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Pitbulls der Demokratie

Constantin Seibt am Dienstag den 8. April 2014

Eigentlich will man als politischer Journalist Wirkung erzielen. Das passiert nur selten. Und wenn, ist es auch kein Vergnügen.

Anfang Februar stimmte die Schweiz über die Initiative gegen Masseneinwanderung ab. Das Ergebnis war knapp: 50,3 Prozent nahmen an. Die Konsequenzen sind aber alles andere als knapp: Statt offener Grenzen zu Europa installiert die Schweiz wieder Kontingente. Wirtschaftlich bedeutet das milliardenteuren Ärger mit der EU. Innenpolitisch triumphiert die harte Rechte. Das Land ist auf Jahre hinaus gelähmt.

Ich fürchte, ich habe als Journalist meinen Beitrag zu diesem Resultat geleistet. Deshalb, weil ich im Zweifel immer eines getan habe: Zweifel zu säen an der Kompetenz der Leute in den Teppichetagen.

Das ist zwar keine schlechte Faustregel. Erstens ist die Kritik der Macht seit jeher der Job der Presse. Zweitens wird tatsächlich viel Unfug geredet und gebaut. Und es ist guter Stil, Unfug Unfug zu nennen.

Und trotzdem, fürchte ich, ist die zuverlässige Lieferung von Kritik eine Haltung, die nicht mehr wirklich zeitgemäss ist. Als ich aufwuchs, herrschte noch Kalter Krieg. Die Welt war in Beton gegossen. Bürgertum, Banken, Armee, die Lehrer in der Kantonsschule schienen für die Ewigkeit gebaut. Wer sich nicht eine Atombombe auf die Schweiz wünschte, hatte kein Herz.

Heute existiert diese Welt nicht mehr. Das Bürgertum ist durch Skandale aufgerieben; die Banker sind reich, aber entehrt; die Armee wird stückweise von Sparprogrammen abgeschafft. Die Politik bietet so gut wie keine Alternativen: Sie wird zur Darstellung von Politik. Kaum eine Autorität, die sich nicht selbst demontiert. Der Wind hat den Beton ersetzt.

Damit hat sich die Lage für den Journalismus geändert. Zweifel säen ist heute ein Geschäft, das nur wenig Mut und Ideen braucht. Thesen, die 2001 noch linksaussen waren – etwa, dass hohe Managersaläre falsche Entscheidungen hervorbringen, dass das Bankgeheimnis ein Auslaufmodell ist, dass das, was für die Wirtschaft gut ist, nicht unbedingt für dich gut sein muss –, sind längst Allgemeinplätze der breiten Mitte.

Nur dass diese Mitte dadurch nicht nach links gerutscht ist. Sondern nach rechts. Es waren die bürgerlichen Banken-, Konzern-, Globalisierungsskeptiker (40 Prozent der Wirtschaftspartei FDP), die der Masseneinwanderungsinitiative zur Mehrheit verhalfen. Sie haben nicht Banken, Konzerne oder Manager reguliert. Sondern die Grenzen für Ausländer geschlossen.

Misstrauen, en gros

Es gibt ein Mass an Misstrauen, das politisch zerstört. Denn jedes soziale Gebilde basiert auf Vertrauen: die Ehe, die Firma, der Staat. Deshalb liegen die Leute auch falsch, die sagen, dass das Schleifen von Regeln automatisch mehr Freiheit bringt. Denn Sicherheit, nicht Unsicherheit, ermöglicht Menschen, mutig zu sein. Freiheit ist im Kern Freiheit von Furcht.

Die Globalisierung hat ideologische und geografische Grenzen niedergerissen, aber auch den Kern aller Sicherheit angegriffen: die Klarheit des Überblicks. Niemand erscheint mehr wirklich kompetent, niemand hat einen Plan. Alle wursteln.

Folge Nummer 1: Respektlosigkeit ist keine Exklusivität von Dandys oder Rebellen mehr, sondern Allerweltsware. Jeder, egal ob Politiker, Professor, Priester, Sportler, Firmenchef, steht unter dem Verdacht, wahlweise Betrüger, Weichbeutel, Schwätzer, Profiteur zu sein.

Folge Nummer 2: Ein einziger grosser Brei aus Verdächtigen entsteht. Die Verantwortung wird verteilt wie ein Stück Butter. Am Ende haben alle fettige Hände. Aber die Butter ist weg.

