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Das Klassiker-Zitat als Waffe

Constantin Seibt am Freitag den 22. Juni 2012

Das klassische Zitat gilt als harmlos. Es war das Lieblingsinstrument des Bildungsbürgertums. Dort wurde es meist benutzt wie das Buttermesser: in festlichen Stunden, bei Treffen gehobener Kreise, als elegantes Accessoire, nach Feierabend.

Heute ist das Bildungsbürgertum so gut wie ausgestorben. Und das Buttermesser rostig geworden. Aber dadurch ist es plötzlich in neuer Funktion brauchbar: als schartige Waffe.

In der Tat gibt es kein zweckmässigeres Mittel für den publizistischen Nahkampf als das einst so gemütliche Klassikerzitat.

(Dies ist Teil III der Serie zu Zitaten. Neuleser finden hier das Wichtigste zum Einbau von besonders brillanten oder besonders scheusslichen Zitaten; hier die Tipps zum Finden von amüsanten Zitaten für trockene Themen.)

Verwenden lässt sich das klassische Zitat wie folgt:

1. Das Motto: Ein Zitat als Kriegserklärung an das Genre

Ein Motto ist eine ehrwürdige Sache bei Romanen, Essays und Doktorarbeiten. Im Journalismus hingegen ist es eine kleine Kriegserklärung an alle Nachbarartikel. Es sagt: Leser, sieh her, hier folgt kein 08/15-Text. Sondern einer, der sich mit Romanen, Doktorarbeiten, Essays messen kann – ein Text mit eigenen Regeln.

Ein Motto vor Wegwerftexten ist also eine ehrgeizige Frechheit. Kein Wunder, steht ein Motto fast nur vor Artikeln junger Journalisten. Und fast nie bei routinierten.

Brauchbar für ein Motto sind Zitate in Deutsch, aber – wenn schon arrogant, dann richtig! – auch in Fremdsprachen. Und als Autor taugt jeder: Literaturklassiker, Songzeilen, mündliche Äusserungen von Passanten. Die einzige Bedingung ist: Ein wenig bedrohlich sollte es klingen. Wenn man schon seinen Kopf aus dem Fenster hält, dann richtig.

Brauchbare Mottos wären etwa:

I’m a warchild – and that’s the difference between you an me. Blondie

(brauchbar vor jedem zweiten Artikel über Generationenfragen)

In the long run, we’re all dead. Keynes

(brauchbar vor jedem zweiten Artikel über die Eurokrise)

Es gibt nur eine radikale Nachricht – und die ist immer dieselbe: der Tod. Walter Benjamin

(brauchbar vor jedem zweiten Artikel über Medien)

Das einzige Problem beim Einsatz eines Mottos ist: Danach muss man Wort halten. Und darf alles, nur keinen Routinetext liefern.

2. Das Zitat als Defensivwaffe

Kühnheit in etablierten Medien hat einen gravierenden dramaturgischen Nachteil: Sie überrascht das Publikum. Sie verblüfft, verwirrt, erschreckt, begeistert oder ärgert. All das killt das Nachdenken.

Das heisst: Nach einer Kühnheit hat man zwar volle Aufmerksamkeit, aber keine Ruhe im Saal. Will man jedoch nicht Verblüffung oder Ärger verbreiten, sondern konzentriert Argumente bringen, empfiehlt sich, die Kühnheit in das Kleid des Vertrauten zu wickeln: ins klassische Zitat.

Hier ein aktuelles Beispiel: ein kühner, doch klarer Kommentar über die verpasste Regulierung der Schweizer Grossbanken. Sein Autor ist Mark Dittli, Chefredaktor von «Finanz und Wirtschaft». Eine Zeitung, so wirtschaftsnah wie die «NZZ». Aber weniger zahm gegenüber Publikum und Inserenten. Denn im Grunde beginnt Dittli seinen Artikel mit der Behauptung, dass die heutige, konstant freundliche Politik gegenüber den Banken ein Irrsinn ist.

Nur tut er es nicht nackt. Sondern er heuert eine Autorität an:

Das Gleiche wieder und wieder zu tun und davon unterschiedliche Resultate zu erhoffen. Das, so soll Albert Einstein gesagt haben, ist die beste Definition für Irrsinn. Gemessen an dieser Beschreibung ist der Umgang der Politik mit systemrelevanten Grossbanken irrsinnig.

Mit diesem Einstieg hat Dittli drei Vorteile auf seiner Seite: 1. Er stösst den bankennahen Teil seines Publikums nicht direkt vor den Kopf. 2. Er profitiert von der Autorität Einsteins (obwohl Einstein eigentlich wenig mit Banking zu tun hat und sogar die Echtheit des Zitats unsicher ist). 3. Er hat stilistisch Ruhe im Karton. Er kann seine Argumentation unaufgeregt entwickeln. (Und tut das kühl, klar, mit tödlicher Logik.)

