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Das Böse im Auftrag des Guten

Constantin Seibt am Freitag den 16. Mai 2014

Sorry. Der Eintrag hier kommt spät. Die Ostergrippe. Eine Doppelwoche Fieberträume. Und dann in Berlin die re:publica.

Eigentlich geht es hier um ein altes Projekt: eines Tages das Gift wegzulassen und nur noch herzlich zu schreiben. Leider habe ich den Plan exakt ein einziges Mal umgesetzt, dort, wo ich ihn fasste. Das war vor zehn Jahren, in einem Nachruf auf Johnny Cash:

Der, der ich niemals sein werde

Wenn ich Johnny Cash höre, dann denke ich Folgendes: dass man ein korruptes Genre nehmen und etwas Persönliches daraus machen kann. Dass es darauf ankommt, irgendwann am Ende ganz einfach zu werden. Dass man Journalismus machen sollte, wie Cash singt: mit einer Bibel und einer Kanone. Dass Gott zwar die achtet, die arbeiten, aber die liebt, die singen. Dass man nicht lügen, stehlen, verletzen sollte. Dass es für dich keine Gnade gibt: Nichts rettet vor Krankheit, vor Angst und vor dem, was du all jenen angetan hast, die du liebst. Dass echte Würde darin besteht, der Leere ins Auge zu blicken. Dass es nicht um Klugheit, sondern um Demut geht. Dass auch du es eines Tages schaffen wirst, ohne Furcht zu leben, ohne Lüge und ohne Schnörkel. Amen.

Wenn ich Johnny Cash höre, bin ich der, der ich niemals sein werde.

Vielleicht ist Zeit, endlich damit vorwärtszumachen.

Böse sein

Das Problem dabei ist dasselbe wie in den meisten Berufen: Ein guter Charakter ist der Gegensatz zu einem guten Job.

Ich traf neulich eine Schulfreundin, die ein hohes Tier bei den Sozialdemokraten geworden war. Ich sagte: «Berufspolitikerin! Warum tust du dir das an?» Sie dachte kurz nach und sagte: «Ich kann Leute über den Tisch ziehen, ich kann Indiskretionen verbreiten, Fallen stellen, Dummköpfe im eigenen Lager ausbremsen, Gegner ärgern – und das alles, damit am Ende das Richtige passiert. Ich kann das Böse tun im Auftrag des Guten.»

Ich verstand sie sofort. Denn im Journalismus läuft es sehr ähnlich. All das, was an der eigenen Person widerwärtig ist – Verletzungen, Strebertum, Machtwillen, Unentschiedenheit, Ängste –, macht einen im Job zu einem besseren Menschen. Weil man mehr versteht und mehr will.

Ausgeglichene Leute haben in einer Zeitungsredaktion wenig verloren. Nur zwei Beispiele: Wer nicht schief in der Welt hängt, kriegt nie den Blick hin, der zählt: den von aussen. Und das Porträt von Schurken aller Art bleibt blass ohne nahe Verwandtschaft. Selten schreibt man überzeugender, als wenn man die eigenen Fehler bei anderen Leuten korrigiert. Der Job als Reporter braucht Schärfe; und die ist ohne innere Säure nicht zu haben. Selbst das Unschuldigste an unserem Beruf, die Neugier, ist undenkbar ohne die Grausamkeit des kindlichen Blicks.

Nur, das ist die eine Seite. Wie zuletzt in diesem Blog beschrieben, ist schlechte Laune im Journalismus inflationär geworden. Das steigende Tempo und das schrumpfende Personal führen dazu, dass kleine Skandale masslos ausgewalzt werden. Macht ein Politiker einen blöden Witz oder eine clevere Spesenrechnung, erscheint eine ganze Kaskade von Artikeln. Auf der Strecke bleiben dabei die grossen Skandale: etwa die Steuerreform, die Konzernen Milliarden schenkt. Deshalb, weil der grosse Skandal im Brei von kleinen untergeht. Einen Wachhund, der ständig bellt, nimmt niemand ernst.

Ausserdem ermüdet die tägliche Lieferung von Empörung wie der schimpfende Opa im Tram. Deshalb ist ein schlechter Charakter nicht mehr der Publikumsmagnet, der er einmal war. Schon aus dramaturgischen Gründen braucht es mehr Grossherzigkeit: etwa bei der Unterscheidung zwischen grossen und kleinen Fällen. Und zusätzlich braucht es Kontrast. Es wäre Zeit für eine neue Produktlinie: den Journalismus der Freundlichkeit.