Folge Nummer 3: Sind die Verantwortlichkeiten unklar, muss von Zeit zu Zeit ein Kopf rollen. Statt etwa die Banken zu regulieren, werden die Bankchefs aus dem Amt gejagt. Sie sterben dann den sozialen Tod. Aber nicht ihre Ideen und Praktiken.

Folge Nummer 4: Alle, nicht zuletzt die Chefs, haben Angst, einen Fehler zu machen. Selbst wer das Sagen hat, sagt nichts. Berater, Anwälte, Presseleute haben blendende Berufsaussichten, grösstenteils, um ihre Klienten durch Langweile abzusichern.

Folge Nummer 5: Das Mittelmass dominiert. Als Schutz. Und dadurch unvermeidlich als Haltung.

Kurz: Misstrauen ist heute keine ausreichende Haltung mehr. Weder politisch noch künstlerisch. Das Problem ist, dass sich die Macht aufgespalten hat: in eine Elite, deren Verdienst nicht auf der Höhe ihres Gehalts ist. Und eine Anti-Elite, die versucht, klein zu machen, was zu kriegen ist. Zwei Lager, zu denen man nicht gehören will.

Wachhunde, im Rudel, im Druck

Wie bei jeder Entwicklung ist die Presse daran nicht schuld. Und nicht unschuldig. Journalisten sind die Wachhunde der Demokratie – ein edler Job. Und ein heikler. Denn auch Wachhunde haben die Instinkte aller Rudeltiere. Wer je in einer Redaktion gearbeitet hat, kennt das belebende Fieber, das ausbricht, wenn irgendein Prominenter angeschossen ist. Alle sind plötzlich sehr wach, fröhlich, und tatendurstig.

Das Belebende daran ist, glaube ich: das Gefühl der Macht. Denn in der Regel ist Journalismus deprimierend wirkungslos. Selbst dem cleversten Artikel gelingt es kaum je, die Meinung auch nur eines Lesers zu kehren, geschweige denn die öffentliche Meinung. Aber die Karriere einer einzelnen Person zu beenden, das funktioniert, immer wieder. Köpfe sind einfacher zu ändern als Gehirne.

Das ist nichts Neues. Jörg Fauser beschrieb es 1985 in einem Dialog in seinem Krimi «Das Schlangenmaul». Der Detektiv, ein Ex-Boulevard-Reporter, unterhält sich mit einem Freund:

«Evelyn darf man nicht so ernst nehmen», sagte ich, «Sie glaubt immer noch, dass Journalismus aus Fragen und Antworten besteht.»

«Und woraus besteht er deiner Ansicht nach?»

«Wenn einer hinfällt, ihm in die Fresse treten», sagte ich und trank meinen Jasmintee aus.

So läuft das Spiel seit Erfindung der Rotationsdruckmaschine, vor allem im Boulevard. Neu ist, dass es heute mit fast der gleichen Wucht in der seriösen Presse läuft. Die Gründe dafür sind die Sparprogramme, die Leser, die gesteigerte Geschwindigkeit:

  1. Je schmaler die Redaktion, je höher das Tempo, desto stärker konzentriert sich die Redaktion auf die kleinen Geschichten. Grosse Skandale sind oft komplex, juristisch wie als Geschichte: etwa Steuergesetze, die den Konzernen Milliarden bringen. Kleine Storys, etwa eine 1000-Franken-Spesenrechnung eines Abgeordneten, ein dummer Nebensatz oder eine schwarz arbeitende Putzfrau sind dagegen klare, überschaubare Geschichten.
  2. Moral ist eine günstig produzierbare Ware. Sie ist jederzeit herstellbar. Kein Wunder, werden täglich Zeigefinger geschwenkt, wenn man schon an jeder Hand einen hat.
  3. Ein Jahrzehnt Online-Kommentare haben die Redaktionen – Print wie Online – nicht unberührt gelassen. Und das lauteste Echo liefern vor allem die Empörten. Auch wenn diese oft verachtet werden, ihr Echo ist die stärkste Reaktion auf den Journalismus. Und hat dadurch auf die Strategie der Zeitungen zurückgewirkt. So sucht man in der Redaktionskonferenz täglich den «Aufreger».
  4. Es gibt – nicht zuletzt bei von Oligarchen gekauften Blättern – das Fox-News-Prinzip: Aus einer Ecke zu schiessen. Meist gegen den sogenannten Mainstream. Mit dem Ziel, egal welches Thema – Folter, Rechtsstaat, Klimaerwärmung – als «umstritten» zu zeichnen: als Widerstreit zweier Meinungen.
  5. Dasselbe passiert auch in neutralen Blättern: Nur dass die Redaktion hier widersprechende Meinungen besorgt. Und die Schaukämpfe so inszeniert, als sei Meinung eine teure Ware. Obwohl sie so billig herstellbar ist wie Moral.