Kurz: Klassiker aller Art sind gute Bodyguards, wenn man ein gefährliches Gelände betritt. Sie beruhigen das Publikum. Erstens durch ihre Autorität. Zweitens durch die Botschaft, dass, was im Artikel steht, nicht neu ist: Offensichtlich gibt es Präzedenzfälle.

Also ist ja alles in Ordnung.

 3. Das Zitat als Offensivwaffe

Zitate sichern nicht nur ab, sie lassen sich auch einsetzen wie ein Schwert. Sie als Journalist richten nicht selbst, sondern engagieren einen Vollstecker. Dieser kann jemand wie das französische Volk sein oder sogar Jesus Christus persönlich. So können sie etwa den Nachruf auf einen Prominenten mit dem schönen Jesus-Wort beenden: «Lasst die Toten die Toten begraben.» Oder die Aufzählung der Verfehlungen einer Autoritätsperson mit dem Satz: «In Frankreich sagt man: Dummheiten sind charmant. Dummheit nicht.»

Das wirkt als Urteil tödlicher, als alles, was Sie selber sagen können.

Ein unerreichter Meister des offensiven Zitats war der 2011 verstorbene Bankier Hans J. Bär. In seiner kühnen, kühlen, ehrlichen und brillant komponierten Autobiographie «Seid umschlungen, Millionen!» wird es nie gemütlich, wenn zitiert wird. Sondern gefährlich.

Das berühmteste von Bärs Zitaten machte 2004 nach Erscheinen des Buchs sofort Skandal. Die «NZZ» sprach von «Stammtischmanier» und «Totengräber des Finanzplatzes», der oberste Funktionär der Bankiervereinigung, Urs Roth, erklärte, Herr Bär verstehe «die Komplexität nicht mehr ganz», sein Bankierkollege Ivan Pictet spielte auf Bärs Judentum an, indem er sagte, seine Argumente liessen sich nur «durch Herkunft und Religion» begründen. Schliesslich mussten die eigene Bank und die eigenen Söhne sich von ihm distanzieren.

Es ging um folgende Passage – und man beachte, wie meisterhaft das Churchill-Zitat gesetzt ist:

Ob das Bankgeheimnis wirklich Verfassungsrang hat, wie mit dem entsprechenden Vorstoss insinuiert wird, wage ich zu bezweifeln. Die ganze Diskussion wird ohnehin etwas sehr eindimensional geführt. Es ist ein defensives Instrument, das die Schweiz vom allgemeinen Wettbewerb verschont und das uns, um ein Churchill-Wort aufzunehmen, «fett, aber impotent» macht. Auf lange Sicht ist die Ausbildung nicht weniger wichtig als das Bankgeheimnis.

Im Nachruf 2011, als längst mehrere Schweizer Banken tief in Steuerhinterziehungs-Skandale verwickelt waren, schrieb die «NZZ»: «Seine Bedenken zum Bankgeheimnis provozierten damals heftige Kontroversen und führten leider zu persönlichen Anfeindungen.» Und: «Heute wissen wir, wie recht er auch in dieser Beziehung hatte.»

Dazu lassen sich höchstens Sätze wie «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben» von Gorbatschow, «Verrat ist eine Frage des Datums» von Talleyrand oder «Torfköpfe!» von Arno Schmidt zitieren.

Eigentlich sollte man hier noch mehr zu Hans J. Bär (und seinem brillanten Ghostwriter Ignaz Miller) als Stilisten schreiben. Ich würde es gern tun, aber ich hab es schon getan. Den kurzen Nachruf auf ihn finden Sie hier: Konversationskonfekt, gefüllt mit Dynamit.

Noch besser, man spart sich die Zeit für den Nachruf und bestellt gleich das Buch. Seine Lektüre beweist, dass die ersten Absätze dieses Artikels vielleicht falsch waren. So buttermesser-harmlos war das Bildungsbürgertum nicht. Sondern zuweilen sehr klug und sehr scharf im Blick.

Also ehre man das untergegangene Bildungsbürgertum, indem man sein Erbe ehre: das klassische Zitat.

Und zwar nicht als Waffel, sondern als Waffe.

