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Der 360-Grad-Blick

Constantin Seibt am Freitag den 8. Juni 2012

Hier endlich der lang erwartete Teil 2 von: Journalismus ist ein Existentialismus.

Es war vor mehreren Jahren, in der Kantine. Eine Kollegin hatte gerade das Wahlportrait einer bekannten Zürcher Politikerin geschrieben. Sie erzählte nichts vom Interview selbst. Dafür wörtlich, was passiert war, als sie das Tonband abgestellt hatte und gerade gehen wollte.

Politikerin: «Bekomme ich noch Ihre Visitenkarte?»

Reporterin: «Klar.»
Politikerin (mustert die Karte): «Ein Studium haben Sie nicht?»
Reporterin: «Doch.»
Politikerin: «Welche Fächer?»
Reporterin: «Geschichte und Philosophie.»
Politikerin: «Aber nicht abgeschlossen!»
Reporterin: «Doch.»
Politikerin: «Mit welchem Titel denn?»
Reporterin: «Licentiat.»
Politikerin (tippt auf die Karte): «Dann gehört das aber hier drauf!»

Darauf fragte ein Kollege: «Nun, hast du’s ins Porträt geschrieben?» Und die Kollegin sagte: «Nein. Wieso?» Und ich dachte: Deshalb, weil ich diesen Dialog nie wieder vergessen kann, jedes Mal wenn ich den Namen der Politikerin höre.

Und wirklich: Bis heute hab ich den Dialog nicht vergessen. Ich denke an ihn jedes Mal, wenn ich ihren Namen höre.

Der Feind der Wahrnehmung: der Auftrag

Es ist einer der tödlichsten Fehler bei Recherchen aller Art, nicht auf das Unerwartete gefasst zu sein. Sondern es für ein Störgeräusch zu halten. Sicher, die Vier-Jahres-Bilanz einer Magistratin ist ein materialreiches Thema. Nur zeigte der Visitenkarten-Dialog genauer, wer sie ist, als vieles andere.

Der Feind des glücklichen Zufalls ist der Auftrag: der, den Sie sich gegeben haben, oder der der Redaktion. Nur, leider, weiss der Auftraggeber nie, was wirklich passiert: Er schickt jemand zu einem Interview, einem Ereignis, einer Pressekonferenz. Und ist zufrieden, wenn das Gewünschte kommt.

Aber eben, der Auftraggeber hat keine Ahnung, was passiert.

Die Schande vom Rütli

Einen meiner grausamsten Fehler als Journalist beging ich auf dem Rütli. Das Magazin «Geo» hatte mir ein irrsinniges Honorar (waren es 4000 oder 8000 Franken?) für ein Minimum an Text versprochen. Plus eine Hotelübernachtung. Ich hatte also einen ganzen Papierstoss zum Rütli gelesen – Schiller, 1291, Guisan, Sonderpoststelle, etc. – und legte früh am Morgen des 1. Augustes 2000 dort an. Die Stimmung auf dem Schiff war schon seltsam, aber auf dem Rütli war sie surreal. Überall störten über hundert Skinheads die Stimmung und meine Aufmerksamkeit bei den Recherchen. Die Neonazis buhten den Hauptredner, Bundesrat Kaspar Villiger, aus und schwangen Fahnen, Parolen und die Arme zum Hitlergruss.

Am nächsten Morgen morgen titelte der «Blick»: «Die Schande vom Rütli!». Es wurde ein tagelanger Skandal und ein nationales Gesprächsthema. Und als ich meiner damaligen Redaktion nebenbei erzählte, dass ich dort gewesen war, wurde ich zusammengeschissen, nicht sofort die Zentrale alarmiert zu haben. Und gezwungen, einen Artikel zu schreiben. Ich schaffte es nicht. Ich hatte mit dem Rütliwirt, einem Mann von der Poststelle, einen Fahnenschwinger, weiss Gott wem gesprochen: Nur mit den verdammten Nazis nicht. Ich hatte sie nicht einmal genau beobachtet.

Wie zur Strafe kriegte ich auch den «Geo»-Artikel nicht aufs Papier. Und blieb statt auf 4000 oder 8000 Franken Honorar auf 300 Franken Spesen sitzen. Es kommt teuer, ein Blinder zu sein.

Was ist wichtig? Zunächst alles!