Kurz, bei der Optimierung von Produktion und Wirkung gilt das Rezept: Als gute Ware gilt schlechte Laune.

Deine Mutter, unter Schmerzen

Das Problem mit diesem Modell ist: Es ist zwar in der Herstellung billig, aber wir können es uns nicht leisten:

  1. Weil wir das falsche Publikum anziehen. Auf Websites gilt die Faustregel: Zehn Prozent der Leute generieren 90 Prozent der Klicks. Genannt werden diese «heavy users» oder manchmal: die Infoelite. Ich bezweifle Letzteres. Leute, die manisch auf News-Websites gehen, sind grösstenteils sicher keine glücklichen Leute, erfüllt in Privat- und Berufsleben: Es sind Verlierer. (Ich gehöre dazu, an meinen Verlierertagen.) Und die empörten Kommentarschreiber sind zu weiten Teilen Menschen, die sich ewig für übervorteilt halten. Das ist kein Club, zu dem irgendjemand von Gelassenheit oder Verstand dazugehören will. Und einen Hauch Clubatmosphäre brauchen wir, wenn wir Abonnenten wollen, da ein Abonnement heute keine Routineangelegenheit mehr ist, sondern ein Bekenntnis.
  2. Weil wir im grossen Stil die Wirklichkeit verzerren. In der Debatte zum deutschen Wahlkampf wurden zentral Themen besprochen wie: Autobahngebühren für Ausländer, die Haltung der Grünen zu Pädophilen in den 80er-Jahren, ein Vegetariertag, Steinbrücks Zeigefinger oder eine Koalition Linkspartei-SPD. Nur am Rand ging es um Eurokrise, Überwachung, die digitale Revolution oder die neue Rolle Deutschlands als dominierendes Land in Europa. Das heisst: Auch wenn alle Artikel akkurat waren, in ihrer Summe waren sie es nicht. Die kleinen Geschichten wurden gemacht, nicht die grossen. Und das spüren die Leser – Vertrauen verliert ein Medium weniger durch einzelne Fehler, sondern durch kontinuierliche Irrelevanz. Nur sehr einsame Leute bezahlen Tag für Tag dafür, dass ein Schwätzer sie besucht.
  3. Weil wir unser Leben verschwenden. Die Herstellung von Unfug ist fast genauso anstrengend wie die Herstellung von vernünftigem Zeug. Als Journalist verbringt man sein Leben so und so im Job. Und man wurde nicht von seiner Mutter unter Schmerzen geboren, um lebenslang Nippsachen zu produzieren – und nicht einmal solche, die Spass machen.

Haltung, eine Chefsache 

Natürlich sind die einzelnen Artikel die Verantwortung ihres Autors. Also eine Frage von individuellem Können und Integrität. Doch ihre Summe ist das nicht.

Das Problem der Zeitungen – knappe Ressourcen, hohes Tempo – ist kein moralisches, sondern ein Management-Problem. Die meisten Zeitungen sind miserabel gemanagt. Das nicht zuletzt deshalb, weil in den Verlagen die Meinung herrscht, Journalismus sei ein People-Business. Wie ein Verleger an einem Kongress sagte: «Beim Zeitungsmachen geht es ja immer nur um dasselbe: Man muss ein paar wirklich gute Journalisten einstellen. Punkt.»

Doch das ist Unfug – so wie ein zusammengewürfeltes Star-Ensemble im Fussball. Und je weniger Geld da ist, desto teurer wird es, eine Zeitung nicht als Mannschaft zu verstehen. Der Grund: Eine Zeitung ist eine Routinemaschine. Täglich fallen in ihr Hunderte Entscheidungen. Da diese niemand kontrollieren kann, fallen sie fast alle dezentral und automatisch, ohne grosse Frage. Doch beim Sparen wird die austarierte Maschine verletzt. Sie versucht instinktiv mit weniger Ressourcen dasselbe Produkt wie zuvor zu machen.