Hinreissende Bücher

Freundlichkeit gehört für Journalisten nicht zum traditionellen Geschäft. Sie ist weitgehend unerforschtes Gebiet. Kein Wunder, fallen mir als Vorbilder kaum Artikel, sondern drei journalistische Bücher ein:

  • Die «Curry Connection» von Bruno Ziauddin. Ein Buch, in dem der Sohn nach dem Tod seines indischen Vaters dorthin reist, wo er nie hinwollte: nach Indien. Und dort 5 Tanten und 34 Cousins kennenlernt.
  • «Faszination Federer» von Dominique Eigenmann. Ein Essay eines nüchternen Menschen, der sich zu seiner Überraschung in die Perfektion eines Tennisspielers verliebt.
  • «Der Zirkus» von Nils Minkmar. Das melancholische Porträt des chancenlosen, vermasselten, tapsigen und tapferen Wahlkampfs von Peer Steinbrück.

Die drei Bücher, alle geschrieben von abgefeimten Profijournalisten, haben eine Gemeinsamkeit. Ihre Autoren geraten in einen Strudel: die indische Verwandtschaft, das Auf und Ab eines ausgelieferten Fans, ein Jahr Wahlkampf. Es sind hinreissende Bücher, weil ihre Autoren hingerissen worden sind.

Freundlichkeit ist eine Funktion der Nähe; und wie eine Freundschaft ist sie ohne eine gemeinsame Reise nicht zu haben. Das im Gegensatz zur PR. Kuscheljournalismus ist das Gegenteil von nah. Man schiesst positive Adjektive mit Schrotflinte in einen Routine-Text. Es ist ein Job, so emotionslos wie ein Auftragsmord. Nur dass man statt mit Kugeln mit Mozartkugeln schiesst.

Das eigentliche Drama im freundlichen Journalismus ist das von Nähe und Distanz. Es sind fast ausnahmslos Texte von kühlen Menschen mit einem heissen Herz. Also von Menschen im Zwiespalt. Denn für einen Profi ist Pathos eine Peinlichkeit. Das zentrale Problem (und damit der zentrale Motor) dieser Art Text ist: Wie bringt man aufs Papier, dass man überwältigt wurde, ohne eins von beidem zu verraten – das Pathos und die Professionalität?

Es ist ein Genre für die wirklich guten Schreiber. Ziauddin etwa benutzt die alte Taktik der Selbstironie und dazu eine unglaubliche Variationsbreite in der Form. (Das Buch ist ein stilistischer Stunt – mit den verschiedenen Methoden, die es benutzt, um das wimmelnde Leben in Indien zu beschreiben, könnte man locker ein Jahr Journalistenschule füllen.)

Eigenmann dagegen verzichtet komplett auf Ironie und stellt sich dem Pathos der Liebe vor dem Fernseher. Er gewinnt so eine ziemlich raffinierte Doppelperspektive auf Federer: Als bedingungsloser Fan vor Bildschirm und Computer hat er gleichzeitig intimste Nähe und weite Distanz.

Minkmar beschreibt mit Peer Steinbrück jemanden, der vom Gros der Presse instinktiv verachtet wird: einen Spitzenpolitiker. Und einen Verlierer. Und er zeichnet ihn mit Respekt und Ernst. Selten wurde Politik so berührend beschrieben: in ihrer Kleinarbeit, ihrer Hilflosigkeit, ihrem harten, aufrichtigen Kampf, die Welt ein wenig vernünftiger zu machen.

Konstruktiver Journalismus

Ein grosszügiger Blick schafft oft verblüffende Erkenntnisse. (Das tut der misstrauische Blick zwar auch. Aber er ist heute so automatisiert, dass die Erkenntnisse oft abgegriffen sind. Ein Medienberater fragte etwa einmal, nach welchen Kriterien die deutsche «Tagesschau» ihre Nachrichten auswähle. Die Antwort: Es gibt keine, ausser: Es müssen schlechte Nachrichten sein.)

Anfang dieses Jahres entwarf der Chefredaktor des dänischen Rundfunks, Ulrik Haagerup, ein Gegenmodell: Constructive Journalism. (Das Buch erschien unpraktischerweise auf Dänisch.)

Haagerup plädiert für toughe Recherche, aber auch für ihre Ergänzung durch gute Nachrichten. Also aus Storys wie den folgenden:

  • Das Gelungene. Das, was nicht schiefgeht, erfreulich ist und Erfolg hat.
  • Das Nicht-Duell. Bei einem Duell tendieren die Kontrahenten schon aus Vorsicht dazu, bei ihren rhetorischen Standards zu bleiben. Das Gespräch gleicht einem rituellen Schwertkampf. Tatsächlich sind die Talkshows und Interviews fast immer interessanter, bei dem die Protagonisten sich im Grossen einig sind, aber dafür über Methoden, Stil, Chancen und eigene Schwächen reden.
  • Die Alternativen. Der zentrale Satz des neoliberalen Zeitalters stammt von dessen Pionierin Margaret Thatcher: «There is no alternative.» Sie brauchte ihn als Begründung so oft, dass ihre Minister eine Abkürzung dafür erfanden: Tina. Mit Tina wurde seither alles begründet, was unangenehm ist: Privatisierungen, Fusionen, Entlassungen, Sparpolitik, Überwachung. Nun ist Tina der antipolitische (und antiunternehmerische) Satz par excellence: Er verneint, dass es Entscheidungen gibt, dass es Optionen gibt, dass es Verantwortliche gibt. Die Pflicht des Journalisten, so Haagerup, ist, jeweils die Alternativen zu recherchieren. Schon um den Lesern zu sagen: Es gibt die Wahl. Wir sind nicht ausgeliefert.

