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Beweis es, du Bisamratte!

Constantin Seibt am Mittwoch den 20. Juni 2012

Mein Grossvater liebte es, mich und meinen Bruder bei Waldspaziergängen zum Weinen zu bringen. Er tat das, indem er die Sage von der Familie der Mäuse erzählte. Und von ihren Feinden, den Bisamratten. Denn immer wieder geriet eine Maus durch die Intrigen der Bisamratten in tödliche Gefahr.

Und dann weinten wir um die Maus. Und meine Grossmutter sagte: «Jetzt mach den Kindern keine Angst!» Und mein Grossvater brummte begeistert von der Wirkung seiner Worte, nahm Schwung und führte alles zu einem glücklichen Ende.

Es waren sehr schöne Spaziergänge.

An eine Szene erinnere ich mich noch heute. Die Bisamratten hatten eine junge Maus entführt und sperrten sie in ein Verlies. Und dann lasen sie ihr Rezepte vor, eines raffinierter als das andere. Sie liessen die köstlichsten Speisen vorüber tragen. Sie rezitierten Restaurantkritiken und Speisekarten. Sie wiederholten stundenlang Wörter wie Nudeln, Lebkuchen oder Schokolade.

Und die kleine Maus litt Hunger, Hunger, schrecklichen Hunger.

Morgens, beim Kaffee, hungrig

Wie die Sache ausging, weiss ich nicht mehr. Dank meiner Oma wahrscheinlich gnädig. Aber das wahre Leben ist selten so.

Das jedenfalls denke ich, wenn ich mich durch die morgendlichen Zeitungen lese.

Da steht, dass ein Essay oder ein Redner langweilig oder witzig war, ein Film banale oder brillante Dialoge hatte, ein Talkgast Dummheiten oder Anekdoten vortrug, dass ein Roman mittreissend, holzig, missraten, lakonisch, ironisch, trocken oder was immer war – und dann folgt:

Nicht ein, nicht ein einziger kleiner Krümel von einem Zitat!

Das ist der Moment, wo ich die Autorenzeile lese und mir den Namen merke. Denn wer das schrieb, gehört zum Volk der Bisamratten.

Der Beweis

Auf wörtliche Zitate zu verzichten, ist einer der grössten Sünden im Journalismus – seltsamerweise nicht nur von Anfängern, sondern auch von Profis. Am unverzeihlichsten ist das sicher in Buchkritiken: Das Entscheidende, der Klang, der Ton, der Swing eines Buchs wird dann nicht mitgeliefert. Das liest sich wie Senf ohne Wurst.

Aber eine Todsünde ist die Zitatenlosigkeit fast immer: bei Stories über Vorträge, Kongresse, Pressekonferenzen, Parlamentsdebatten, in Portraits und oft auch in Kommentaren.

Denn das Zitat ist mehr als nur ein Mittel, einem Artikel Farbe zu geben. Es ist auch eine der wenigen Möglichkeiten, in denen ein Journalist dem Leser etwas nachprüfbar beweisen kann. Und zwar, dass er genau hingesehen hat. Und dass seine Urteile über die zitierten Stellen hinhauen.

Zitate stützen jede Kritik. Viel stärker als Lob oder Tadel ist, die Sache zu zeigen: nackt, zwischen zwei Anführungszeichen.

Brillanz und Blödheit

Schreiben ist ein freundliches Handwerk. Denn es ist viel einfacher, die Einzigartigkeit eines Menschen aufs Papier zu bringen als seine Durchschnittlichkeit. Je eigenwilliger jemand  ist, desto problemloser der Artikel. Er schreibt sich quasi von selber. Man muss nur zitieren.

So ist das einfachste Portrait das von hellen Köpfen. Zum Beweis ihres Witzes genügt – wie etwa bei Oscar Wilde – eins seiner tausend Zitate:

Die einzige Pflicht, die wir der Geschichte gegenüber haben, ist, sie umzuschreiben.

Oder bei Lichtenberg:

Es wurde ein Blumen-Körbchen angekündigt und siehe da, es erschien ein Kartoffel-Säckchen.

Das einzige, was man zuweilen tun muss, ist ein Sprungbrett zu bauen. Dann, wenn der Leser etwas Vorwissen braucht, damit die Pointe zündet. Etwa bei folgendem Satz von Nicolas Hayek. Hier muss man zuvor über die Mode von Schweizer Managern informieren, aus Karrieregründen einen MBA-Abschluss in Harvard oder Yale zu machen. Und dann funkelt Hayeks Satz perfekt:

Wenn man einen Esel nach Harvard schickt, muss man sich nicht wundern, wenn ein Esel zurückkommt.