Doch das ist ein tödlicher Fehler. Denn Zeitungen sterben schleichend, nicht spektakulär. Es ist nicht so, dass bei Überlastung plötzlich weisse Flecken im Blatt erscheinen. Oder dass der Auslandteil zwei Tage ausfällt. Selbst unter chronischem Stress erscheint das Blatt täglich weiter – nur Schattierung um Schattierung grauer. Stetig eine Spur routinierter, liebloser, weniger klar im Kopf. Eine Zeitung stirbt, indem sie schrumpelt. Und wenn dann ihr Tod verkündet wird, weint niemand um sie: Denn sie war schon seit langem eine Enttäuschung. Der Nachruf ist jedes Mal derselbe: Sicher schade um die Jobs, aber nicht um das Produkt. Das war vielleicht vor Jahren mal gut, aber lange her.

Was aussieht wie ein natürlicher Tod, war Mord. Hauptsächlich dadurch, dass das Management einer Zeitung in Krisenzeiten zwar spart, aber nicht ein neues Produkt denkt. Eines, das zu den Ressourcen passt. Sondern trickst. Plötzlich haben alle möglichen Leute doppelte Funktionen, komplexe Titel, weitere Aufgaben. Der ganze Laden läuft heiss. Das Organigramm wirkt dann wie ein Mensch mit zu kleiner Bettdecke: Sobald ein Körperteil bedeckt ist, liegt ein anderer nackt.

Das Problem dahinter ist eines der Chefs:

  1. Es wurden keine Prioritäten gesetzt. Keine Inseln des Reichtums geschaffen, keine Aufgaben gekappt. Dadurch läuft die Redaktion im roten Bereich, schlechte Laune herrscht, Leute kündigen, die Zurückgebliebenen arbeiten mehr als vorher, nur weniger erfolgreich: Denn ihr Produkt ist bestenfalls okay, aber nicht gut. Und in der Aufmerksamkeitsökonomie sind die Gesetze grausam: Niemand dankt einem dafür, etwas okay zu machen.
  2. Im Stress (wie allerdings in den fetten Zeiten zuvor auch) wird Zeit dadurch gespart, indem man die Gespräche minimiert. Kaum eine Zeitung, in der man wirklich miteinander spricht: über Ziele, Stil, Strategie, kurz: die Haltung des Blatts. Das ist ein schlimmer Fehler, gerade in Sparzeiten. Denn eine Haltung zu erarbeiten, ist zwar ein mühsamer, zeitraubender Prozess. Doch sobald man eine hat, wird die Arbeit sehr viel schneller: Alle wissen, was man tut. Und warum. Wohin man will. Und wohin nicht. Haltung ist kein Luxus. Sie ist das Werkzeug, unter Druck stimmige Entscheidungen zu treffen.

Die richtige Haltung zu finden, ist nicht die Frage eines klugen Papiers oder gar eines knappen Befehls. («Ab morgen langweilen wir unsere Leser nicht mehr, Müller 2!») Sondern eines langen, wiederholten, die ganze Mannschaft betreffenden Diskussionsprozesses. Zu sehr einfachen, aber unverzichtbaren Fragen wie:

  • Was tun wir genau? Was gut, was schlecht?
  • Was davon ist unverzichtbar, was nicht?
  • Wohin wollen wir, wohin nicht?
  • Was brauchen wir dazu?
  • Und – noch wichtiger – was lassen wir weg?
  • Und im Alltag: Was gehört zu unserem Stil? Und noch wichtiger: was keinesfalls?

Das Risiko dabei ist, dass derartige Fragen offen gestellt werden müssen. Und dass die Antworten nicht immer angenehm sind. Und so etwas wie Klarheit und Konsens Zeit braucht. Doch führt man die Debatte, hat man danach eine Mannschaft, einen Stil, eine Richtung, kurz: ein Produkt, das lebt, statt nur zu wuchern.

Ein neuer Feind

Interessanterweise haben die Redaktionen intern und im Publikum denselben Feind: die Erschöpfung. Die Erschöpfung einer hart arbeitenden Mittelklasse, die langsam den Verdacht hat, dass auf jede gemachte Arbeit einfach weitere Arbeit folgt. Und die deshalb moralisch ausgelaugt ist: möglichst keine weiteren Ideen, keine neuen Probleme, keine weiteren Leute, keine Experimente, keine neuen Nachrichten.

Das Misstrauen des ausgelaugten Bürgertums richtet sich beileibe nicht nur gegen die Elite der Profiteure. Oder nur gegen Ausländer. Oder Berufsgruppen wie Politiker, Manager oder Journalisten. Es ist ein Misstrauen gegenüber dem Leben selbst.

