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Der elegante Schwanzbeisser

Constantin Seibt am Montag den 11. Juni 2012

«Wo ein Anfang ist, muss ein Ende sein», heisst ein sehr altes, sehr einfaches Sprichwort.

Darin verbirgt sich ein sehr alter, sehr einfacher Tipp. Aber einer, der Ihnen in der Not Ihren Job retten kann.

Die Situation ist immer die gleiche: Es ist spät, verdammt spät, fünf Minuten vor oder besser nach Redaktionsschluss. Ihr Telefon schrillt. Sie nehmen nicht ab. Denn Sie wissen schon, wer dran ist. Der Abschlussredakteur. Und Sie wissen auch, was er sagen will: Nichts Gutes.

Sie aber brauchen alle Kraft, um den Artikel fertig zu schreiben. Und Sie sind fast so weit. Aber noch trennt sie ein knapp drei Finger breites Loch vom Ende. Und sie haben keine Idee mehr für eine Pointe. Sie haben überhaupt keine Idee mehr für Irgendetwas.

Was tun?

Das ist der Moment, wo Sie am besten den Text hochscrollen. Und sich noch einmal den Anfang ihrer Geschichte ansehen. Und dann auf diesen zurückkommen.

Finden Sie im ersten Absatz etwa etwas Auffälliges wie …

Martin Ebners Motto war immer der Satz von Victor Hugo: «Nichts ist mächtiger, als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.»

… so ist ihre Schlusspointe eigentlich klar:

Nun lernt Martin Ebner ein neues Motto: Nichts ist vernichtender als eine Idee, deren Zeit vergangen ist.

Finden Sie eine Zeitangabe wie …

François Hollande ist noch keinen Monat im Amt. Aber eine Schonfrist gibt es für ihn nie.

… dann enden Sie mit:

François Hollande wird noch fünf Jahre im Amt sein. Es werden fünf schonungslose Jahre.

Beginnen Sie einen Verriss mit …

Günter Grass ist ein verdienter Mann, ein Nobelpreisträger. Aber er hat ein miserables Gedicht geschrieben.

… dann können sogar bequem mit demselben Satz enden:

Günter Grass ist ein verdienter Mann, ein Nobelpreisträger. Aber er hat ein miserables Gedicht geschrieben.

Nicht, dass der Schwanzbeisser die perfektesten Schlüsse der Welt liefert, aber befriedigende fast immer. Aus irgendeinem Grund befriedigt es Menschen, wenn sich etwas in den Schwanz beisst: die Schlange, das Rad der Zeit, der Kreis des Lebens oder auch nur eine junge Katze auf Youtube.

Und das funktioniert nicht nur in Zeitnot, sondern auch für Zeitloses. Vor allem bei Aufzählungs- oder assoziativen, hoch schnörkelhaltigen Texten. Der Meister der Schnörkel, Max Goldt, beginnt seine Kolumnen gern wie folgt:

Heute bin ich wild! Echt! Wild stosse ich zu: Laut Unfallstatistik entstehen 80 Prozent aller Verletzungen an der Zunge durch das Ablecken von Messern. Nach dieser guten Intro-Info dürfte Appetit auf einen polnischen Zungenbrecher entstanden sein. Etc.

Es folgt der Zungenbrecher, und dann etwas über polnische Sitten, Möbel, Möbelrenovierungen, Frauensorgen, andere Sorgen, Plastiktüten, Küchen, Berliner Cafénamen, Extasekapseln, Dinge, die man nie gemacht hat, Werbegeschenk-Tischstaubsauger, Pappbeutel – und das ganze Chaos im klaren Bewusstsein, dass das logische Ende schon feststeht:

Und dann wüsste ich noch gern, wodurch jene 20 Prozent Zungenverletzungen hervorgerufen werden, die nicht vom Messerablecken kommen. (…) Durch das Lecken von Gummierungen an Briefumschlägen.

So läuft das. Wo ein Anfang ist, muss auch ein Ende sein.

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7 Kommentare zu “Der elegante Schwanzbeisser”

  1. Alain de la France sagt:

    Hollande wird es schwer haben mit Merkel (oder umgekehrt);
    denn alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei…

  2. Ivo Marin sagt:

    Auf meiner Seibt’schen Bullshit-Bingo-Karte kann ich das Wort «verdammt» bei jedem ihrer Artikel durchkreuzen. Persönlich würde es mich langweilen, ständig die gleichen Manierismen zu verwenden. Aber manche merken halt noch nicht mal, wenn sie einen Sprung in der Platte haben.

    • Ultrabonz sagt:

      Das nennt sich “seinem Stil treu bleiben”.
      Mich würde es langweilen, keinen eigenen Stil und eigenen Wortschatz zu haben.
      Aber jedem das Seine…

      • Constantin Seibt sagt:

        @ Ivo Marin: Denken Sie mal drüber nach, warum Shellack-Platten geliebt wurden, CDs aber nicht. Perfektion war’s nicht.
        @ Ultrabonz: So, Sie würden “sich langweilen, keinen eigenen Stil und Wortschatz zu haben”. Dann googlen Sie doch mal Ihren Satz “jedem das Seine” und sehen Sie mal, wem der gehört, Sie Wortschätzchen.

  3. Thomi Horath sagt:

    Mir fällt gerade ein, es gibt schon Dinge, die mächtiger sind, als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

  4. doc sagt:

    Also gut, so kann mensch das natürlich machen.
    doc