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17 Kommentare zu “Das Klassiker-Zitat als Waffe”

  1. Meine Lieblinge:

    “Wir sind gar nicht so tief gesunken, weil wir nie so hoch gestiegen waren, wie wir geglaubt hatten.” Sigmund Freud /

    “In früheren Zeiten bediente man sich der Folter. Heutzutage bedient man sich der Presse.” Oscar Wilde /

    “Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.” Groucho Marx /

  2. Roger Borer sagt:

    Wenn einer mit Vergnügen zu einer Musik in Reih und Glied marschieren kann, dann hat er sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde. Albert Einstein

  3. Cornelis Bockemühl sagt:

    Wer die Autobiographie von Hans J. Bär nicht gelesen hat versteht nicht viel von der jüngeren Geschichte der Schweiz mit ihren Banken. Diese Lektüre-Pflicht wird erheblich versüsst durch die Tatsache dass Bär schlicht und einfach schreiben konnte!

  4. Fritzli sagt:

    Und meine Lieblinge:

    “Jeder Politiker kennt einen Journalisten, auf dessen Indiskretion er sich verlassen kann.” (Robert Lembke)

    “Opposition ist die Kunst, etwas zu versprechen, was die Regierung nicht halten kann.” (Harold George Nicolson)

    “Erfolg steigt nur zu Kopf, wenn dort der erforderliche Hohlraum vorhanden ist.” (Manfred Hinrich)

  5. Robert Franz Reichmuth sagt:

    Wer, wie der Schreibende hier, die Gnade der Teilnahme an der Trauerfeier für Hans J. Bär, in der ehrwürdigen Kathedrale der Hochfinanz namens “Fraumünster“, an Leib und Seele erfahren durfte, weiss um die Gefährlichkeit des – „Zitat als Waffe“.
    Die „live performance“ des (ehedem noch) operativen „Opernhausdirektors Alexander Pereira“, an eben dieser Feier – verbietet schlechthin den Einsatz eines Zitates!

    Die publizistischen Beiträge des Constantin Seibt, bereiten mir in aller Regel – pures Vergnügen. Besten Dank.

  6. Alain de la France sagt:

    “Ich weiss – dass ich nichts weiss” (Sokrates);
    wurde aber dafuer mit dem Schierlingsbecher bestraft …

    • Alain de la France sagt:

      Was Sokrates aber mit diesem Paradox sagen wollte und warum er dafuer bestraft wurde,
      haben andere schon (weit besser, als ich es je koennte) beschrieben.
      p.e.: André Glucksmann in die “Meisterdenker / Maitres penseurs).

    • Peter Paul sagt:

      Wie an anderer Stelle bereits angemerkt: Wenn schon zitieren, dann bitte korrekt!
      Richtig lautet das Zitat: “Ich weiss, dass ich nicht weiss.”
      Damit hinterfragt Sokrates das, was man zu wissen meint.

  7. slowpoke rodriguez sagt:

    So können sie etwa den Nachruf auf einen Prominenten mit dem schönen Jesus-Wort beenden: «Lasst die Toten die Toten begraben.»

    Damit hinterlässt man aber keinen sehr lebendigen Eindruck (ausser der Nachruf besteht aus der simplen Todesnachricht). Oder gehören Nachrufe nicht im weitesten Sinne auch zum Begräbnis?

  8. Eremit sagt:

    Waffen können bekanntlich verletzen und töten.

    Ein guter Text von Constantin Seibt.

  9. David London sagt:

    Wenn schon zitieren, dann bitte richtig: “IN the long run, we’re all dead.”

    • martin renggli sagt:

      Das wollte ich auch anmerken. Und zudem: Wenn schon zitieren, dann vollständig. Beus wird oft zitiert mit der Aussage: alle sind Künstler. Allerdings fügte er u.a. sinngemäss hinzu: damit habe ich nichts über die Qualität gesagt.

    • Constantin Seibt sagt:

      Oooooutsch! Iiiiiiiist korrigiert.

  10. Ein schönes Beispiel, wie jemand sich durch den Willen zu “Eigenständigkeit” das Zitat liefert, das die NZZ verschweigen, der Blick aber als fettes Quote bringen wird und Christoph Mörgeli genüsslich sich auf den Lippen zergehen lässt, zeigt folgendes kleines Aperçu:
    http://www.nebelspalter.ch/Mein+Richter+bin+ich/316900/detail.htm

    Und hier auf dem Cover umgesetzt:
    http://www.rhetorik.ch/Aktuell/08/09_06/nebelspalter.jpg

  11. lukas sagt:

    ich empfinde bildungsbürgerliche zitate meist als plumpe, proletarische wissensprostitution…

  12. Auguste sagt:

    hmm…, seit ich diesen blog gelesen habe, sehe ich in jedem artikel überall nur noch zitate, zitate, zitate. wer immer dieses journalistische mantra in die welt setzte, er hat bei der verbreitung ganze arbeit geleistet. aber wie wusste schon grass: “was gesagt werden muss…”