Es ist das Misstrauen saturierter Leute, die nichts Klares mehr zu gewinnen haben, aber unklar vieles zu verlieren. Und das Misstrauen angestellter Leute, die ahnen, dass sie in etwas geraten sind, worin auch die meisten Redaktionen umgebaut wurden: in eine Tretmühle. Eine Veranstaltung ohne klares Ziel, aber mit drohendem Ende.

Es liegt in der Verantwortung des Managements, hier etwas zu tun. Das Entwickeln von Prioritäten, Zielen, Stil, kurz: einer gemeinsamen Haltung. Und dem Gefühl, gehört zu werden. Auch wenn die Tretmühle eine bleibt, auch wenn ihre Zukunft unvorhersagbar ist: Man könnte sie mit mehr Ehrlichkeit, mehr Klarheit, mehr Freundlichkeit betreiben.

Das ist umso notwendiger im Journalismus. Denn dieser ist – und hier haben die Verleger recht – letztlich wirklich ein People-Business. In keiner Industrie sonst arbeiten Dutzende Leute täglich an Einzelstücken. Und es hängt an der Motivation jedes Einzelnen, dass diese Stücke den entscheidenden Hauch klarer, schärfer, strahlender sind.

Misstrauen als Produkt

Aber zurück zum Anfang. Was tun mit Misstrauen als Produkt? Denn auf Kritik der Macht lässt sich nicht verzichten. Ohne sie ist die Presse ein Wachhund aus Plüsch.

Historisch gab es dafür viele Modelle. Die Parteipresse der Vorkriegszeit war bissig, aber einseitig: Im anderen Lager sitzen Teufel. In der geistigen Landesverteidigung hiess es: Die Obrigkeit hat immer recht. Dann, nach 1968, folgte die grosse Zeit des Recherchierjournalismus: Dieser hatte nicht zuletzt enorm Erfolg, weil in den zahnlosen Jahrzehnten davor so viele Leichen aufgehäuft wurden und sie auch nur höchst oberflächlich begraben waren. Dann, als die 68er wohlhabend und desillusioniert geworden waren, startete die Zeit des Pitbull-Journalismus: Jeder, egal ob links oder rechts, gross oder klein, wird scharf gebissen, sobald er Schwäche zeigt. Und schliesslich, seit dem Online-Zeitalter, folgte die schnelle und müde Variante des Pitbulls: der Journalismus der schlechten Laune. Per Schnellfeuer werden kleine, mittlere und grosse Verfehlungen quasi unterschiedslos mit Moralpredigten bestraft.

Doch das Resultat dieses Journalismus können wir uns nicht leisten: Empörung. Nicht nur, weil Dauerempörung die Demokratie zerstört. Sondern vor allem, weil systematische Empörung die zentrale Ressource zerstört, die für die Herstellung wie den Kauf von Nachrichten verantwortlich ist: die Neugier. In einer Welt, in der es alle besser wissen, ist das Finden von Neuigkeiten unmöglich. Und die Nachfrage danach null.

Was also tun?

  1. Der «Aufreger» bleibt zwar ein Kriterium im Journalismus. Aber er ist vergiftete Ware. Man soll nicht zu lange nach einem suchen, wenn es keinen gibt. Und auch nicht künstlich einen herstellen. Etwa durch irgendwelche Thesen, in denen Dummköpfe Tabus brechen.
  2. Der Brei ist das Schlimmste. Eine Redaktion muss zwischen grossen Fällen und kleinen Fällen unterscheiden. Und in den grossen Fällen klar und hartnäckig sein. Und in den kleinen Fällen grossherzig. Die Augenbraue heben genügt.
  3. In den grossen Fällen – meistens komplex, teuer, gefährlich – braucht es wie bei jeder Expedition ein Team. Also Ressourcen, Zeit, Leute, Absprache zwischen diesen. Kurz: ein Projekt-Management.
  4. Was die grossen, was die kleinen Fälle sind? Das ist eben eine Frage der Haltung. Und damit der Debatte in der Redaktion: Bis wohin reicht unser grosses Herz und wo packen wir den Schürhaken aus? Egal, wie wir das entscheiden, wir müssen wissen, wer wir sind, bevor wir zuschlagen.

Doch selbst das genügt noch nicht. Ist wirklich die Erschöpfung des Publikums das Problem – und ich glaube, es ist es –, dann brauchen wir noch etwas Stärkeres. Denn sonst fällt auch begründete, klare, richtige Kritik nur in den Topf der allgemeinen Suppe. Ich glaube, wir brauchen eine neue Produktelinie, die Kontrast schafft: einen Journalismus der Freundlichkeit.

Aber dazu nächste Woche.

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