Sicher, über hundert Neonazis zu übersehen, ist eine reife Leistung. Meist dreht es sich um kleinere Dinge. Aber Dinge, die einen Text wirklich vital machen. Etwa der staubige Plastikblumenstrauss bei einer Pressekonferenz. Die Schweissperle bei der Verlesung der Bilanzzahlen. Die Art wie die zarten Köpfe der Schweizer Bundesrichter über ihren schweren Mahagoni-Pulten schweben wie milchweisse Ballone. Oder der Witz, den ein gequälter Zuschauer über den Vortrag des NZZ-Verwaltungsrat-Präsidenten Conrad Meyer machte. Dieser hatte – nach Rekordverlusten und Rekordentlassungen bei der NZZ – an einer Branchentagung eine Stunde lang zur Hauptsache die Geschichte der Zeitung seit 1780 referiert. Worauf der Zuschauer sagte: «Wenn man Conrad Meyer nach dem Weg zur Toilette fragt, wird man sich in die Hosen gemacht haben, noch bevor er die Bedeutung des Klos bei den alten Ägyptern erklärt hat.»

All das macht, wenn es auch in der Zeitung steht, den Artikel farbig.

Und noch mehr als das: Mit farbigen Details verschnitten lösen sich einige Probleme des Alltagsgeschäfts: Langweiliges wird spannend, Verworrenes erklärbar. Dabei können die Details von überall her kommen: Beobachtetes, die Vorgeschichte aus dem Pressearchiv, die Bemerkungen von Passanten, es können sogar die Assiotiationen im eigenen Kopf sein.

Der Test: Was würdest du erzählen?

Wichtig ist bei jeder noch so banalen Recherche, dass man vorsorglich annimmt, dass das eigentliche Ereignis nicht spannend genug wird. Und dass man schon aus professioneller Vorsicht von Anfang an einen 360-Grad-Blick einschaltet: einen Blick, der gleichzeitig in die Vergangenheit, in die Inszenierung der Sache, in die sichbaren Kleinigkeiten und ins eigene Herz schweift.

Ist das Ereignis dann wichtig, neu oder packend, bleiben die Kleinigkeiten so etwas wie die Dekorationssalatblätter neben dem Steak.

Stellt sich aber das Ereignis (eine Pressekonferenz, eine Studie, eine Rede, ein Interview, eine Parlamentsdebatte, etc.) als langweilig, absehbar oder ohne Kontext unverständlich heraus, so ist es eben das Salatblatt. Dann muss der Kellner persönlich für das Fleisch sorgen. Und das liefert nur das Rundherum.

Der Test, ob ein Ereignis wirklich eines ist, ist einfach: Was würde man davon seinen Freunden erzählen?

Genauso einfach ist der Test, welche aufgeschnappten Details in den Text gehören: Welche davon würde man seinen Freunden erzählen?

Aufschreiben, Aufschreiben, Aufschreiben!

Nur: Im Vornherein weiss man fast nie, was wichtig sein wird. Deshalb sollte man sich selbst bei Alltagsjobs an das halten, was die grosse Dame des Schweizer Journalismus, Margrit Sprecher, über die Reportage schrieb:

Denn nichts ist stärker, als die Kraft der nackten Fakten und der ungeschminkten Aussagen. Das lässt sich leicht an einem kleinen Experiment nachprüfen. Wer aus dem Gedächtnis eine Äusserung aufschreibt und sie später mit dem an Ort und Stelle notierten Satz vergleicht, wird überrascht sein von der Kürze und Prägnanz der tatsächlich gesprochenen Worte.

Das bedeutet: Aufschreiben, Aufschreiben, Aufschreiben! Notizen helfen weiter, wenn die brillante Assoziation ausbleibt oder sich die ästhetische Vollkommenheit nicht einstellen will. Es sind die tausend notierten Kleinigkeiten, die später das Kolorit der Reportage ausmachen. Nicht, dass es heiss im Todestrakt ist, will der Leser wissen, sondern dass der Gefangene auf seiner Pritsche blinzelt, weil ihm die Schweisstropfen durch die Augen rinnen. Nicht dass das Essen im Todestrakt ungeniessbar ist, mag der Leser hören, sondern dass der zum Tod Verurteilte sagt, das Huhn schmecke wie gesottener Karton.

Das gilt nicht nur für die Königsdisziplin der Reportage. Sondern für jeden Routinejob. Es braucht Notizen und ein mutiges Herz. Denn verblüffenderweise braucht es Mut, mehr als der eigenen Erwartung der eigenen Wahrnehmung zu trauen.