Doch der Einbau von bereits grossartigen Zitaten ist – schreibtechnisch gesehen – selten ein Problem. Viel schwieriger ist die Wiedergabe von Schwurbel: etwa von Manager-, Polit- oder Bürokratensprache. Denn diese Sprache ist oft kaum zitierbar – und genau das ist ihre Funktion. Die Sätze sind endlos, die Wörter abstrakt, der Sinn wolkig. Sie ist ein einziges, finsteres Schutzschild.

Nur selten hat man das Glück, dass Kitsch und Wahnsinn in hohem Tempo durch die Gassen klingeln. Etwa bei Ex-Bundesrat Merz. Dieser liess nicht nur den «Blick» seinen Kurzroman abdrucken – mit Beschreibungen vom «prallen, strotzenden Busen» der «teuflischen Serviertochter Cosima».  Sondern schrieb auch ein Essay über die ideale «elative» Führungspersönlichkeit:

Beim Elativen ist die Intuition als Via Regia der entscheidende Erkenntnisvorgang. Sie ist Eingebung und Sehnen, das eine Empfangen, das andere Erwartung, daher ist der Vorgang des Intuierens eine Influenz, Funke zwischen Subjekten; sie ist Fossil des Paradieses, denn sie kann ‹Göttliches› herbeiführen; sie ist geistiges Geschehen zwischen Magnetismus und Elektrizität.

Ein Anti-Merz-Artikel ist kein Problem. Um Merz zu erledigen, genügen Merz-Zitate. (Wie etwa hier: Bundesrat Merz als Führungspersönlichkeit und Erotiker)

Quark schneiden!

Aber leider ist der Unfug selten so bunt. Meistens ist er zäher und grauer. Hier hilft nur das Skalpell. Denn mit Vorzug zitiert man nicht integral. (Sonst sind die Leser weg.) Stattdessen schneidet man die Bürokraten-, Manager- oder Politsprache in kleinen Fetzchen in den Text. In all ihrer Scheusslichkeit, aber nicht in all ihrer Länge. Etwa so in einem Artikel über die Neujahrsvorsätze von Schweizer CEOs. Dann lässt sich fragen:

Wie in aller Welt sollen vernünftige Leute durch Sätze wie «Im Fokus stehen motivierte, gut ausgebildete Mitarbeiter» begeistert werden? Oder durch den Vorsatz, «beste Rahmenbedingungen zu bieten, um mit Hingabe unser Qualitätsbekenntnis ‹Passion for Quality› leben zu können»?

Warum zum Teufel schreiben Schweizer Chefs ein Deutsch, das klingt wie schlecht übersetztes Airport-Englisch?

Wichtig beim jedem Zitieren von Quark ist, am Ende eine trockene Zusammenfassung oder einen schnellen Hieb zu geben. Denn der Leser driftet selbst schon bei kurzen Passagen dieser Sprache weg. Man muss ihn wecken: am besten durch Respektlosigkeit. So könnte man das obige Zitat von Bundesrat Merz etwa mit dem Satz «In einem Wort: Der elative Führer denkt mit dem Bauch» zusammenfassen. Oder mit der Frage anschliessen: «Darf ein Bundesrat solchen Unfug schreiben?» Dann ist der Leser wieder wach.

Die Monstersatz-Technik

Eine zweite Möglichkeit ist, den Quark nicht in kleinen Dosen zu liefern, sondern in einem Rutsch. Eine ziemlich wirkungsvolle Methode bei Schwätzern ist, ihren Monolog in einem einzigen Satz in indirekter Rede zusammenzufassen. Und diesen Monstersatz dann mit drei Pünktchen unvollendet zu lassen… Was dem Leser den realistischen Eindruck jedes Monologs vermittelt: Er ist endlos. Am Ende muss man wieder, um den Leser zu wecken, die Essenz des Monologs in einem kurzen, trockenen Satz zusammenzufassen. Etwa so:

Nachdem Herr Seibt mit einer längeren halb erlebten, halb erfundenen Anekdote über seinen Grossvater begonnen hatte, die eher privater Natur war, kam er zur Sache und sagte, dass er den Mangel von Zitaten in seiner Morgenzeitung bedaure, fügte an, ein Zitat sei für einen Journalisten nicht nur ein Stück Farbe auf dem Pinsel, sondern ein Fetzen Beweis auf dem Tisch, kam dann auf zwei seiner Lieblingsautoren zu sprechen – Wilde und Lichtenberg –, darauf auf einen seiner Lieblingsfeinde – FDP-Bundesrat Merz – und brachte danach die These, dass die Brillanz oder Scheusslichkeit eines Kopfes schon in der kleinsten Zuckung seiner Sprache offenbar würde, wohingegen der  standardisierte Bürokratenquark in längeren Portionen nicht verdaubar sei, weswegen er nur in kleinen Dosen dem Leser gezeigt werden dürfe… Kurz, Seibt sagte in 1200 Wörtern etwas, was er auch in drei hätte sagen können: Zitiert, zitiert, zitiert!