Was mir an Haagerups Idee gefällt, ist, dass sie subversiver ist als die mechanische Kritik. Erstens, weil Leser in einer Mischung aus Good News und Bad News auf eine unberechenbarere Achterbahn geschickt werden. Zweitens, weil Journalisten bei Klein-klein-Kritik schnell zu «Inspektoren im Dienst der herrschenden amtlichen und moralischen Normen» werden. (So Daniel Di Falco in einem brillanten Essay zu Empörungsjournalismus.) Und drittens, weil sie das Feld der Sensationen wesentlich erweitert.

Junge Murmeltiere

Eines der Dinge, die einen als Profi an der Gerechtigkeit der Welt zweifeln lassen, ist die Statistik, was auf Social Media geteilt wird. In Amerika liegt etwa die Kategorie «Good News» von «Huffington Post» ziemlich weit vorn. Und in Deutschland walzt die Billigseite Heftig.co in den Sharestatistiken auf Facebook gerade die grössten Newsseiten nieder: mit den süssesten Tieren, Kindern, Tests, Musikern und Alltagsüberraschungen.

Niedlichkeiten schlagen Nachrichten. Das ist schrecklich unfair. Oder doch nicht? Irgendwann, Anfang der Dreissigerjahre, versuchte Günther Anders, seine Freundin Hannah Arendt zum Besuch des Berliner Zoos zu überreden.

Er: Aber es wurden junge Murmeltiere geboren! Die können wir uns ansehen!

Sie: Ich interessiere mich nur für den Menschen.

Er: Murmeltiere sind auch kontingent! Sie sind auch nur einmal auf der Welt!

Sie: Vergiss es.

Es ist (hier grob aus dem Gedächtnis zitiert) der einzige Dialog, den Günther Anders zwischen sich und seiner späteren Ehefrau aufschrieb. Und deshalb wenig erstaunlich einer, in dem er natürlich recht hat. Denn von was handelt der Journalismus? Von der Welt und von Sensationen.

Doch die Sensationen, die die Presse bevorzugt bringt, sind stark reduziert: Etwas läuft krumm, jemand ist krumm. Das lässt viel weg. Liest man Heftig.co genauer, ist die Seite zwar unaktuell, zusammengeklaut, billig. Aber in einem Punkt ist sie sehr konsequent gemacht: Sie bedient die ganze Palette an Sensationen, die möglich ist. Etwa:

  • Verblüffung: «Dieser einfache Test wird 98 Prozent aller Menschen ziemlich umhauen.»
  • Bewunderung: «Dieser Mann kippt komisches Zeug über sein Auto. Später habe ich kapiert, warum… und wurde absolut neidisch.»
  • Mitleid: «Als eine Schülerin zu einer Party fuhr, ahnte sie nicht, was sie erwartet. Als ich das Ende sah, musste ich weinen.»
  • Rührung: «Diese französische Bulldogge will nicht ins Bett. Ihre Argumente sind umwerfend.»
  • Witz: «Dieser Hund versucht so sehr, sich mit der Katze anzufreunden… Du wirst vom Stuhl fallen vor Lachen.»
  • Blanke Neugier: «Ich schütte kochendes Wasser bei –41 Grad aus dem Fenster. Schau an, was passiert.»
  • Den Schauer, den man beim Anblick schöner Dinge bekommt: «Ein Mann hat Fotos von einem Flugzeug aufgenommen. Was er gesehen hat, ist unglaublich.»

Zugegeben, ich mag den Stil dieser Überschriften nicht. Sie setzen so offen auf Manipulation, dass es einen beleidigt. Doch sie sind nicht ohne Wahrheit. Denn frisch geborene Murmeltiere, das Rätsel, das Gutgemachte, das ganze zeitlose Drama von Leid, Mut, Verblüffung gehören auf diese Welt, so wie korrupte Politiker.

Und da eine Zeitung, wenn sie Erfolg haben will, ebenfalls ein kleiner, kompletter Kosmos ist, gehören diese Dinge auch dort hinein. Die Augen auch danach offen zu halten, gehört zu unserem Beruf.

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