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11 Kommentare zu “Der 360-Grad-Blick”

  1. Wolf sagt:

    Die Geschichte erinnert mich an den Kulturredakteur einer auflagenstarken Zeitung, der seiner Redaktion telefonisch mitteilte, dass der freigeschlagene Platz, der für seinen Bericht über eine Ausstellungseröffnung anderweitig vergeben werden könne, weil die Ausstellungseröffnung verschoben sei. Was er seiner Redaktion verschwieg, war die Ursache der Absage: Während der Eröffnungsreden lösten sich erste Elemente der Hallendecke, die nach der Flucht der Gäste komplett einstürzte. Alle Zeitungen berichteten zum Teil auf Sonderseiten über diese Beinahe- Katastrophe, nur die Zeitung des Kulturredakteurs nicht. Dies, so gestand der Kulturredakteur später in der Konferenz sei schließlich ein lokales Ereignis und von der Lokalredaktion sei niemand vor Ort gewesen. Er selbst sei nach dem Deckeneinsturz nach Hause gegangen… 😉

  2. Christian Bernhart sagt:

    Schön, wenn man als Zeugin Margrit Sprecher bemüht. Diese Regeln haben einst Ernst Hemingways Short Stories so einmalig gemacht. Und heute sind sie bei allen Short Stories von Alice Munro in einzigartiger Weise wieder zu finden: oft skurrile Details, die den Menschen Farbe, Charakter und Liebenswürdigkeit verleihen. Nur lieber Kollege, meine Erfahrung als Frewild- oder vogelfreier Journalist ist, dass in den Redaktionsstuben solche Beobachtungen als unnötige Zutaten gestrichen werden. “Könntest Du nicht schneller auf den Punkt kommen”, so tönte es letzthin und hab ichs noch in den Ohren.

    • Daniel Andres sagt:

      Genau das ist der Punkt: die Redakteure in der Redaktionsstube wollen diese Details gar nicht. Den Deckeneinsturz allerdings schon. Mir sind auch solche Dinge passiert, als ich noch Voll-Journalist war. das Platzen einer Bundesgerichts-Verhandlung, weil die prominenten Angeklagten nicht erschienen sind. z.B. schilcht die Bedeutung davon nicht erkannt.

      • reante süß sagt:

        ich lese die Hemingwayschen Shortstorys gerade wieder einmal. Einen besseren lehmeister für das oben gesagte gibt es wirklich nicht!

  3. Hans Kernhaus sagt:

    Hat strukturell viel Ähnlichkeit mit dem “2/3 Artikel”. Das übergeordnete Thema lautet “dem Zufall Raum lassen”, oder auf “Empfang schalten”. Sei es für die zunächst ungewollte Botschaft eines halbfertigen Werks oder für unerwartete “Kleinigkeiten” am Wegesrand. Vielleicht sind deshalb viele Künstler (gute Journalisten sind das) schlechte “Macher”. Sie verlieren — zum Glück — das Ziel aus den Augen, wenn das Hindernis interessanter ist, als das Ziel. Eine gewisse “Grundfäule” gehört vielleicht auch dazu. Wie bei gutem Wein oder Käse.

    • Constantin Seibt sagt:

      Ein böser Gedanke, Herr Kestenholz, und ein gescheiter auch. Das Käsegleichnis werde ich mir merken. Mein einziger Einwand: neben der Faulheit (in Handlung und Charakter) braucht es auch einen Hauch von Killerinstinkt. (So wie unter den Tieren auch die Raubtiere die faulsten sind,)

  4. Daniel Küttel sagt:

    Tja Herr Seibt. Sie wollten eben nicht über Neonazis, sondern über einen schönen Tag auf dem Rütli berichten. Journalismus ist eine Kunst. Besten Dank für ihre Geschichte. Genau solche Erfahrungen sind es, die aus einem 0815 Journalisten, einen Meister machen. Viele der Topjournalisten haben ihr Lehrgeld bezahlt. Nie fällt ein Meister vom Himmel. Das bin ich aktuell schmerzlich am Lernen. Wir alle haben in der Schule gelernt zu schreiben; dennoch musste ich mir sagen lassen dass ich nicht schreiben kann.

  5. Gottardo Pestalozzi sagt:

    Schön, wenn jemand zu einem solch eklatanten Fehler steht. Das hilft einem über die eigenen hinweg.

  6. Martha Meister sagt:

    “Nur zeigte der Visitenkarten-Dialog genauer, wer sie ist, als vieles andere.”
    Das ist eine Frage der Interpretation, dieser Visitenkartendialog sagt ebensoviel über die Interviewerin aus oder über Sie, der diesem Ereignis soviel Bedeutung beimisst.
    Spätestens seit Guttenberg steht die Politikerin als politisches Individuum mit ihrem Anspruch nicht mehr so schräg in der Landschaft, Frau Merkel bekundete wenig Mühe damit, dass Guttenberg seinen DoktorTitel “erschwindelt” hatte, die Visitenkarte scheint tatsächlich das A und O in der Welt der Politik und nicht das Sein dahinter.