Ja, das wollte ich sagen: Zitiert, zitiert, zitiert!

 


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32 Kommentare zu “Beweis es, du Bisamratte!”

  1. Frederica Di Fuego sagt:

    Auch wenn zitieren ja was tolles ist, sollte man von einem absehen: sich selber zu zitieren oder zu paraphrasieren. Das wikt einfallslos und grenzt zuweilen an ein Plagiat. Und in diesem konkreten Fall ist es einfach nur peinlich, da Sie sich als einzig positives Beispiel darstellen. In Anlehung an ihr schönes Schlussstatement möchte ich nur sagen: denkt, denkt, denkt!

    • Elmar Tauber sagt:

      Zur Plagiatswirkung kann man nur eines sagen:
      LOL

      • Jacoby sagt:

        Frau Frederica Di Fuego, kann man sich wirklich selber plagiieren?

        • Philipp Imhof sagt:

          Ja, das kann man. Das Selbstplagiat ist in der Wissenschaft verpönt, wird aber ab und zu praktiziert. Konkret heisst das, man publiziert ein und dasselbe Ergebnis mehrfach, tut aber jedes mal so, als ob es neu wäre.

    • Fion sagt:

      doppel LOL , da hat wohl jemand nur die hälfte gelesen ansonsten kann ich mir den kommentar nicht erklären =D

  2. Constantin Seibt sagt:

    Geehrte Frau di Fuego, natürlich haben Sie Recht. Wenn mich etwas bei diesem Blog besorgt, dann ist es genau das: die andauernden Selbstzitate. Das klingt eitel, und ist mir peinlich. Schon, weil ich’s natürlich bin. Und es schon aus Klugheit gern verbergen würde. Mein Problem ist aber, dass ich den Blog mit ziemlich heisser Nadel schreibe: Nachts, am Wochenende, neben Kindchen und Job. Und kaum Zeit zu grosser Recherche habe. Und deshalb auf das zurückgreife, was ich kenne: mein Zeug. Hätte ich mehr Zeit, würde ich das nicht tun. Sondern Beispiel suchen. So aber weiss ich nicht, was sonst tun

    • bugsierer sagt:

      wie jetzt? der tagi zahlt ihnen nichts für dieses feine blog? find ich unglaublich knauserig. diese info werd ich grad mal drüben bei twitter zitieren.

      • Constantin Seibt sagt:

        Doch, doch. Man zahlt schon was. Aber nichts im Vergleich zu Print. Newsnet gehört quasi ein Bein, aber dem Print der ganze Rest, falls ich eines Tages gebraten und gegessen werden sollte.

  3. Auguste sagt:

    hmm…, am schlimmsten ist diese unsitte in architektur-artikeln der nzz – keine bilder oder nur eins. auch der golf-reporter der faz, der jüngst einen der “schönsten plätze der welt” beschrieb und es fertig brachte, dazu genau ein bild zu liefern – in der online-ausgabe. auto-testberichte von neuheiten und kein bild des innenraums. zitat oder foto – ohne bleibt das bild unvollständig.

    genau umgekehrt maches es leute, die über wein und essen schreiben. da wäre manchmal etwas text zwischen dem überschwänglichen “gedicht” wünschbar. aber da geht diesen leuten das “näschen” dann oft etwas ab.

  4. Wer das Buch der Seibts gelesen hat, oder zumindest wie ich das erste Drittel davon, erkennt statt einfallslosen Paraphrasierens eine gelungene Fälschung: So tönen Kritiker. Quod erat demonstrandum. Der Forderung stimme ich zu, die Form hat mich gut unterhalten. Darum will ich vor allem eines sagen: «Danke!»
    Ein Detail noch: Für den endlosen Eindruck von Sätzen ist vor die drei Punkte ein Abstand zu setzen … sonst ist es nur ein Wort ohne Ende. Und wer das Buch noch nicht gelesen hat, beachte die Werbung in der rechten Spalte.

  5. vera maria sagt:

    danke! es ist schön, wenn jemand schön schreibt.

  6. Mirja Eberli sagt:

    Sehr geehrter Herr Seibt,
    vielen Dank für diese schwungvolle und selbstironische Anleitung zum “Besserschreiben”. Ich teile Ihre Ansichten voll und ganz, einzig mein Verhältnis zu Bisamratten dürfte wohl weniger Vorbelastet sein. Regelmässig lese ich Ihre Texte und kann dabei immer sehr viel für die eigene Arbeit lernen. Hoffentlich schreibe ich eines Tages genauso lebhaft und packend wie Sie! Hochachtungsvoll
    Mirja

  7. slowpoke rodriguez sagt:

    Warum zum Teufel schreiben Schweizer Chefs ein Deutsch, das klingt wie schlecht übersetztes Airport-Englisch?

