitig für Nachschub. Man müsse das Brot erst noch aufbacken, wurde uns beschieden. Bei den Speisen gab es aber weiterhin nichts auszusetzen: eine solide Salatschüssel (12 Fr.), vor allem aber ein attraktiver Spargelgarten (16 Fr.) mit Spargeln in fast jedem Aggregatszustand zwischen knackigen Gemüsestreifen und weichem Mousse.

Abstriche mussten wir danach erneut beim Service machen – was umso bedauerlicher war, als die drei Personen, die sich um die vier besetzten Zweiertische kümmerten, sehr nett waren. Der hauseigene Rotwein, den man uns lange vor dem Hauptgang zeigen wollte, wurde erst serviert, als wir Letzteren längst begonnen hatten. Wunderbar zart war die 24 Stunden niedergegarte Rindsrippe (42 Fr.), serviert mit Kartoffelstock, Rüebli, einer dezenten Sauce und einem weissen Schäumchen. Einzige leise Kritik am Essen während des Abends: Das Fleisch hätten wir uns ein paar Grad wärmer gewünscht. Gar nichts zu kritisieren gabs beim zweiten Hauptgang, einem Dreierlei vom Kalb (54 Fr.), bei dem die Milken als besonders raffiniert herausstachen. Dazu gabs auf den Punkt gekochte Kartoffeln und Kohlrabi.

Obwohl wir kulinarisch einen Abend voller Hochs hinter uns hatten, war der Abgang traurig. Nachdem wir – kurz nach 22 Uhr – als Letzte bezahlt hatten, stand niemand mehr bereit, um uns zu verabschieden. So riefen wir «Tschüss» in Richtung der hin­teren Räume und machten uns an den Abstieg.
Restaurant Gurtners, Gurten-Park im Grünen, Wabern, 031 970 33 23, Mo bis Sa 11.30–14 und 18–23 Uhr , So 11.30–17 Uhr.

Quittung: 

Auf dem Tisch: Sehr kleine, aber attraktive Karte. Als Spezialität wird Kalbsvoressen angepriesen.

Abgerechnet: Nicht günstig; die spektakuläre Aussicht rechtfertigt aber einen Aufpreis.

Aufgefallen: Ein schöner Ort: bis ins letzte Detail durchgestylt und dennoch mit Herz.

Abgefallen: Im Service können die Abläufe noch optimiert werden.

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