    Warum auch nicht, oder erfordert die Profitmaximierung neuerdings stilsicheres Deutsch? War es übrigens nicht der schwülstig schreibende Merz, der die Stimmbürger bei der Unternehmenssteuerreform gekonnt über den Tisch gezogen hat?

    • Constantin Seibt sagt:

      Wer sonst? Schon Karl Kraus wusste: Ein schlechter Stilist ist auch ein böser Mensch.

      • slowpoke rodriguez sagt:

        Ach, hätten Sie doch diesen Ausspruch bereits im Vorfeld der Abstimmung zitiert! Um wenigstens noch einen persönlichen Nutzen zu ziehen, geh ich jetzt beichten, auf dass sich mein Deutsch merklich verbessert.

        • Constantin Seibt sagt:

          Geehrter Slowpoke, völlig unironisch: Ihr Vorschlag könnte funktionieren. Ich würde sagen, wenn Sie ehrlich beichten, in einfachen Sätzen, dann wird Ihr Stil fast perfekt sein. Denn eigentlich muss man nur sagen, was einem am oder auf dem Herz liegt, und schon stimmt die Sache.
          Eigentlich sollte man jüngere Journalisten nicht ins MAZ (oder sonst eine Journalistenschule) schicken, sondern ins Kloster. Einziges Problem: Sie haben noch nicht viel zu beichten.

  8. Tobias sagt:

    Wenn das Zitieren so enorm wichtig ist – und das ist es tatsächlich – dann fangen sie doch bei sich selbst an und nennen sie die Quelle des Fotos. Mir ist das herzige Büchlein bekannt und ich könnte mir gut vorstellen, dass sich der Autor des Buches über die Referenz freuen würde.

    Beim Zitieren geht es schliesslich nicht nur darum, dem Gesagten mehr Macht zu geben, sondern vor allem, sich nicht mit fremden Federn zu schmücken.

  9. Ronnie Grob sagt:

    Etwas verwirrend sind die fett gesetzten Zwischentitel im Text – könnte man die nicht auch einfach weglassen? Ist doch ein Blogtext.

  10. Jeeves sagt:

    Ein schöner Artikel über Zitate und das Zitieren um mit Zitaten aufzudecken, zu verdeutlichen, blosszustellen und wenn nötig: zu vernichten… und nicht einmal fällt der Name Karl Kraus? (…außer in einem Kommentar; nun sind’s 2)

  11. Gefällt mir! (Zitat Zuckerberg)
    Elativ (Zitat Merz Lateinunterricht) darf ich ergänzen zum Thema Quark: «Getretner Quark wird breit, nicht stark» (Zitat Goethe)
    Wobei dies nicht als Kritik zu elaborierter Länge des Beitrags zu lesen sei.

  12. puck of pook's hill sagt:

    zitate beweisen überhaupt nichts. als langjähriger zeit(ungs)leser gehe ich mittlerweilen davon aus, dass nur die zitate (und ggf nur in der form) in den text gelangen, die die these des verfasser stützen. und wenn das so ist, kann man auch gleich drauf verzichten. was das geschwurbel der zu zitierenden betrifft: welche mittel stehen dem prospektiven opfer denn offen, sich gegen nominelle korrekt aber sinnentstellende zitate einer skandalisierungsgeilen journaille zu wehren?

    • Constantin Seibt sagt:

      1. Selber Nachdenken. 2. Andere Zeitungen lesen. 3. Abwarten, was wirklich passiert. 4. Nicht Zeit mit Jammern vergeuden.

      • puck of pook's hill sagt:

        was soll ich jetzt aus dieser schwungvollen themaverfehlung folgern? immerhin bezog ich mich explizit auf ihre these oben und wollte nicht irgendwelche ratschläge.

  13. Marc sagt:

    In meinen Artikeln versuche ich immer zu zitieren. Nur verschwurbeln manche ihre Sätze so sehr, dass es einfach nicht geht.

  14. vera sagt:

    So, wann erscheint das Buch? Vorbestellung. Ich will das HABEN.

  15. Johannes sagt:

    Dieser Text passt doch hervorragend zum Thema. Vor allem der letzte Abschnitt mitsamt nachfolgendem Satz:

    http://www.spiegel.de/kultur/tv/lothar-matthaeus-doku-soap-klug-wie-ein-kuehlschrank-a-840206.html